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Annäherung an das pure Grauen

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Von: Michael Walter

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Sich mit Musik, Tanz und einem kleinen Theaterstück dem organisierten Massenmord an sechs Millionen Juden nähern: Das ist das Ziel des dreitägigen Workshops zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar, den der neunte Jahrgang im Realschulzweig der Luise-Chevalier-Oberschule gerade absolviert. Das Foto zeigt die Tanzgruppe beim Aufwärmen.
Sich mit Musik, Tanz und einem kleinen Theaterstück dem organisierten Massenmord an sechs Millionen Juden nähern: Das ist das Ziel des dreitägigen Workshops zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar, den der neunte Jahrgang im Realschulzweig der Luise-Chevalier-Oberschule gerade absolviert. Das Foto zeigt die Tanzgruppe beim Aufwärmen. © Michael Walter

Schüler erstellen Programm zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar. Eine große Vorstellung ihrer Ergebnisse muss pandemiebedingt ausfallen. Die dreitägige Arbeit am Programm zeigt eine große Sensibilität.

Syke – Ende Januar 1945 war der Zweite Weltkrieg für Deutschland militärisch längst verloren. Das Sterben sollte aber noch mehr als drei Monate andauern. An der Ostfront trieben die Truppen der Roten Armee die Deutsche Wehrmacht aus den letzten Winkeln des seit 1939 besetzten Polen: Am 27. Januar rückten Soldaten der 60. Armee der 1. Ukrainischen Front auf das Gelände des Konzentrationslagers Auschwitz und seiner Nebenlager vor. Sie fanden dort noch etwa 7500 Überlebende.

Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz ist seit 1996 Gedenktag

In den Jahren zuvor hatten die Deutschen in Auschwitz etwa 1,1 Millionen Juden, 140 000 nichtjüdische Polen, 20 000 Sinti und Roma sowie mehr als 10 000 sowjetische Kriegsgefangene ermordet: Vergast, erschossen, an Hunger und Krankheit verrecken lassen, totgeprügelt, oder als menschliche Versuchskaninchen für medizinische Experimente.

Der Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz ist seit 1996 in Deutschland offiziell „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ und seit 2005 „Internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust“.

Holocaust

Das Wort Holocaust stammt aus dem Altgriechischen: holókaustos bedeutet wörtlich „in Gänze verbrannt“. Ursprünglich stand der Begriff im Zusammenhang mit den verbreiteten Brandopfern für die Götter in der Antike. Seitdem hat er mehrere Bedeutungswandel erlebt.

Seit etwa 1960 hat das Wort sich durchgesetzt als Bezeichnung für den von Deutschland systematisch geplanten und mit industriellen Mitteln begangenen Mord an etwa sechs Millionen Juden während des Zweiten
Weltkriegs.

In der nationalsozialistischen Ideologie wurde das als „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ bezeichnet. Dazu zählten auch die damals so genannten Zigeuner, Homosexuelle und Behinderte.

Der Begriff Holocaust ist nicht unumstritten: Seit er sich als Bezeichnung für die Ermordung der europäischen Juden durchgesetzt hat, gibt es Diskussionen, ob der Begriff dafür angemessen ist. Dabei geht es zum einen um die Frage, ob ein solch abstrakter Begriff nicht eine Verharmlosung des konkreten Grauens darstelle. Zum anderen geht es um die Frage, ob ausschließlich der Völkermord an den Juden so bezeichnet werden dürfe oder ob Holocaust auch als Bezeichnung für Genozide an anderen Gruppen und Völkern in der Geschichte infrage komme und – wenn ja – ob das dann nicht wieder eine Verharmlosung des industriellen Mordes an sechs Millionen Juden bedeute.

Wie aber füllt man so einen Gedenktag mit Leben? Der Holocaust ist ein derartiger Wahnsinn, dass das menschliche Gehirn sich weigert, ihn sich anders als abstrakt vorzustellen. Und heute – nach 77 Jahren – gibt es praktisch keine Zeitzeugen mehr, die das Abstrakte durch eigenes Erzählen konkret werden lassen könnten.

