Dramatische Situation in Twistringen

Ärzte weisen Patienten ab

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Martin Schlake übergibt das Wort an Michael Schmitz.

Twistringen - Von Sabine Nölker. „Wir haben ein kurzfristiges und ein langfristiges Problem“, brachte es Birgit Klingbeil am Mittwochabend auf den Punkt. Die Erste Stadträtin gehörte zu den mehr als 70 Zuhörern der Informationsveranstaltung zum Thema Ärztemangel. Eingeladen hatten Bürgermeister Martin Schlake und Bernhard Landwehr vom Sozialverband. Kurzfristig müsse eine Lösung her, damit etwa 1 000 Patienten von auswärtigen Hausärzten betreut werden können. „Langfristig müssen Ärzte her.“

Aktuell können etwa 1.000 Patienten nicht vor Ort versorgt werden. Darunter seien sehr viele ältere und nicht mobile Menschen, hieß es. Sie erreichen die auswärtigen Ärzte nur schlecht, Taxen seien eine zu hohe finanzielle Belastung.

Das Thema weckte Emotionen. Das merkte man an den Kommentaren der Zuhörer, aber auch an den Statements der anwesenden Ärzte, unter anderem von Dr. Brigitta Lampe, Dr. Ulrike von Bosse, Dr. Sven Dubbert sowie Dr. Ludwig Bexten.

„Die Situation ist grausam für uns und unsere Mitarbeiter“, erklärte Birgitta Lampe. „Wir sind am Limit angekommen, und werden sogar von Patienten, die wir nicht mehr aufnehmen können, bedroht.“

Dies sei eine Entwicklung der vergangenen zehn Jahre, erläuterte Ludwig Bexten. „Wir Hausärzte in Twistringen versorgen täglich doppelt so viele Patienten wie sonst durchschnittlich in Deutschland behandelt werden“, sagte er. Es täte ihm leid, Patienten abweisen zu müssen. „Es ist eine unwürdige Situation.“

Der Bürgermeister richtete sich an den verspätet eingetroffenen Geschäftsführer der Kassenärztlichen Vereinigung der Bezirksstelle Verden, Michael Schmitz. Die Leistungsgrenze sei nicht erreicht, sie sei längst überschritten. „Wie sehen Sie die aktuelle Situation?“

Schmitz bestätigte, dass die Lage vor Ort dramatisch sei. Die Ärzte müssten überdurchschnittlich viel arbeiten. Man versuche, die Situation so schnell wie möglich zu entschärfen. Das Problem sei, dass sich junge Ärzte einfach nicht vor Ort niederlassen wollen. „Sie benötigen einen langen Atem.“ Man mache aktiv Werbung.

Das eigentliche Problem sei die „politische Drangsalierung“ der Ärzte, meinte Bexten. Auch Apotheker Volkmar Schmees sieht unter anderem einen „großen Nachholbedarf in Sachen Vergütung“ von Ärzten.

Aus dem Publikum kam die Anregung, eine Gemeindeschwester einzusetzen, die vor allem die älteren und nicht mobilen Menschen versorgt. Ein weiterer Vorschlag war, einen Bürgerbus für diejenigen einzusetzen, die in Bassum, Harpstedt oder Sulingen einen neuen Hausarzt gefunden haben.

Auf Bextens Frage, was die Stadt aktiv unternimmt, um Ärzte anzuwerben, antwortete Schlake: „Wir haben eine gesunde Infrastruktur“. Unterstützung erhielt er in seiner Meinung von Schmitz, der davor warnte, einen „Investitionswettbewerb“ unter den Kommunen einzuleiten, sprich Werbeprämien für Ärzte in Aussicht zu stellen.

Innerhalb der nächsten Monate könne man wohl keinen jungen Arzt aus dem Hut zaubern. Die Lage wird sich in Zukunft noch verschärfen, bedenkt man den Altersdurchschnitt der Twistringer Hausärzte.

Eine von vielen Anwesenden erhoffte Lösung kam nicht auf den Tisch.

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