„Zwischen zwei Mühlsteinen“

Syker Lichterspaziergänger sehen ihre Initiative politisch missbraucht

Rund 200 Teilnehmer zählte die Antifa-Demonstration durch Syke am vergangenen Montag.
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Rund 200 Teilnehmer zählte die Antifa-Demonstration durch Syke am vergangenen Montag.

Im Mittelpunkt der Demonstration der Antifa-Bewegung am Montag stand auch die Kritik an den montäglichen Lichterspaziergängen. Eine der Mitbegründer wehrt sich nun gegen die Vorwürfe.

  • Initiator der Syker Lichterspaziergänge bestreitet Nähe zu Corona-Leugnern.
  • Organisatoren fühlen sich von zwei Gruppen instrumentalisiert.
  • Vorwurf: Antifa nicht zu einem Dialog bereit.

Syke – „Aufruhr, Widerstand: Es gibt kein ruhiges Hinterland“ – „Rechten Terror stoppen“ – „Keine Zukunft für Nazis“ – mit Slogans und Parolen wie diesen zogen am Montag um die 200 Demonstranten der Antifa-Bewegung durch die Syker Innenstadt (wir berichteten). Die Demonstration richtete sich vordergründig gegen die montäglichen Lichterspaziergänge von Altenheim zu Altenheim in Syke.

In deren Veranstaltern und Teilnehmern sehen die Organisatoren der Antifa-Demo „Corona-Rechte“. Doch genau das bestreiten die Lichterspaziergänger vehement.

Zwei Gruppen versuchen, uns für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.

Günter Radys, Mitbegründer der Lichterspaziergänge

„Wir haben das Gefühl, zwischen zwei Mühlsteine geraten zu sein“, sagt Günter Radys. Der 61-Jährige zählt sich zu den Mitbegründern der Lichterspaziergänge. „Zwei Gruppen versuchen, uns für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.“

Da wären einmal die Freiheitsboten: Eine Vereinigung von Corona-Leugnern und Querdenkern, die bundesweit verbreitet ist und in Syke 2020 durch Hauswurfsendungen auffiel, in denen Falschinformationen über Corona verbreitet wurden. Verbindungen der Freiheitsboten zur AfD sowie zur Reichsbürger-Szene lassen sich nachweisen. Und da wäre die Antifa-Bewegung auf der anderen Seite.

Die Freiheitsboten-Sektion im Landkreis Diepholz hat in ihren internen Foren die Lichterspaziergänge in Syke als ihre eigenen Veranstaltungen beworben. Für die Antifa steht damit fest: „Die Teilnehmer der Lichtermärsche sind Corona-Rechte. Auch die Teilnehmer des Lichtermarsches in Syke sind Antisemiten.“ So war es am Montagnachmittag in Redebeiträgen bei der Kundgebung auf dem Parkplatz am Mühlendamm zu hören – wobei wir die inhaltliche Gleichsetzung von Corona-Leugnern und Antisemiten jetzt einfach mal dahingestellt sein lassen.

Initiative ging von Menschen mit Angehörigen in Altenheimen aus

„Wir haben mit den Freiheitsboten nullkommanull zu tun“, sagt Günter Radys. „Die Initiative zu unseren Lichterspaziergängen ist von Menschen ausgegangen, die Angehörige in Altenheimen haben. Ich selber habe mich früher mehrmals die Woche mit Altenheimbewohnern in Cafés getroffen. Die habe ich jetzt seit anderthalb Jahren nicht mehr gesehen. Manche Bewohner hatten über Monate keinen Besuch. Mit den Lichterspaziergängen wollten wir einfach symbolisch zeigen, dass diese Menschen nicht vergessen sind, dass jemand an sie denkt. Wir sind nichts Politisches.“

Die Anitfa behauptet das Gegenteil. „Es sind immer wieder AfD-Mitglieder bei den Lichterspaziergängen gesehen worden“, war auf der Kundgebung zu hören. „Es gibt Aufrufe dazu in extrem rechten Reichsbürgerforen.“

Günter Radys: „Diese Argumentation ,die laufen doch bei euch mit" kenne ich auch. Das ist doch an den Haaren herbeigezogen. Wir machen keine Gesinnungsabfrage. Wir fragen ja auch nicht, ob jemand in der SPD oder bei den Grünen ist.“ Er wolle gar nicht ausschließen, „dass einer oder zwei von den Leuten, die da mitlaufen, zu den Freiheitsboten gehören und dafür werben. Aber das ist unsere Veranstaltung, nicht deren.“

Radys greift zu einem bildlichen Vergleich: „Wenn ich mit 40 000 Zuschauern im Weserstadion ein Spiel anschaue, sitzen da bestimmt 3 000 Leute mit einer Gesinnung, dass ich mit denen abends kein Bier trinken würde. Soll die Konsequenz daraus sein, dass ich nicht mehr zu Werder gehe?“

Pöbeleien und Beschimpfungen

Auf einen Dialog darüber habe sich die Antifa bisher nicht eingelassen, sagt Radys. „Die haben sich mit uns noch nie unterhalten. Wir haben die Kommunikation gesucht. Die Reaktion waren Pöbeleien und Beschimpfungen. Meine Frau kommt aus Südamerika und man sieht auch, dass sie keine Einheimische ist. Die ist als Nazi-Schlampe beschimpft worden. Und einmal ist versucht worden, eine Frau auf die B 6 zu schubsen.“

Den Lichterspaziergang am vergangenen Montag haben die örtlichen Veranstalter abgesagt. Durchaus aus Angst vor Handgreiflichkeiten. „Wir wollten nicht provozieren, und wir wollten auch nicht, dass Polizisten verletzt werden“, sagt Radys. Weiterspazieren wollen sie trotzdem. Aber anders als bisher. „Auf Anraten von Polizei und Ordnungsamt“, sagt Radys. „Wir hätten uns im Dezember nie träumen lassen, dass unsere Lichterspaziergänge so ein Politikum würden.“

Von Michael Walter

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