Tausende Rückmeldungen

Firmenchef schickt Bons nach Berlin: SPD reagiert auf kuriose Aktion

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Fritz Wüppenhorst sammelt kartonweise unerwünschte Kassenbons.

Sowohl bei Kunden als auch Geschäftsinhabern hat die seit 1. Januar geltende Kassenbon-Pflicht Frust ausgelöst. Fritz Wüppenhorst, Unternehmer aus Twistringen und Betreiber einer Tankstelle mit angegliedertem Markt und Bistro, hat unerwünschte Kassenzettel gesammelt – und drei Kartons nach Berlin zu Olaf Scholz geschickt. Die Rückmeldungen waren überwältigend. Auch von der SPD gab es eine Reaktion.

Update, 22. Januar: Fritz Wüppenhorst hat Post aus der SPD-Zentrale in Berlin erhalten. Dorthin hatte der 67-Jährige drei Kartons der ungeliebten Bons geschickt, die er pflichtgemäß hatte ausdrucken müssen. Den Eingang der drei Kartons in der Berliner SPD-Zentrale bestätigte nun Klaus Voß vom SPD-Vorstand. „Vielen Dank für Ihr Schreiben an Olaf Scholz“, heißt es in dem Brief, der dieser Zeitung vorliegt – und weiter: „Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass Olaf Scholz nicht mehr im Willy-Brandt-Haus zu erreichen ist, da er hier keine Funktion ausübt. Ich bitte Sie daher, von der weiteren Versendung von Kassenbons an das Willy-Brandt-Haus abzusehen.“

Verständnis für Twistringer Unternehmer

Fritz Wüppenhorst wird in dem Brief die konkrete Adresse von Finanzminister Olaf Scholz genannt. Ob die SPD-Zentrale die drei Bon-Kartons dorthin weitergeleitet hat, geht jedoch nicht aus dem Schreiben hervor. Gleichwohl zeigt Klaus Voß großes Verständnis für die Lage des Twistringer Unternehmers: „Ich kann ihren Unmut hinsichtlich der Bonpflicht nachvollziehen.“ Aber: „Bereits 2016, unter Finanzminister Schäuble, wurde dazu das ,Kassen-Betrugs-Bekämpfungsgesetz' beschlossen. Das Ziel war und ist es, dem existierenden Steuerbetrug in Höhe von zehn Milliarden Euro jährlich einen Riegel vorzuschieben. In vielen unserer Nachbarländer ist dies bereits gängige Praxis und sorgt für nennenswerte Steuermehreinnahmen.“ 

Enorme Welle von Reaktionen nach Bon-Karton-Aktion

Es liege in der Verantwortung der Industrie, so teilt der Sprecher der SPD-Zentrale dem Twistringer Unternehmer weiter mit, „manipulationssichere Kassen zu entwickeln und einzuführen, die ohne Ausdruck des Kassenbons Betrug verhindern.“ Insbesondere zum vielfach kritisierten und von Wüppenhorst angesprochenen Thermopapier gebe es gute Alternativen. Mit seiner Bon-Karton-Aktion hatte Fritz Wüppenhorst eine enorme Welle von Reaktionen ausgelöst. Allein auf der Facebook-Seite dieser Zeitung reagieren 1.692 Menschen – der größte Teil mit positiven Signalen. 366 Leser hatten Kommentare geschrieben, und 505 den Bericht über die Aktion geteilt.

Update, 10. Januar: Immer wieder hat der Twistringer Unternehmer Fritz Wüppenhorst (67) Reaktionen auf seine Aktion erhalten, drei Kartons mit den ungeliebten Kassenbons nach Berlin zu schicken. Allein auf der Facebook-Seite von kreiszeitung.de reagierten 1.660 Leser, 348 schrieben Kommentare. „Die meisten waren positiv“, sagt Fritz Wüppenhorst, der jetzt auf eine Antwort aus der SPD-Zentrale in Berlin wartet. 

Denn: „Nur drei bis fünf Prozent unserer Kunden wollen einen Bon“, berichtet der Unternehmer über den Alltag in der Tankstelle mit Compactmarkt und Bistro an der Bremer Straße in Twistringen. 

Belege gehen beim Finanzamt Syke ein

Ziel der neuen Bonpflicht ist es, Steuerhinterziehungen aufzudecken. Aber funktioniert das nicht nur, wenn Kunden dem Finanzamt ihre Bons zur Verfügung stellen? Dass solche Belege beim Finanzamt Syke bereits eingegangen sind, bestätigt auf Anfrage dessen Vorsteher Andreas Beyer. „Aber es sind Einzelfälle.“ Und die habe es vor Einführung des neuen Gesetzes schon gegeben – verbunden mit dem Wunsch von Bürgern, das Finanzamt möge in dem betreffenden Geschäft doch eine Betriebsprüfung durchführen. Unabhängig davon hätten Betriebsprüfer bei Testkäufen schon selbst Kassenbelege bekommen. Die habe es ja vor Einführung des neuen Gesetzes schon gegeben – in Supermärkten, Hotels und Restaurants zum Beispiel. 

Aus Sicht des Finanzamtes schafft die neue Bonpflicht durchaus Klarheit. Denn: „Die Informationen, die auf dem Bon stehen, sind nicht automatisch im System hinterlegt“, betont Andreas Beyer. Gemeinsam mit einer Betriebsprüferin stellt er klar: Solange kein Beleg ausgedruckt sei, könne man nicht sicher sein, was genau in die Kasse eingetippt wurde – womöglich andere Produkte oder andere Beträge. Das könne erst mit dem Bon nachvollzogen werden. Er schafft also Transparenz. 

