Landkreis Diepholz zieht Bilanz

Corona-Pandemie macht das Problem Schulabsentismus unsichtbar

Homeschooling ist eine große Herausforderung für Schüler, Familien und Schulen. Es verzerrt außerdem die Statistik zum Schulabsentismus, denn Fehlzeiten im Homeschooling fließen nicht in die Statistik ein.
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Homeschooling ist eine große Herausforderung für Schüler, Familien und Schulen. Es verzerrt außerdem die Statistik zum Schulabsentismus, denn Fehlzeiten im Homeschooling fließen nicht in die Statistik ein.

Es gibt sie, so lange es Schulen gibt: Jungen und Mädchen, die nicht zum Unterricht kommen. Kinder und Jugendliche, die Schule meiden, leben auch im Landkreis Diepholz. Will heißen: Schulabsentismus ist auch in diesem Lebensraum ein Problem. 5 348 Fehltage waren allein im Schuljahr 2015/16 registriert worden – ausgelöst von 163 Schülern, darunter 14 Grundschüler.

Landkreis Diepholz – 28  Schulen hatten dem Fachdienst Bildung Schulabsentismus gemeldet – 55 Wiederholungsverfahren gab es schon vor sechs Jahren. Ein Jahr später waren es bereits 67 Wiederholungsverfahren und insgesamt 202 betroffene Schüler. 6 751 Fehltage hatten sich im Schuljahr 2016/17 aufgesummt. Das Problem in den Grundschulen verschärfte sich: 13 Jungen und Mädchen blieben der Schule fern – mehr als doppelt so viele als noch im Vorjahr. Fast verdoppelt hatte sich die Zahl der betroffenen Schulen, sie stieg von 28 auf 50.

Landkreis Diepholz: Erlass des Kultusministerium macht Fehlzeiten im Homeschooling nicht nachverfolgbar

Der Fachdienst Bildung legte im Schulausschuss eine Statistik vor. Daraus geht hervor, dass die Fallzahlen kontinuierlich anstiegen – bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie mit ihren schulbegrenzenden Maßnahmen. Im Schuljahr 2019/20 waren „nur“ 4 169 Fehltage registriert worden – ausgelöst von 137 Schülern (darunter zwölf Grundschüler) an 36 Schulen.

„Fehlzeiten im Homeschooling und während des Digitalunterrichts stellen nach Erlasslage des Kultusministeriums derzeit keinen Ordnungswidrigkeitentatbestand dar und können somit nicht verfolgt oder geahndet werden“, so der Fachdienst Bildung zur Rechtslage. Will heißen: In die Statistik fließen nur die Fehltage im Präsenzunterricht ein.

Twistringer Schulsozialarbeiterin spricht sich für individuelle Problemlösung aus

Fakt ist: Die meisten Fälle gibt es in der Sekundarstufe I, daran hat sich seit sechs Jahren nichts geändert. Schulabsentismus kommt in allen Schulformen vor – auch am Gymnasium. „Wichtig ist, in jedem Fall sensibel zu reagieren“, erklärt Maria Stenner-Dieckmann, Schulsozialarbeiterin am Twistringer Hildegard-von-Bingen-Gymnasium, auf Anfrage dieser Zeitung. Denn jeder Fall hat seine eigene Geschichte, seine eigene Problematik: „Jedes Kind hat seinen Grund dafür, wenn es nicht zur Schule kommt. Und diesen Grund müssen wir versuchen, zu ermitteln.“

Ein solcher Grund könnten Versagensängste sein, die aus Leistungsdruck entstehen. Genauso könnten Probleme im Elternhaus, eine Trennungssituation oder ein Todesfall zum Beispiel, ein Auslöser für Schulabsentismus sein – also starke Angst. „Was passiert Zuhause, wenn ich in der Schule bin?“, beschreibt Maria Stenner-Dieckmann die Frage, die betroffene Kinder quält.

Schülerinnen und Schüler nach Problemen stundenweise an Unterricht heranführen?

Andererseits könnten natürlich auch Situationen mit Lehrkräften oder Mitschülern dazu führen, dass Kinder nicht mehr zur Schule kommen. Oder sie lehnen Schule ab, weil sie keine Wahl haben: Ihre Eltern haben diesen Weg so für sie bestimmt.

Schulsozialarbeit sei enorm wichtig, sagt Maria Stenner-Dieckmann: „Wir gehen ins Gespräch. Wir versuchen, eine Brücke von der Schule zu Kindern und Eltern zu bauen.“ So sei es möglich, zunächst einen zweistündigen Schulbesuch des betroffenen Kindes zu erreichen und danach ein Gespräch zu führen: „Wie was das? Wie hast du das ausgehalten?“ Auf dieser Basis könne dann weiter gearbeitet werden. „Man muss immer schauen: Ist das ein Modell, das gelingt?“ Eine Lösung hänge immer vom konkreten einzelnen Fall ab, so die Schulsozialarbeiterin.

Landkreis Diepholz arbeitet an Elternratgeber zum Schulabsentismus

Hat die Corona-Krise das Problem befeuert – auch wenn es im Homeschooling nicht sichtbar ist? „Im Präsenzunterricht ist natürlich leichter zu sehen, wer fehlt“, antwortet Maria Stenner-Dieckmann. Deshalb sei der enge Kontakt, das regelmäßige Gespräch mit den Lehrkräften so wichtig: Wer aus der Klasse hat seine Arbeiten nicht abgegeben? Wer ist bei Video-Konferenzen nicht dabei?

Ob Homeschooling oder Präsenzunterricht: Eine elementare Rolle haben die Eltern als Erziehungsberechtigte. Sie zu sensibilisieren, ist also besonders wichtig. Das Bildungsbüro des Landkreises und der Fachdienst Bildung setzen deshalb auf Information. „Die Arbeitsgruppe Schulabsentismus hat einen Elternratgeber entwickelt, der sich in der Endabstimmung befindet“, so der Fachdienst. Dieser Ratgeber soll im Herbst vorgestellt werden.

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