Twistringer in Nigeria

Zur Arbeit nur mit Polizeischutz: Christian Masurenko erlebt Corona-Pandemie in Afrika

Markttreiben Ende Oktober in Nigeria.
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Markttreiben Ende Oktober in Nigeria.

Corona hält Deutschland fest im Griff. Die Pandemie in Afrika zu erleben, ist aber noch mal was ganz anderes. Christian Masurenko aus Marhorst bei Twistringen ist erst kürzlich aus Nigeria zurückgekehrt und berichtet von der Zeit des Lockdown und den schwierigen Lebensbedingungen dort.

  • Twistringer arbeitet in einem Steinbruch in Nigeria
  • Mit Sondergenehmigung und Polizeieskorte zur Arbeitsstelle
  • Mitarbeiter berichten von Aufständen während des Lockdown

Marhorst/Abuja – Seit 1996 ist Christian Masurenko mehr als die Hälfte des Jahres auf dem afrikanischen Kontinent als Geologe tätig. Vor sechs Jahren hat er aktiv im Krisenmanagement gegen das Ebola-Virus in Liberia mitgewirkt. Aktuell führt ihn sein Job nach Nigeria – mit mehr als 214 Millionen Menschen der bevölkerungsstärkste Staat Afrikas. Wie er dieses Jahr und die Corona-Pandemie dort erlebt hat, erzählt er in einem Gespräch mit dieser Zeitung. Masurenko ist erst kürzlich wieder wohlbehalten in Marhorst angekommen.

Der 52-Jährige ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne. Nach seinem Studium zog es ihn nach Afrika. Zu Beginn begleitete ihn Ehefrau Daniela, ebenfalls Geologin. Seit der Familiengründung jedoch reist er allein. Die Familie hat ihren Lebensmittelpunkt in Marhorst.

Selfie unter Polizeischutz: Christian Masurenko mit Arbeitern im Steinbruch.

Eigentlich wollte Masurenko bereits Anfang April wieder an seinen Arbeitsplatz reisen, einen Granitsteinbruch in der Nähe von Abuja in Nigeria. Doch der Lockdown in dem afrikanischen Staat verschob seine Reise bis zum Herbst. Nigeria hatte sowohl den Land- als auch den See- und Luftweg komplett dichtgemacht. Nicht einmal Reisen zwischen den Bundesstaaten war mehr möglich. „Die Menschen durften ihre Häuser nicht verlassen, Schulen wurden geschlossen und Märkte dichtgemacht“, erzählt Masurenko.

Sieben Tage Quarantäne trotz negativem Testergebnis

Nach vier Umbuchungen und zwei Neuanträgen für ein Visum ging es dann endlich los. Insgesamt waren es vier Corona-Tests, die der Familienvater durchlaufen musste. Doch kaum hatte er das Land betreten, ging es für ihn trotz negativem Testergebnis in eine siebentägige Quarantäne. „Ich war während meines Auftrags im Hause unseres Kunden untergebracht, das ich zunächst eine Woche nicht verlassen durfte.“ Erst nachdem er nochmals negativ getestet worden war, durfte er zur Baustelle fahren. Aber nicht allein, sondern mit Polizeischutz und einer Sondergenehmigung im Gepäck. Denn es galt immer noch der temporäre Lockdown. Sprich, es durfte nur mit entsprechender Genehmigung von einem Bundesstaat in den nächsten gereist werden. „Das ist so, als wenn wir von Niedersachsen nach Bremen nur mit einer Sondergenehmigung fahren könnten.“

„Niemand durfte das Haus verlassen“

Von den Arbeitern erfuhr er, was während des Lockdowns los gewesen war: Von heute auf morgen sei alles geschlossen gewesen, es fuhren weder Bahnen noch Busse, alle Staaten seien abgeriegelt gewesen. Niemand durfte das Haus verlassen. Polizei und Militär hätten in den Straßen patrouilliert und jeden festgenommen, der angetroffen wurde. „Nach zwei Tagen sollen die ersten Aufstände begonnen haben, denn die Menschen hatten Hunger. Dadurch gab es eine kleine Lockerung, die zuließ, dass man einmal die Woche zum Einkaufen das Haus verlassen durfte. Nun muss man wissen, dass die Menschen in Nigeria sehr arm sind“, erklärt Masurenko. Arbeitslosengeld, Hartz IV oder sonstige sozialen Leistungen gebe es in Nigeria nicht. „Ein Großteil der Bevölkerung arbeitet als Tagelöhner. Es gab also auch kein Geld, die Märkte, auf denen man günstig einkaufen konnte, waren wegen Corona dicht und die Supermärkte für die einfache Bevölkerung zu teuer.“

Coronatest-Stationen gibt es in Nigeria zahlreich.

Während dieser Zeit haben er und seine zwei Kollegen versucht, die Mitarbeiter in Afrika zu schulen, um weiter im Steinbruch arbeiten zu können. – Per Livestream. „Ich saß in meinem bequemen Sessel in meinem Büro in Marhorst und mein Mitarbeiter in Nigeria in einem 30 Quadratmeter großen Raum, in dem sich auch seine Frau und seine vier Kinder befanden.“ Durch den hohen Lärmpegel und der schlechten Internetverbindung habe er seinen Mitarbeiter gebeten, sich einen ruhigeren Platz zu suchen. Was er nicht wusste: diesen fand er nur draußen. Er setzte sich nicht nur dem Regen aus, sondern auch der Gefahr, von der Polizei entdeckt und verhaftet zu werden. „Da wurde mir bewusst, obwohl ich es eigentlich hätte besser wissen müssen, dass es woanders sehr viel schlimmer aussieht, als bei uns hier in Deutschland.“

68 Tote bei Aufständen

Bei den Aufständen sollen 68 Menschen den Tod gefunden haben.

Aber Masurenko lobt auch die Regierung in Nigeria. „In Nullkommanichts wurden dort Testlabore eingerichtet und in allen Städten Isolations- und Behandlungszentren aufgebaut.“ Ob die Zahlen, die von rund 85 000 Infizierten mit „nur“ 1 250 Toten daher rühren, glaube er nur zum Teil. „Die Afrikaner haben ein junges Durchschnittsalter, das bei 35 Jahren liegt und dadurch einen milderen Verlauf, sagen Studien“, so Masurenko. Außerdem hätten die Menschen dort durch andere schwere Krankheiten wie Malaria und Typhus vielleicht ein stärkeres oder anderes Immunsystem.

Heute gelte zwar Maskenpflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln, die Schulen seien immer noch geschlossen – es wird ein ganzes Schuljahr am Ende ausfallen –, aber Corona sei kaum noch ein Thema, die Polizeigewalt allerdings schon.

„Die Corona-Tests, die privat bezahlt werden müssens, kann sich die Bevölkerung nicht leisten, da diese ein bis zwei Monatslöhne kosten.“ Und wann die Menschen dort geimpft werden, lasse sich noch nicht absehen.

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