Schule erstattet Anzeige

Abzocke mit dem Defibrillator? Nun meldet sich die beschuldigte Firma

Ein Defibrillator soll Leben retten. Womöglich werden die Geräte für eine Betrugsmache genutzt. Symbolbild: Schmidt
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Ein Defibrillator soll Leben retten. Womöglich werden die Geräte für eine Betrugsmasche genutzt. Symbolbild: Schmidt

Twistringen – In der Haupt- und Realschule Twistringen hängt seit etwa drei Jahren ein neuer Defibrillator. Das Gerät konnte dank der Unterstützung örtlicher Betriebe finanziert werden. Soweit klingt das nach einer schönen Geschichte. Doch steckt womöglich eine dreiste Abzocke dahinter?

  • Twistringer Unternehmen und Schule fühlen sich abgezockt
  • Polizei ermittelt
  • Die für die Aktion zuständige Firma bestreitet Betrug

Wie sich herausgestellt hat, haben die Twistringer Betriebe vor der Anschaffung des Defibrillators viel mehr Geld überwiesen, als so ein Gerät überhaupt kostet. Das Geld ging dabei nicht direkt an die Schule, sondern an eine Marketingfirma. Die hatte die Initiative ergriffen und der Schule damals angeboten, einen Defibrillator über eine PR-Aktion zu beschaffen.

Der Deal war, dass Firmen im Gegenzug für einen finanziellen Beitrag eine Anzeige bekommen, die auf einer Werbetafel beim Defibrillator platziert wird.

Nur ein Bruchteil des Geldes kommt an

Die Firmen dachten, das Geld für die Anzeige diene (nach Abzug der Verwaltungskosten) in erster Linie der Anschaffung des Defibrillators. Doch letztlich sei nur ein Bruchteil der Summe bei der Schule gelandet, sagt Christian Wiese, Vorstandssprecher der Gemeinschaft der Unternehmen in Twistringen (GUT). Ihm zufolge wurden „überproportional viele Anzeigen“ verkauft. „Die Sache ist durch große Intransparenz geprägt“, sagt er. Die beteiligten Firmen hätten nicht gewusst, wie viele andere auch spenden.

Dominik Willkommen von der Firma Gemüse Meyer bestätigt das. Um auf die Aktion aufmerksam zu machen, habe sich damals ein freischaffender Mitarbeiter der Marketingfirma gemeldet. „Er hat den Eindruck vermittelt, dass drei oder vier Firmen dabei sind“, erzählt Willkommen. „Stattdessen waren es dann aber 31.“

„Das ist eine riesige Abzocke“

Er überschlägt: Sollte jede Firma gleichviel gezahlt haben, dürfte die Marketingfirma fast 30  000 Euro mehr gesammelt haben, als ein Defibrillator kostet. „Das ist eine riesige Abzocke. Unfassbar“, ärgert er sich. So ein Vorgehen scheint kein Einzelfall zu sein. Im Internet finden sich Berichte über ähnliche Fälle in anderen Orten.

Haben in Twistringen Betrüger Hilfsbereitschaft ausgenutzt? Dieser Frage geht die Polizei aktuell nach. Sie ermittelt laut Pressesprecher Thomas Gissing wegen Betrugs. Nach jetzigem Wissensstand habe die Schule von dem überschüssigen Geld keinen Cent gesehen, sagt er.

Anzeige gegen Marketingfirma

Die Haupt- und Realschule Twistringen hat die Anzeige gegen die Marketingfirma erstattet. Das bestätigt Rektorin Andrea Formella. „Wir hoffen, dass es bald ein paar mehr Erkenntnisse zu dem Fall geben wird“, sagt sie. Dass irgendwas nicht richtig läuft, sei ans Licht gekommen, als sich die besagte Marketingfirma vor Kurzem wieder bei Twistringer Firmen gemeldet habe. Um sie erneut zur Kasse zu bitten - obwohl der Defibrillator noch top in Schuss ist.