Weitere Standards für Registrierkassen

Registrierkassen müssen ab 1. Oktober über weitere Sicherheitsstandards verfügen: „Die Seriennummer des Kassensystems und des Sicherheitsmoduls sind verpflichtend.“ Genau das schiebe Manipulationsmöglichkeiten, zum Beispiel durch veränderte Software, einen Riegel vor. Deshalb könne das Finanzamt wesentlich effektiver prüfen. Ohne zusätzliches Personal.

Originaltext, 8. Januar: Twistringen – Fritz Wüppenhorst ist Unternehmer – und Pragmatiker. Seit 1974 betreibt er in Twistringen ein Autohaus mit Werkstatt, zu dem auch eine Tankstelle mit einem gut sortierten Compact-Markt nebst Bistro an der Bremer Straße gehört. 

Seit 1. Januar, seit dem Start der Kassenbon-Pflicht, ist der Handwerksmeister gefrustet: „Das kann ich so nicht durchgehen lassen. Ein absoluter Schildbürgerstreich!“, ärgert sich der 67-Jährige – und hat bereits gehandelt: „Drei Kartons voll mit Bons habe ich schon nach Berlin geschickt.“

Kassenbons gehen per Post an Vizekanzler Olaf Scholz

Adressiert hat er sie an die SPD-Zentrale, weil der sozialdemokratische Vizekanzler und Finanzminister Olaf Scholz das Zettel-Gesetz verteidigt hat. Fritz Wüppenhorst dagegen meint: Es ist absolut sinnlos. „Wenn jemand zum Beispiel 7,60 Euro bezahlen muss, dann steht dieser Betrag auf dem Display der Kasse. Da schaut der Kunde hin – und dieser Betrag wird auch verbucht!“

Trotzdem sei es Pflicht, den Kunden den ausgedruckten Bon an die Hand zu geben. „Die meisten lachen drüber“, beschreibt Fritz Wüppenhorst deren Reaktion. Nur Einzelne würden ihn mitnehmen, andere die Kassenzettel wiederum achtlos auf den Hof werfen – was dem Unternehmer noch mehr Arbeit macht: „Die müssen wir dann wieder zusammenfegen.“

Kunden können Kassenbons in die Tonne werfen

Nach den ersten Erfahrungen dieser Art hat Fritz Wüppenhorst eine Tonne aufgestellt, in die sowohl die Kunden als auch er und seine Mitarbeiter die ungeliebten, abgelehnten Kassenzettel werfen.

Deren Inhalt reichte bisher für drei stattliche Kartons, die der 67-Jährige postwendend auf die Reise in die Bundeshauptstadt schickte. „Dort sind sie auch angekommen und angenommen worden“, stellt der Unternehmer fest. Selbstverständlich hat er die Paketlieferung verfolgt – und nicht umsonst für jedes elf Euro Porto bezahlt.

Im Schnitt nutzen rund 500 Kunden pro Tag die Tankstelle mit Compact-Markt nebst Bistro, berichtet Fritz Wüppenhorst. Öffnungszeiten: rund um die Uhr an fast 365 Tagen im Jahr. Nur Heiligabend und Silvester ist von 18 Uhr bis 7 Uhr geschlossen. Jeweils zwei Mitarbeiter arbeiten in vier Schichten.

Bon-Pflicht: Unternehmer braucht drei Rollen Spezialpapier pro Tag

Kunden bekommen bei Wüppenhorst nicht nur Treibstoff für ihre Fahrzeuge, sondern auch Getränke, Süßwaren und eine große Auswahl an Snacks. Außerdem ist das Angebot an Lebensmitteln gut sortiert – selbst Mehl ist zu haben, wenn für eine spontane Backaktion in der heimischen Küche keines mehr vorhanden ist. Und: Grillkohle gibt es auch im Winter. Die sei gerade in der Weihnachtszeit stark nachgefragt gewesen, verrät Fritz Wüppenhorst.

Etwa drei Rollen Spezialpapier braucht der Unternehmer pro Tag, um alle Kassenbons auszudrucken: „Eine Rolle kostet 98 Cent“, rechnet der 67-Jährige vor – also pro Jahr ein Betrag von mehr als 1 000 Euro. Viel entscheidender sind für ihn aber die Inhaltsstoffe des Papiers. Zwar dürfen Thermorollen für Kassenbons laut EU-Vorgabe nicht mehr die gesundheitsschädliche Chemikalie Bisphenol A enthalten.

Trotzdem kann sich Fritz Wüppenhorst gut vorstellen, wie in einem Bäckereifachgeschäft zum Beispiel der unsichtbare Staub aus dem Druckvorgang der Kassenbons langsam über die Brötchen rieselt.

Unternehmer wartet auf Antwort aus SPD-Zentrale

Der 67-Jährige hat längst ausgerechnet, dass er an der Wüppenhorst-Tankstelle bis Mitte Februar einen 16-Tonner voller Kassenbons gesammelt haben wird. Jetzt wartet er auf Antwort aus der SPD-Zentrale zum frustrierenden Gesetz: „Ich will wissen, warum?!“

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