Flüchtlingsunterkunft in Twistringen: Beobachtungen am Rande

In aller Stille

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Noch stehen die Betten draußen. Wenig später sind sie aufgebaut.

Twistringen - Von Heinrich Kracke. Noch gar nicht so lange her, da trugen die Zimmer Namen. „Klasse 2 a“ stand da, oder „Küche“. Jeder sah, wer in diesem Räumen beheimatet ist. So unübersichtlich ist es in der Schule im Twistringer Osten nicht. Und dennoch trugen die Räume Namen. Als müsse den Jungen und Mädchen noch einmal schriftlich gegeben werden, wo sie hingehören.

Wo ihre Freunde zu finden sind, wo ein Stück Heimat ist. Vielleicht schwang auch ein bisschen Stolz mit, ein bisschen Selbstbewusstsein. Alles Vergangenheit, vorerst jedenfalls. Seit Freitagmorgen sind die Namensschilder weg. Jetzt geht es auf Schildern am langen Flur organisatorisch zu. „12 Personen“ steht auf dem ersten Schild neben einer Tür, „20 Personen“ auf dem nächsten. Und so weiter. In der Sporthalle ist besonders viel Platz. Bis zu 180 Flüchtlinge erhalten ein Dach über dem Kopf. Am kommenden Mittwoch sollen die ersten eintreffen. Die erste große Flüchtlingsunterkunft im Nordkreis Diepholz. Jetzt ist das Drama, das die meisten nur von der Mattscheibe kennen, jetzt ist es ganz nah. Und das macht es nicht leichter.

Von Personen ist auf den Schildern die Rede, noch nicht von Menschen. Helfern helfen diese Schilder beim Orientieren. Bettgestelle laden sie ab. Den ganzen Morgen schon fahren schwere blaue Lastwagen des THW auf den Hof, der mal ein Pausenhof war. Sie bringen Betten, die einst in Bundeswehrkasernen standen. Dort braucht sie niemand mehr. Weggeworfen wurden sie dennoch nicht. Jetzt stehen die Etagenbetten dicht an dicht in den Zimmern. „Bis Sonntagabend soll alles fertig sein,“ sagt ein Helfer.

Vorrangig Ehrenamtliche sind es, die an diesem ganz normalen Freitagmorgen Dienst tun. Dass an einem solch schönen sonnigen Spätherbstmorgen vielleicht der Garten ruft, oder der Einkauf, oder ein Hobby, dem man am freien Tag ebenfalls hätte nachgehen können, das sagt keiner. „Dienstag wusste ich noch nichts von diesem Einsatz,“ sagt einer. Jetzt steht er halt zur Verfügung. Den Sonnabend auch. Er schaut aus dem Fenster auf den Schulhof. Dort schleppen sie Stühle.

Und schon packt er wieder an. Ruckzuck steht das nächste Bett, und gleich das übernächste. Gesprochen wird nicht viel, und wenn doch, dann auffällig gedämpft. In der Sporthalle sind längst Barren und Turnmatte abtransportiert. Basketballkörbe und Kletterwand bleiben, sie stören nicht. Zwei Mitarbeiter einer Baufirma richten die Hallendecke her. Einer steht oben auf der Leiter, der andere unten, ständig müssen sie kommunizieren. Sie tun es in gedeckter Lautstärke. Baustellen klingen sonst anders. Nebenan wirkt ein Installateur. Acht Duschen wird er bis kommenden Mittwoch aufgestellt haben mit fließend kaltem und warmen Wasser. Auch das geht erstaunlich lautlos.

Die Anfrage haben sie erst in der vergangenen Woche erhalten, die Baustelle erst am Donnerstag besichtigt, ein Angebot über Nacht erstellt, und am nächsten Morgen standen sie schon parat. „Da muss man helfen. Schnell helfen,“ sagt einer. Spätestens in diesem Moment sind aus den Personen, die noch gar nicht da sind, Menschen geworden, denen Hilfe anzudienen ist. Hilfe in der Not. Das findet nie lautstark statt. Vielleicht deshalb diese denkwürdige Stille in all den Räumen.

Pastor Arnold Kuiter schaut vorbei. Es sind ja nur ein paar Meter. Pastoren haben ein Gespür für Stimmungen. Auch er. Schon den Abend vorher habe er eine „wohlwollende Stimmung in der Bevölkerung festgestellt“, sagt er, den Abend, als das Rathaus überquoll vor Menschen, weil Landrat und Bürgermeister zu einer Informationsveranstaltung für Anlieger eingeladen hatten.

Es kam ja alles überraschend. Auch er, sagt Arnold Kuiter, er habe erst Mitte der Woche erfahren, was geplant sei. Und jetzt beginne schon der Umbau. „Ich habe Verständnis dafür, dass manche Nachbarn verunsichert sind. Bei Neuem ist man immer erstmal verunsichert.“ Dennoch sei die Stimmung zu keinem Zeitpunkt ins Gereizte abgedriftet. Zu keinem. Gewiss, Landrat Cord Bockhop habe beruhigend gesprochen, so habe er es empfunden, sagt Kuiter, aber es sei von vornherein nie erhitzt zugegangen, nicht mal genervt. „Das fand ich gut.“

Im Gegenteil. Hilfe ist angeboten worden. Erst kürzlich habe eine Schulklasse Kuchen gebacken und ihn verkauft und den Erlös ins Pfarrbüro gebracht, alles zu Gunsten der Flüchtlingshilfe. Auch Sachspenden werden bereits angeboten. Allerdings bitten die offiziellen Stellen noch um Geduld. Erst müsse der wirkliche Bedarf geklärt werden. „Das kann noch ein paar Tage dauern.“

Ehrenamtliche Mitarbeit ist ihm ebenfalls angedient worden, sagt Pastor Kuiter. Er bringe dann das Flüchtlingscafé der Kirche ins Gespräch. Jeden dritten Mittwoch im Monat öffnet es die Pforten. Zuletzt war die Besucherzahl auf über 50 angestiegen. „Wir überlegen jetzt natürlich, ob wir häufiger öffnen.“

Auf dem Pausenhof ist inzwischen ein Feuerwehrwagen aus dem Südkreis vorgefahren. Eine schwere Gulaschkanone hieven sie von der Ladefläche und tragen das heißes Geschirr in die Pausenhalle. Tische und Stühle wurden hier inzwischen zusammengerückt. Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks, Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes, dessen Kreisverband Diepholz dieFlüchtlinge künftig betreut, Einsatzkräfte der Feuerwehr, Reinigungspersonal, sie alle sitzen bunt gemischt vor ihrer lecker duftenden Mahlzeit. Auch hier diese seltsame Stille. Selbst nach dem Nachtisch noch.

Nur eine Bitte hätten sie, sagt einer der Helfer. „Nicht aufs Foto“, sagt er. „Und keine Namen.“ Er sage das aus gutem Grund, fügt er hinzu. Es klingt wie eine Entschuldigung. Andernorts sei es schon vorgekommen, dass Helfer attackiert wurden, ehrenamtliche Helfer. Dem wolle er vorbeugen. Sagt es und kehrt zur seiner Aufgabe zurück. Betten aufstellen in der ehemaligen Küche. Lediglich das große Bild, das Eltern einst an die Wand gemalt haben, ist noch übrig geblieben aus vergangenen Zeiten. Ein Teddybär mit einem dicken, großen Herz ist darauf zu sehen. Unter dem Bild stehen Namen. Es wirkt wie ein Willkommensgruß.

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