In Syke – und in vielen anderen Städten und Gemeinden – ist der Ansatz daher, sich auf völlig andere Weise dem Thema zu nähern. Über die Form von Ausgrenzung, Rassismus und Mobbing, die Jugendliche heute tagtäglich selber miterleben oder gar am eigenen Leib erfahren. Und sich so dem zu nähern, was den Holocaust erst möglich gemacht hat: Der Verachtung von allem, was anders ist. Der Verachtung, die schließlich zur Verfolgung und in letzter Konsequenz zur Vernichtung führt.

Schüler sollen durch verschiedene Arbeitsformen sensibilisiert werden

Für den Gedenktag 2022 erstellen gerade die Schüler aus dem neunten Jahrgang des Realschulzweigs an der Luise-Chevalier-Oberschule das Programm. In einem dreitägigen Workshop entstehen ein Tanz, ein Lied und ein kleines Theaterstück. Unterstützt werden die Schüler und ihre Lehrer dabei von Alexander Steding und Julia Karhanyan vom Bürgerzentrum Neue Vahr aus Bremen und von Doreen Hodde, die an der Schule als „Respect-Coach“ tätig ist.

Holocaust-Gedenktag

Der damalige Bundespräsident Roman Herzog beschrieb 1996, worum es beim Holocaust-Gedenktag gehen müsse: „Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken.“

Ein Lied, ein szenisches Spiel und ein Tanz – ist das angemessen? Kann man damit sechs Millionen ermordeten Menschen gerecht werden?

„Wir glauben, dass Schüler durch diese Herangehensweise ganz anders sensibilisiert werden“, sagt Schulleiterin Petra Raue. „Sie können so viel besser nachvollziehen als durch einen Text im Geschichtsbuch.“

Alexander Steding: „Wir maßen uns nicht an, in drei Tagen Workshop den Holocaust umfassend behandeln zu können. Was wir bieten können, ist: einen Zugang, sich mit dem Thema zu beschäftigen und ansatzweise die Dimension des Holocaust zu erfassen.“

Schüler sollen den Wert von Diversität für Gesellschaft erkennen

Steding erklärt diesen Ansatzpunkt: „All das, was die Nazis bekämpft haben, haben wir jetzt. Diversität! Politisch, ethnisch, sexuell und religiös. Und diese Diversität macht uns heute aus.“ Das heißt für ihn im Umkehrschluss: „Jeder von uns“, sagt er mit Blick auf die Runde am Pressetisch, „hätte damals gute Chancen gehabt, selbst im Konzentrationslager zu landen.“

Petra Raue hakt ein: Im Workshop sollen die Schüler zunächst erarbeiten, was diese Diversität überhaupt ausmacht. Und im zweiten Schritt: „Was bedeutet es, wenn sie fehlt? Nämlich im schlimmsten Fall, ermordet zu werden.“ Auf weite Sicht soll der Workshop einen Beitrag leisten zum allgemeinen gesellschaftlichen Ziel: „Das Demokratieverständnis stärken, Eigenverantwortlichkeit stärken und dafür einzustehen“, so Petra Raue.

Den ursprünglichen Plan hat Corona bereits zunichtegemacht: Das fertige Programm sollte Kern der offiziellen Syker Feierstunde zum Gedenktag werden. „Eine große Präsentation an der Schule vor Publikum und geladenen Gästen“, sagt Stadtjugendpfleger Abdelhafid Catruat, der federführend für die Koordination verantwortlich ist. Stattdessen gibt es am Donnerstag „nur“ eine kleine öffentliche Projektvorstellung um 16 Uhr im Rathaus vor begrenztem Publikum: „Wir zeigen einen Film“, sagt Catruat. Die Arbeit im Workshop wird auf Video dokumentiert. Das Video wird Donnerstag gezeigt. „Mit ein paar Kids, die erzählen, was da passiert.“

Maximal 20 Zuschauer sind zugelassen. „Die Alternative wäre gewesen, es komplett abzusagen“, so Catruat. Anmeldungen nimmt der Stadtjugendpfleger entgegen. Der Film wird auch auf den Internetseiten der Schule und der Stadt veröffentlicht.

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a.catruat@syke.de

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