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50 Jahre Gaststätten-Geschichte mitgestaltet

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Von: Katharina Schmidt

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Erika Gehrken im Hotel zur Börse
Erika Gehrken © Schmidt

Die Geschichte des Hotels zur Börse in Twistringen reicht mehr als 100 Jahre zurück. Einen guten Teil dieser Zeit hat Erika Gehrken das Gasthaus an der Bahnhofstraße mitgestaltet. Rund 50 Jahre kümmert sie sich bereits um das Wohl der Gäste. In der Zeit hat sich einiges verändert.

Twistringen – „Die Leute mit Gummistiefeln sind uns genauso lieb wie die mit Schlips und Kragen“, sagt Erika Gehrken, Inhaberin des Hotels zur Börse in Twistringen. Das Wort bodenständig trifft auf sie ebenso zu wie auf den Hotel- und Gaststättenbetrieb, den sie mit ihren 72 Jahren führt. 1972, als München Austragungsort der Olympischen Spiele war und das Transitabkommen in Kraft traft, hatten ihr Mann Albert Gehrken und sie das Steuer übernommen.

Gut 50 Jahre und unzählige Feste ist das nun her. „Als wir den Saal wieder fertiggemacht haben, ab 1977, hat das richtig geboomt“, erinnert sich die Wirtin. Heute muss sie schmunzeln, wenn sie daran zurückdenkt, wie sie an vier aufeinanderfolgenden Tagen für große Hochzeitsgesellschaften gekocht hat – wohlgemerkt, sie war zu dem Zeitpunkt auch noch Mutter zweier junger Kinder. Wenngleich ihr Küchengehilfen zur Hand gingen, es muss ein Kraftakt gewesen sein.

Aufnahmen von früher, mit Pferdekutschen...
Aufnahmen von früher, mit Pferdekutschen... © Archivbilder: Hotel Zur Börse

„Wie ich das geschafft habe, weiß ich heute auch nicht mehr.“ Sie hält kurz inne und fügt hinzu: „Auf der anderen Seite: Wir waren jung, wir waren gesund, da kann man das. Und wir hatten tolle Mitarbeiter.“ Die guten Mitarbeiter, früher wie heute, hebt die Wirtin immer wieder hervor.

Ursprünglich wollte Erika Gehrken mal Sportlehrerin werden. Athletisch war sie allemal: Sie war in Niedersachsen Jugendmeisterin im Lagenschwimmen. Das Leben hielt jedoch andere Pläne für sie bereit.

So lernte sie ihren Albert kennen

Erika Gehrken ging zum Gymnasium und trug nebenher Zeitungen aus. Dabei machte sie beim Bahnhofshotel, wie die Gaststätte an der Bahnhofstraße damals noch hieß, Station. So – und durch Besuche in der Badeanstalt – lernte sie ihren Albert kennen. Bei der Hochzeit war sie 19 Jahre alt.

„Als ich meinen Mann kennengelernt habe, dachte ich: Ach, eine Sportlehrerin passt hier nicht hin“, erzählt Erika Gehrken. „Ich wollte dann Köchin lernen und habe die Hotels abgeklappert. Aber damals haben die keine Mädchen als Kochlehrlinge genommen.“ Im Überseehotel bekam sie schließlich die Möglichkeit, im Zuge einer Lehre im Hotel- und Gaststättensegment eine längere Zeit in der Küche zu helfen.

Zurück an der Bahnhofstraße in Twistringen musste sie sich als junge Frau ihren Stand erst erkämpfen.

... und Reklame für Lichtspiele. Archivbilder: Hotel ZUr Börse
Hier ist noch die Reklame für Lichtspiele zu sehen. © Archivbilder: Hotel Zur Börse

Sie hatte es wahrlich nicht immer leicht. Krankheit und ein Verkehrsunfall raubten ihr drei von vier Kindern. So ergab sich, dass der Familienbetrieb, zwischenzeitlich schon an die nächste Generation weitergegeben, nun in Erika Gehrkens Händen ist. Auch ihr Mann Albert ist inzwischen verstorben.

