Cinema vor ungewisser Zukunft / „Twistringen nicht zukunftsorientiert“

Seele oder Säle

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Das Herz von Holger Glandorf hängt am Cinema in Twistringen. Es war das erste Kino der Familie.

Twistringen - Von Maik Hanke. Wie geht es eigentlich dem Twistringer Kino? Unsere Presseanfrage erwischt Inhaber Holger Glandorf in einer nachdenklichen Phase. Das Twistringer Kino, das ist nämlich so eine Sache. Ja, es läuft – aber die Perspektive ist nicht gut. Glandorf steht bald vor einer schwierigen Entscheidung: Herz oder Kopf. Oder provokant ausgedrückt: Seele oder Säle.

Schon ein kurzer Blick aufs Wochenprogramm des Cinema verdeutlicht eins: Es ist ziemlich übersichtlich. Ein Saal, ein Film. Und ein Kinobesuch nach drei Wochen „007 – Spectre“ zeigt: Wer wollte, hat den Film wahrscheinlich schon gesehen. Wie kann das Kino so eigentlich funktionieren?

„Wenn ich rote Zahlen machen würde, hätte ich es doch längst dicht gemacht“, sagt Holger Glandorf. Aber der Geschäftsmann hat ein Gespür für Trends. Und der zeigt nach unten.

Das Cinema ist für Glandorf eine Herzensangelegenheit. Es war das erste Kino der Familie, das sein Vater Franz-Josef 1984 in Twistringen aufgebaut hatte. Aber der 47-jährige Holger Glandorf, der neben Twistringen noch Kinos in Sulingen und Nienburg hat, findet auch, er sei zu jung, um einfach alles beim Alten zu lassen und nur zu verwalten.

Zwei Umstände machen Glandorf in Twistringen das Leben schwer. Einmal der Umgang mit den Filmverleihern. Sie verlangen zu hohe Leihpreise für die Filme, setzen kleine Kinos wie in Twistringen mit den Giganten in den Großstädten gleich, und diktieren knallharte Verträge.

Eine Klausel darin: Wer einen bestimmten Blockbuster spielen will, darf dann halt in dem Zeitraum keinen anderen Film zeigen. Eine bittere Pille für das Ein-Saal-Kino Twistringen. Aber Glandorf muss sie schlucken, wenn er Leute locken will.

Glandorf hat darüber nachgedacht, einen zweiten Saal anzubauen. Einen ganz kleinen für 30, 40 Leute, nebenan, in der kleinen Durchfahrt. Das würde schon reichen, wäre aber alles anderes als günstig. Mit 150000 bis 200000 Euro müsste man wohl rechnen. Aber dieser Plan ist unrealistisch, gibt Glandorf zu. Es würde sich schlicht nicht lohnen. Grund ist der zweite Umstand: der Standort an sich. „Twistringen ist nicht zukunftsorientiert“, klagt Glandorf.

Leute von auswärts kämen zum Beispiel zum Einkaufen kaum noch in die Delmestadt. Das merkt auch das Cinema. Wer woanders einkauft, geht auch woanders ins Kino.

Kino muss sich auf seine Stärken besinnen

Wie soll es also weitergehen? „Wenn ich nur geschäftlich denken würde, würde ich nach Nienburg gehen“, sagt Glandorf. Dort brummt seit drei Jahren sein Drei-Säle-Kino. „Mehr Geld würde ich dort auf alle Fälle machen.“

Auch wenn er in Twistringen mit einem weiteren Saal vielleicht 30 Prozent mehr Besucher bekommen würde, in Nienburg würden es wohl 50 Prozent sein, schätzt er.

Der Twistringer Glandorf wohnt mittlerweile selber in Sulingen. Eine zwingende Verantwortung für seine Heimatstadt empfindet er nicht mehr. Aber ins Grübeln kommt er immer noch. Er will ja bleiben. Er will ja.

Glandorf wünscht sich mehr Unterstützung, auch von städtischer Seite. Ausstellungen, die sonst Platz im Ratssaal finden, könnten ja auch mal im Kino veranstaltet werden, überlegt er. „Da ist wesentlich mehr drin.“

Das Kino muss sich sowieso zukünftig neu strukturieren. Denn die Verbraucher verändern sich. Ein Grund ist die schnelle Verfügbarkeit von Filmen im Internet. Gerade Jugendliche und junge Erwachsene seien derzeit nur schwer zu erreichen. Das Kino muss sich daher auf seine Stärken besinnen: Eventcharakter, das gemeinschaftliche Erlebnis und modernste Technik.

Ob Holger Glandorf nochmal in den Standort Twistringen investiert, weiß er noch nicht. Mit der Entscheidung will er sich Zeit lassen. „Es geht ja nicht um heute oder morgen.“ Aber er kündigt an: „In drei oder vier Jahren wird was passieren.“

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