Unterwegs mit den Twistringer Gästeführern

Auf den Spuren einer Epidemie: Als in Scharrendorf eine Seuche ausbrach

Marion Urbanski, verkleidet als Maria Adelheid.
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Marion Urbanski, verkleidet als Maria Adelheid.

Fließend Wasser, Desinfektionsmittel, frische Kleidung: Heute ist das normal. Es ist aber noch gar nicht allzu lange her, da mussten viele Menschen in der Region unter miserablen hygienischen Bedingungen leben. In Twistringen-Scharrendorf führte das zu einer Epidemie. Ein neues Angebot der Twistringer Gästeführer zeigt Spuren dieser schrecklichen Zeit, gibt Einblicke in die frühere Strohindustrie und macht Geschichte erlebbar.

Twistringen - Twistringen, vor etwas mehr als 150 Jahren: Maria Adelheid stapft zum Bach, wie jeden Morgen. Sie leert dort ihren Nachttopf und wirft Küchenabfälle ins gleiche Wasser, mit dem sie sodann ihr Gesicht wäscht. Nichtsahnend, dass sie als erstes Opfer einer grausamen Epidemie in die Geschichte eingehen würde.

So könnte es laut Marion Urbanski gewesen sein. „Sie wird sich etwas eingefangen haben, weil damals alles sehr unhygienisch war“, erzählt die Gästeführerin. Es ist August 2021, und Urbanski steht an der Bachstraße in Twistringen. Direkt daneben fließt die Delme, die dort kaum mehr als ein Bächlein ist. Vielleicht wusch sich Maria Adelheid einst an genau dieser Stelle. Verwunderlich wäre es nicht. In alten Dokumenten steht, dass sie sich an einer „Bäke“ eingemietet hatte. Zudem war sie Strohhutnäherin, und in unmittelbarer Nähe lag die Strohhutfabrik Behrens.

Twistringer Gästeführer bieten „Trilogie in Stroh“ an

Die ehemalige Fabrik und der Bach sind die ersten Stationen einer neuen Entdeckertour der Twistringer Gästeführer. Im Rahmen einer „Trilogie in Stroh“ bieten sie für Gruppen ab acht Personen einen Stadtspaziergang auf Maria Adelheids Spuren an. Die „Trilogie“ umfasst drei Bausteine, die separat oder in Kombination gebucht werden können.

Die Trilogie in Stroh: Verschiedene Bausteine

Modul 1: Strohhut - Bei einem Rundgang durch die Stadt geht es um die Strohhutnäherin Maria Adelheid, ihre Familie, ihre Arbeit, ihren tragischen Tod und die fatalen Folgen. Dauer: etwa zwei Stunden. Preis: Fünf Euro pro Person.

Modul 2: Strohbrot - Einem kurzen Stadtspaziergang folgt ein Picknick im Reisegarten mit kleinen, regionalen Köstlichkeiten. Dauer: etwa 1,5 Stunden. Preis: Zehn Euro pro Person.

Modul 3: Strohmuseum - Bei einer Führung durch das Museum erleben Teilnehmer Stroh-Geschichte. Sie können unter anderem historische Maschinen und alte Handwerkstechniken bewundern. Dauer: circa 1,5 Stunden. Preis: Fünf Euro pro Person

Alle Module sind für Gruppen ab acht Personen buchbar. Termin und Treffpunkt nach Vereinbarung. Weitere Information und Buchung: Stadt Twistringen, Silke Perin, 04243/413107, s.perin@twistringen.de

Maria Adelheid ist zum Zeitpunkt unserer Geschichte zwischen 25 und 30 Jahre alt. Eine arme Frau aus einer kinderreichen Heuerlingsfamilie in Scharrendorf, die für einen kargen Lohn in Twistringen Strohhüte näht – so sollte es später der Pfarrer und Dechant Sebastian Brüggemann berichten.