Trotz der herben Schicksalsschläge hat sie sich ihren Humor bewahrt. „Und wenn wir Feste haben, dann feiern wir die.“

Die Geschichte des Gasthauses reicht mehr als 100 Jahre zurück. Im 19. Jahrhundert wurde am Hauptweg von Twistringen nach Sulingen eine Gaststätte mit Pferdewechselstation für Postkutschen eingerichtet. Durch die 1873 eröffnete Bahnlinie vom Ruhrgebiet zu den Häfen erlangte sie zusätzliche Bedeutung – so ist es in einem historischen Abriss in der Speisekarte des Hotels zur Börse zu lesen.

Hotelanbau mit zwölf weiteren Zimmern

Weiter führt Familie Gehrken dort aus: „Am 19. Januar 1891 wurde dieses Anwesen von Johann Heinrich Gehrken käuflich erworben. Sein Sohn Albert (I.) Heinrich betrieb einige Jahre auch eine Häckselschneiderei und handelte mit landwirtschaftlichen Produkten. Eine öffentliche Einzelviehwaage bis 15 Tonnen kam hinzu.“ Im Jahre 1948 übernahm Albert (II.) Hinrich Peter Gehrken den Betrieb. Er stellte bis 1965 seinen Saal für Lichtspiel-Vorführungen zur Verfügung.

Erst 1968 wurde er wieder als Tanzsaal genutzt. Zwischenzeitlich stockte die Familie 1964 das Haupthaus auf, und es erhielt die heutige Klinkerfassade. In dem Bayernzelt, während der Bauzeit die provisorische Gaststätte, wurde seinerzeit mehr umgesetzt als in der alten Kneipe.

Ab 1972 hatte dann der nächste Albert mit seiner Frau Erika das Sagen. Nach der Saalrenovierung 1977 gestalteten sie den Betrieb 1984 völlig um. Dafür wichen die damaligen Stallungen samt Viehwaage dem Anbau von sechs Hotelzimmern und den Kegelbahnen. Im November 1991 folgte der neue Hotelanbau mit zwölf weiteren Zimmern. Zwei Jahre später baute die Familie das Dach aus.

So sieht das Hotel zur Börse heute aus. Es liegt an der Bahnhofstraße.
So sieht das Hotel zur Börse heute aus. Es liegt an der Bahnhofstraße. © Schmidt

Der Mix aus Bar, Restaurant, dem großen Saal, Hotel und Kegelbahn zahlt sich aus. „Wir sind auch durch Corona gut durchgekommen, weil das Hotel immer ging“, berichtet Erika Gehrken.

Für das Frühstück der Gäste steht sie früh morgens auf. An einem typischen Arbeitstag ist sie auch noch zu später Stunde auf den Beinen. Früher sagte sie ihrer Mutter, sie solle auf ihre Knochen achten, heute wirbelt sie selbst ungeachtet ihres Alters herum, sei es im Betrieb oder draußen beim Kirschen pflücken. Und die Knochen? Die machen sehr gut mit, wofür die 72-Jährige dankbar ist.

Froh ist sie auch darüber, dank ihrer Familie und dem Team ein gutes Stück Verantwortung abgeben zu können. Da ist zum Beispiel Schwiegertochter Beate, die kräftig mit anpackt. Inzwischen beschäftigt das Hotel zur Börse zudem unter anderem zwei Köche. „Früher gab es Schinkenbrot, Kotelett und Mockturtlesuppe. Das ist heute anders“, so die Inhaberin. Nicht nur die Speisen sind umfangreicher geworden, sondern auch die Bürokratie. „Mich kann so schnell nichts umhauen“, sagt Erika Gehrken. „Aber der Behördenkram ...“

„Das war früher nicht so heftig“, stimmt Beate Gehrken zu. Was die Freude an der Arbeiten erhalte, seien der Kontakt zu Gästen, wertschätzende Gesten und das familiäre Miteinander. Und sie sei froh, solch eine tolle Schwiegermutter zu haben.

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