Johannes Schäfer rekonstruiert Werke von Erlebach

Alte Musik lebt wieder auf: Konzert in St. Anna Kirche

Vertreter von Förderkreis und Sparkasse freuen sich auf das Konzert: (v.l.) Ralf Warneke, Johannes Schäfer, Manfred Korthe, Elfie Ecker und Norbert Pelzer.
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Vertreter von Förderkreis und Sparkasse freuen sich auf das Konzert: (v.l.) Ralf Warneke, Johannes Schäfer, Manfred Korthe, Elfie Ecker und Norbert Pelzer.

Twistringen – Thüringen,1735: Die Heidecksburg in Rudolstadt brennt lichterloh. Die meisten Werke des Komponisten Philipp Heinrich Erlebach († 1714) gehen in Flammen auf. Von mehr als 1000 Kompositionen bleiben rund 70 übrig – voller Brandlöcher und vom Löschwasser beschädigt. Der Name Erlebach gerät fast in Vergessenheit. Jetzt, bald 300 Jahre später, sind drei seiner Kantaten erstmals wieder zu hören. Twistringens Regionalkantor Johannes Schäfer hat sie aus dem Dornröschenschlaf erweckt.

Erlebachs „Festliche Kantaten am Hof zu Thüringen“ erklingen am Sonntag, 21. November, ab 19 Uhr in der St.-Anna-Kirche. Der Förderkreis für Kirchenmusik in Twistringen lädt ein zu einem Konzert mit dem sechsköpfigen Barockensemble Hamburg sowie einem hochkarätigen Vokalquartett. Johannes Schäfer begleitet die Musiker an der Orgel.

„Zu Lebzeiten war Erlebach so bekannt wie Bach“, erzählt der Regionalkantor. „Seine Musik war damals überall bekannt. Die Menschen sind nach Rudolstadt gekommen, um sie zu hören. Einfache Leute. Das war keine Musik für Experten.“ Schäfer gerät ins Schwärmen, wenn er von den Kompositionen spricht. „Dass Erlebach nur noch so wenig bekannt ist, liegt daran, dass alles verbrannt ist.“

Die Stücke, die das Feuer im Schloss überlebt haben, sind im Internet einsehbar. Durch die Brandschäden und Tintenfraß sind sie allerdings schwer zu entziffern. Viele Noten und Worte lassen sich nur erahnen. Manches muss laut Schäfer zudem falsch notiert worden sein, anders ließen sich Ungereimtheiten nicht erklären. „Kein Mensch hat sich getraut, das zu rekonstruieren – beziehungsweise hatte die Lust dazu.“ Aber er ist überzeugt: „Was noch da ist, muss unbedingt an die Öffentlichkeit!“

In mühevoller Kleinarbeit arbeitete er die Töne und den in alter Deutscher Schrift geschriebenen Gesangstext auf. Note für Note, Buchstabe für Buchstabe. „Es gibt ein Wort in einer Kantate, dafür habe ich sage und schreibe Monate gebraucht: Es hieß Aschenbrödel.“ Er lacht: „Das war ganz schön viel Arbeit.“ Wer ein Blick auf die Dokumente wirft, glaubt ihm sofort: Kein einziges Wort ist für den Laien lesbar.

Schäfer werkelte ein halbes Jahr an den Erlebach-Kantaten. Die Musik dann zu hören sei ein „ganz beglückender Erfolg. So, als ob man ein Puzzle zusammenlegt. Ein Tonpuzzle.“ Trotz aller Mühe: Es sei ein schönes Hobby.

Der Regionalkantor hat in Thüringen angerufen und von seiner Arbeit berichtet. „Die Musiker dort haben mir das aus der Hand gerissen“, erzählt er. „Ich hab denen natürlich auch gesagt: Vieles ist von mir – da, wo die Brandlöcher sind, musste ich selber Hand anlegen. Einer wissenschaftlichen Untersuchung würde das daher nicht standhalten.“

Nichtsdestotrotz – die alte Musik lebt neu. Das Konzert am 21. November trägt den Titel „Sei Lob und Preis mit Ehren“. Der Christkönigtag war in St. Anna seit jeher das Datum eines großen Konzertereignisses mit Chor-, Solisten- und Orchesterbeteiligung. Chorgesang ist laut einer Mitteilung des Förderkreises für Kirchenmusik zwar wieder möglich, doch habe der Dekanatschor aufgrund der Pandemie zu wenig proben können. Daher gebe es dieses Jahr eine kleinere Besetzung, die aber von „vorzüglicher Qualität“ sei.

Alle Musiker des Vokalquartetts – Veronika Winter, Tobias Hechler, Keunhyung Less und Matthias Gerchen – können dem Förderkreis zufolge „beachtliche Gesangskarrieren vorweisen“ und „in technischer Vollendung den Raum grandios füllen“. Das sechsköpfige Barockensemble Hamburg unter Gesine Hildebrandt spiele auf historischen Instrumenten und habe langjährige Erfahrung mit anspruchsvollen und unbekannten Werken.

Die Sparkasse Twistringen sponsert das Konzert. Ohne deren Unterstützung wären die Karten angesichts der Qualität der Musiker deutlich teurer, verdeutlicht Schäfer.

Karten: Nur an der Abendkasse, 15 Euro (ermäßigt 8 Euro). Es gilt die 3G-Regel.

Von Katharina Schmidt

Kaum zu entziffern war die Schrift auf Dokumenten mit alten Werken von Philipp Heinrich Erlebach. Regionalkantor Johannes Schäfer hat sie entziffert.

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