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Schuldnerberatung: Über Corona und Strompreise

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Von: Katharina Schmidt

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Matthias Benesch hilft Menschen, aus der Schuldenfalle zu kommen.
Matthias Benesch hilft Menschen, aus der Schuldenfalle zu kommen. © Katharina Schmidt

Anders als man vielleicht vermuten würde, sind die Klienten der Caritas-Schuldnerberatung an der Steller Straße in Twistringen durch die Coronapandemie nicht noch tiefer ins Minus gerutscht. Die steigenden Strompreise könnten laut Schuldnerberater Matthias Benesch allerdings zum Problem werden.

Twistringen - Matthias Benesch ist 64 Jahre alt, gelernter Bankkaufmann und arbeitet seit 2009 beim Caritasverband für die Landkreise Diepholz und Nienburg links der Weser. Keiner seiner Klienten sei pandemiebedingt verschuldet, erklärt er. Etwa zwei Drittel würden Arbeitslosengeld II bekommen, also eine feste Unterstützung. „Das verbleibende Drittel erhält Lohn und Gehalt. Niemand war in Kurzarbeit, niemand hat aufgestockt.“

Einen Zusammenhang zwischen der Pandemie und dem Bedarf nach Schuldnerberatung könne er daher nicht herleiten. Seine Erfahrung decke sich mit denen anderer Schuldnerberatungsstellen der Caritas im Bistum Osnabrück.

Dafür könnten die deutlich gestiegenen Strompreise einschlagen. Der Hartz IV-Regelsatz beträgt 449 Euro. Die aktuellen Preissteigerungen seien da „schon eine ganz schöne Hausnummer“, sagt Benesch.

Die Ampel-Koalition plant angesichts der Energiekosten, von Armut gefährdeten Menschen mit einer Einmalzahlung unter die Arme zu greifen – für manche Betroffene könnte das ein Tropfen auf dem heißen Stein sein.

Anstieg der Privatinsolvenzen durch rechtliche Änderung

Deutschlandweit sind die Privatinsolvenzen im Jahr 2021 deutlich angestiegen. Matthias Benesch verweist in dem Zusammenhang auf eine Änderung des Insolvenzrechts: Durch die Verkürzung der Laufzeit von sechs auf drei Jahren hätten viele ihren Insolvenzantrag 2020 noch zurückgehalten.

Aktuell zählt der Caritasverband der Landkreise Diepholz und Nienburg links der Weser 256 Schuldverfahren. Circa 80 Prozent der Fälle sind laut Matthias Benesch noch insofern aktiv, „dass die Schuldner bei erneuter finanzieller Schieflage Beratung und Tipps anfragen.“ Im vergangenen Jahr seien 48 Neukunden hinzugekommen. „Sie kommen aus dem gesamten Landkreis“, so der Schuldnerberater. Das Alter liege meistens zwischen 25 und 50 Jahren.

„Ich habe lange überlegt, ob ich anrufen soll...“

Etwa 90 Prozent der Kundinnen und Kunden nehmen telefonisch Kontakt zu dem Schuldnerberater auf, nur etwa zehn Prozent per E-Mail. „Nicht wenige Menschen haben Hemmschwellen, sich zu melden“, weiß Benesch. Schon öfter hat er den Satz gehört: „Ich habe lange überlegt, ob ich anrufen soll...“

Nach dem ersten Kontakt vereinbart er einen Gesprächstermin. Die Klienten bringen dazu ihre Unterlagen mit. „Diese sichte und sortiere ich dann“, führt Benesch aus. „Wichtig ist außerdem zu wissen, welches die Ursachen der Schulden sind, wie sich die familiäre und berufliche Situation darstellt und wie die Einnahmen- und Ausgabensituation des Haushaltes aufgestellt ist.“

Ratenzahlung, Stundung oder Privatinsolvenz?

Im Gespräch sei dann zu klären, wie die Schuldenregulierung erfolgen solle – Ratenzahlungen, Stundungen oder eine Privatinsolvenz? „Dazu werden dann mit den Gläubigern beziehungsweise deren Vertretern Verhandlungen geführt.“

Die Spanne der Verschuldungen der Neukunden lag ihm zufolge im vergangenen Jahr zwischen 5 000 und 25 000 Euro. „Die Menschen, die zu uns kommen, wissen in der Regel keinen anderen Ausweg aus ihrer Misere. Deshalb suchen sie sich professionelle Beratung.“

Er fügt hinzu: „Die Anzahl der Gläubiger, also derjenigen, die auf Geld meiner Klienten warten, liegt je nach Fall zwischen 5 und 20 Gläubigern. Natürlich gibt es hiervon auch Ausnahmen.“ Er habe schon Fälle gehabt, bei denen die Anzahl der Gläubiger um einiges höher lag. Oft seien es Schulden bei Mobilfunkanbietern, Energieversorgern oder Versandhäusern. Vieles lasse sich inzwischen mit wenigen Klicks im Internet bestellen, ohne dass sich die Verkäufer über die Zahlungsfähigkeit der Kunden informieren.

Allen, die Hilfe brauchen, rät die Caritas, nicht zu lange zu warten. Eine frühzeitige Beratung könne langfristige Probleme vermeiden.

Die Schuldnerberatung kann auch eine Bescheinigung ausstellen, die für ein Pfändungsschutzkonto (P-Konto) notwendig ist. Hinter dem Begriff steckt ein Girokonto, bei dem es einen Freibetrag in Höhe von rund 1 250 Euro gibt, auf den Gläubiger im Falle einer Kontopfändung nicht zugreifen dürfen.

Aufgrund der Coronapandemie müssen – wie bei allen persönlichen Beratungsgesprächen – Klienten derzeit einen Impfnachweis beziehungsweise einen zertifizierten Testnachweis vorlegen und ihren Personalausweis mitbringen.

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