Marion Urbanski trägt während der Entdeckertour so einen Strohhut. Und, wie früher üblich, ein Schultertuch. Die Kleidung lässt erahnen, wie Maria Adelheid ausgesehen haben könnte. „Sie hat sicherlich nur auf einem Strohsack geschlafen“, sagt Urbanski. Das sei aber nur eine Vermutung. „Belegt ist, dass Maria Adelheid erkrankte. Ihre Mutter und Schwester kamen nach Twistringen, um sie zu pflegen.“

Maria Adelheid stirbt am 16. Januar 1867 an den Folgen der Scharrendorfer Krankheit

Maria Adelheid stirbt am 16. Januar 1867. Weder ihre Familie noch der hinzugezogene Arzt Dr. Hunfeld konnten sie vor dem Tod bewahren. Schwester und Mutter nehmen das wenige Hab und Gut von Maria Adelheid mit nach Scharrendorf. Ein verheerender Fehler ...

Die Entdeckertour mit Marion Urbanski führt vorbei an der St. Anna Kirche, die im Jahr von Maria Adelheids Tod abgerissen und später an gleicher Stelle gebaut wurde. Von der Kirche aus lässt sich ein Blick auf die Hirschapotheke erhaschen. Dort gab es laut Urbanski schon zu Maria Adelheids Lebzeiten, als Twistringen noch ein 1400-Seelen-Dorf war, eine Apotheke. Die Gästeführerin schwenkt kurz zur Medizin um 1967 ab. Thermometer und Stethoskop habe es schon gegeben, erklärt sie, aber es sei oft einfach herumexperimentiert worden. Dann erzählt sie, wie es nach Maria Adelheids Ableben weiterging: „Im Oktober bekamen auf einmal Schwester und Mutter die gleichen Symptome, wie auch Adelheid sie hatte.“

An der Bachstraße. Hier könnte sich Maria Adelheid mit Flecktyphus infiziert haben.

Die Schwester überlebt, die Mutter nicht. Schnell breitet sich die Infektionskrankheit aus: Flecktyphus, auch Nervenfieber genannt. Charakteristisch sind Schüttelfrost, Erbrechen, Fieber und die Umnebelung des Bewusstseins. Um zu helfen, reisen 13 Schwestern aus den Franziskanerinnenorden zu St. Mauriz an. Drei bezahlen mit ihrem Leben, zuletzt Schwester Huberta am 22. April 1868.

Die Scharrendorfer Pest fordert über 60 Tote. Mehr als 250 Personen erkrankten. Der Grabstein der „barmherzigen Huberta“ steht noch heute auf dem Friedhof der katholischen Kirchengemeinde. Direkt daneben: der des Pastors Brinkmann, der Toten die letzte Salbung spendete und letztlich selbst der Krankheit erlag. Ein Seelsorger mutmaßte damals, Brinkmann wäre verschont geblieben, hätte er nur nicht dem Schnupftabak abgeschworen – eine von vielen Anekdoten, welche Teilnehmer der Entdeckertour kennenlernen.

Der Grabstein von Schwester Huberta.

Viele Aspekte der Geschichte der Scharrendorfer Krankheit sind wieder aktuell

Es sei erstaunlich, wie viele Aspekte von Maria Adelheids Geschichte wieder aktuell sind, findet Marion Urbanski. Während der Krankheit seien Schulen geschlossen worden, wie auch in der Corona-Pandemie. Es habe zudem Abstandsregeln gegeben: Leute aus Scharrendorf-Stöttinghausen sollten die Twistringer Kirche meiden. Bereits 1863 gab es laut Urbanski medizinische Berichte, in denen mangelnde Ventilation in kleinen Zimmern bemängelt wurde. Das erinnere an heutigen Auseinandersetzungen übers Lüften und Luftfilter. Nicht zuletzt sei da die Diskussion um die medizinische Versorgung. „In Folge der Scharrendorfer Krankheit hat man das erste Krankenhaus gebaut. Man hat sich gesagt: So kann es nicht weitergehen“, so die Gästeführerin. Das erste dauerhafte Spital eröffnete im November 1868 an der Lindenstraße.

Von Katharina Schmidt

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