Acht Windräder lärmen in Üssinghausen / Drei Betroffene aus Ringmar wehren sich gegen geplante Anlage an der B51

„Nachts ist das Heulen das Schlimmste“

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Lärm und Schlagschatten: Claus Woida, der Windpark Üssinghausen im Hintergrund, keine 500 Meter entfernt.

Binghausen - Von Theo Wilke. „Das Heulen der Windräder ist am schlimmsten. Nachts müssen wir unsere Schlafzimmerfenster schließen. Und dann hören wir sie immer noch“, schildert Sabine Schelzke aus Ringmar. Seit Jahren sieht sie ihre Lebensqualität beeinträchtigt. Für die Zukunft fürchtet auch Ehemann Claus Woida eine zusätzliche Belastung: Das Unternehmen Gemüse Meyer plant eine 150 Meter hohe Windanlage. Schelzke setzt ihre letzte Hoffnung auf das fürs Frühjahr angekündigte neu aufgelegte Regionale Raumordnungsprogramm (RROP) des Kreises.

Die Betroffenen kritisieren, dass die Stadt Twistringen die Erweiterung des Gewerbe- und Industriegebietes Binghausen schnell noch durchdrücken wolle. „Die Kommune schafft hier ein Privileg zu Lasten normaler Mitbürger“, so Schelzke.

Die Künstlerin und der Maschinenbauer wohnen nah an der Twistringer Stadtgrenze, nördlich der B51 – knapp außerhalb des 500-Meter-Radius um das geplante Windrad, südlich der Bundesstraße. Auch Nachbarin Bärbel Schröder hat Beschwerde gegen das Windrad und die Zuwegung von der B51 aus, vorbei am Geflügelhof, eingelegt.

„Wir haben damals schon Lärm und Schattenwurf durch den Üssinghauser Windpark in Kauf genommen“, erklärt Schelzke. Mitte der 1990er-Jahre wurden die ersten zwei Anlagen errichtet, ab 2008 sechs weitere Windräder. Hinzu komme der Verkehrslärm von der B51, von der Bahnstrecke und vom Lkw-Fuhrpark des Unternehmens Meyer. Claus Woida: „Durch die neue Windanlage kriegen wir noch mehr ab.“ Zum Abend hin sorge der Schattenwurf aus Richtung Üssinghausen für „Disko-Beleuchtung auf der Diele“. Bei stärkerem Wind werde es richtig laut.

Umso mehr hat die Ringmarer das Windrad-Vorhaben überrascht. Sie verstehen nicht, dass die Stadt außerhalb des von ihr selbst festgelegten Windenergiestandortkonzepts eine einzelne Anlage ermöglichen will.

Die Begründung steht im B-Plan-Entwurf: Anlagen, die zum Beispiel „einem landwirtschaftlichen Betrieb dienen“, seien nicht von der Windenergieanlagen-Steuerung betroffen. Hier handele es sich um einen atypischen Fall. Ein vergleichbarer Fall eines Gewerbebetriebes mit einem solch immensen Energiebedarf (wie Gemüse Meyer) sei in Twistringen nicht vorhanden. Folglich müsse es auch keine Fortschreibung beziehungsweise Änderung des Standortkonzeptes geben.

Schelzke, Woida und Schröder setzen auf das neue Raumordnungsprogramm des Kreises: „Zum Schutz der Bevölkerung ist zwischen Wohnbebauung und raumbedeutsamen Windenergieanlagen ein Abstand von mindestens 500 Metern einzuhalten.“ Dazu die Fußnote: „Dabei sollen die Belange der Gesundheit und der Bevölkerung, der Siedlungsentwicklung sowie des Landschaftsbildes und -erlebens durch hinreichende Abstände berücksichtigt werden.“ Außerdem: „Um eine Überformung der Landschaft (...) zu vermeiden, soll ein Abstand von mindestens 3000 Metern um Windparks herum von Windenergieanlagen freigehalten werden.“ Der Abstand zum Üssinghauser Park sei viel geringer, merkt Schelzke an.

Bärbel Schröder, seit 1995 in Ringmar, hat seit 2013 einen fünfstelligen Geldbetrag in den Aufbau eines Lehr- und Schaugartens für Heilpflanzen und Wildkräuter nach Hildegard von Bingen investiert. Sie sieht ihre Arbeit und den Garten „in größter Gefahr“, befürchtet eine „beträchtliche und beängstigende optisch erdrückende Wirkung und eine unzumutbare erhebliche Sichtbelästigung durch das geplante Windrad“ – besonders für die Menschen, die „meinen Garten für Heilzwecke aufsuchen.“ Dies hat sie in ihrer Beschwerde an die Stadt Twistringen geschrieben.

Bauausschuss

tagt am 25. Februar

Die Planung der Stadt, so Schröder, widerspreche auch dem erhöhten Schutzbedürfnis während der Nachtruhe. Weitere gesundheitliche Schäden durch Infraschall und tiefe Frequenzen seien zu befürchten. Schließlich führt sie eine enorme Wertminderung ihrer Immobilie an.

Twistringens Erste Stadträtin Birgit Klingbeil sagt zum Verfahren: Den Flächennutzungsplan habe der Landkreis bereits genehmigt. Bedenken und Anregungen von öffentlichen Trägern und von privater Seite müssten noch abgewogen werden. Klingbeil rechnet damit, dass der B-Plan zügig beschlossen wird. Noch bevor der Landkreis das neue RROP beschließt. Klingbeil hat 2015 bereits kritisiert, dass der Landkreis entgegen früherer Zusicherung doch wieder in die Planungshoheit der Kommunen eingreifen wolle.

Der Bauausschuss tagt am 25. Februar, der Verwaltungsausschuss am 1. März und der Stadtrat am 3.März. Mit den letzten Beschlüssen soll der Bestand des Hühnerstalls an der B51 geschützt und die Zuwegung für den Bau der Windkraftanlage in Binghausen rechtlich geregelt werden. Ergänzend wird ein Vertrag zur Wegenutzung mit der Firma Meyer geschlossen.

Die Stadt sieht 7,6 Hektar an Kompensationsflächen vor, etwa in Stelle, an der Straße Zur Holtwisch, in Abbenhausen und in Mörsen. „Optisch bedrückende Wirkungen werden seitens der Stadt Twistringen (...) aufgrund der Abstände und der Sichtverschattungen nicht befürchtet“, steht im Bebauungsplan.

Das Unternehmen Meyer, aus einem ehemaligen landwirtschaftlichen Betrieb entstanden, verarbeitet täglich rund 75000 Tonnen Frisch- und Tiefkühlgemüse. Für die Stadt ist die Firma mit rund 150 Beschäftigen einer der wichtigsten Arbeitgeber.

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