Mehr noch: In den Vertragsentwürfen, die die Marketingfirma - ihr Sitz ist laut Internetseite in Rheinland-Pfalz - den Twistringer Betrieben vorgelegt hat, steht unter anderem auch eine Klausel, laut der sich der Vertrag automatisch verlängert, sofern er nicht rechtzeitig vor Ablauf gekündigt wird. Sprich: Alle drei Jahre sollen die Firmen erneut an die Marketingfirma Geld bezahlen.

Marketingfirma nimmt Stellung

Am Mittwochmorgen hat die Kreiszeitung von der Marketingfirma eine Stellungnahme zu dem Fall erhalten. „Unser Unternehmen hat 2017 einen Vertrag mit der Haupt- und Realschule Twistringen abgeschlossen“, heißt es darin. „Wir erhalten darin die Rechte zur Aufstellung einer Lebensrettungstafel, deren Vermarktung in dreijährigen Abständen erfolgt, im Gegenzug erhält die Schule als Prämie für die Bereitstellung der entsprechenden Fläche einen Defibrillator kostenlos zur Verfügung gestellt. Die Schulleitung forderte uns im Januar 2021 auf, die Einnahmen, welche die Produktkosten für einen Defibrillator übersteigen, an sie abzutreten.“

Weiter heißt es: „Wir möchten an dieser Stelle ausdrücklich betonen, dass es sich bei unserer Tätigkeit nicht um eine Spendenaktion zur reinen Refinanzierung eines Defibrillators handelt. Bei unseren Verträgen mit den Geschäftskunden handelt es sich um eine reine PR-Maßnahme. Wir verkaufen unseren Kunden eine Präsentationsmöglichkeit auf einer Lebensrettungstafel.“

Zusammenarbeit beendet

Zudem würden zu den Anschaffungskosten für den Defibrillator noch die Kosten für Personal, Schulung, Auslieferung, Montage et cetera hinzukommen. Auch die Wartung sei kostenintensiv. „Mit der Zurverfügungstellung eines Defibrillators übernehmen wir gleichzeitig auch die Einhaltung der einschlägigen Vorschriften des Medizinproduktegesetzes und stellen somit unsere Kooperationspartner von allen Haftungs- und Gewährleistungsfragen frei.“ Die Firma schildert, dass sie die Zusammenarbeit mit der Schule angesichts der Differenzen mit der Schule gekündigt habe. „Eine Betrugsanzeige ist uns nicht bekannt, würde aber auch jeglicher Grundlage entbehren.“

Fest steht: Viele Unternehmen fühlen sich abgezockt. Um zu vermeiden, dass sich wieder Mitglieder mit der Firma Verträge schließen, hat die Twistringer Unternehmensgemeinschaft alle Mitglieder in einer Rundmail über das Geschehen informiert. Darin bittet sie Betroffene, sich bei der Polizei zu melden.  

Update: Andrea Formella, Rektorin der Haupt- und Realschule Twistringen, berichtet, dass die Schule den Vertrag mit der Marketingfirma bereits am 28. Januar 2021 gekündigt habe. Die Firma haben den Eingang der Kündigung in einem Schreiben einen Tag später bestätigt. „Die bisherige Wartung des Defis bestand in der einmaligen Zusendung eines Materialpaketes, das aus einer neuen Batterie und neuen Saugpads bestand. Diese wurden durch unsere Sekretärin am Defi ausgetauscht“, sagt sie über die „permanenten“ und „kostenintensiven“ Wartungen, von der die Marketingfirma spricht.

Der Defibrillator hänge derzeit noch in der Schule. Die Firma, die die Defibrillatoren vermiete, sei von der Schule bereits schriftlich aufgefordert worden, das Gerät abzuhängen. „Heute bekamen wir von der Firma eine Mail, in der diese uns die Übernahme des Geräts gegen eine Einmalzahlung anbietet. Wir werden natürlich erneut auf das Abhängen des Geräts bestehen“, sagt Andrea Formella.

Von Katharina Schmidt

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