Zusammenhalt ist Trumpf

Wie psychisch Kranke mit Corona klarkommen: Ein Besuch beim Westflügel in Syke

Der Westflügel ist eine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft für Menschen mit Psychiatrie-Hintergrund. Aktuell werden dort 55 Bewohner betreut, ein kleiner Teil davon in externen Wohngemeinschaften. Die Einrichtung befindet sich am Rand der Westermark auf dem Gelände der ehemaligen Jugendherberge.
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Der Westflügel ist eine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft für Menschen mit Psychiatrie-Hintergrund. Aktuell werden dort 55 Bewohner betreut, ein kleiner Teil davon in externen Wohngemeinschaften. Die Einrichtung befindet sich am Rand der Westermark auf dem Gelände der ehemaligen Jugendherberge.

Menschen mit psychischen Erkrankungen stellt die Pandemie vor besondere Probleme. Im Westflügel haben sich Bewohner und Mitarbeiter den Herausforderungen mit Kreativität und Disziplin gestellt.

Syke – Lockdown, Kontaktbeschränkungen und die Angst, sich mit einer potenziell tödlichen Krankheit anzustecken: Das empfinden schon gesunde Menschen im zweiten Seuchenjahr zunehmend als seelisch belastend. Was macht Corona dann erst mit psychisch kranken Menschen? Das haben wir Bewohner und Betreuer im Westflügel gefragt.

Auf dem Gelände der ehemaligen Jugendherberge in der Westermark leben und arbeiten derzeit 55 Menschen mit Psychiatrie-Erfahrung. Die Einrichtung gehört zum Netzwerk der psychiatrischen Betreuung im Landkreis Diepholz. Ziel ist es, psychisch Kranke wieder in die Lage zu versetzen, eigenverantwortlich in einem strukturierten Tagesablauf zu leben.

Christa Kröning ist Gründerin und Geschäftsführende Gesellschafterin des Westflügels. „Als Anfang 2020 die ersten Corona-Fälle in Deutschland bekannt wurden, war mir sofort klar, dass das auch zu uns kommen würde“, erzählt sie. „Eine Analyse hat ergeben: Viele unserer Bewohner haben intensive körperliche Vorerkrankungen und gehören zur Hochrisikogruppe. Wir haben daher relativ früh überlegt, was das für uns bedeuten würde, und entsprechend Pläne gemacht.“ Und als vor einem Jahr der erste Lockdown kam, war der Westflügel vorbereitet.

Gemeinsam hatten Mitarbeiter und Heimbeirat beschlossen: Wir machen alles, um auf Nummer sicher zu gehen. In der Folge wurden Tages- und Wochenrhythmus komplett umgestellt. Das Leben spielte sich nur noch auf dem Gelände ab. „Wir sind nicht mal mehr zum Einkaufen in die Stadt gegangen“, erzählt Michael. Er lebt seit 15 Jahren im Westfügel und gehört zum Heimbeirat. Stattdessen wurde in einem Nebenraum beim Foyer ein kleiner Kiosk eingerichtet, damit sich die Bewohner mit alltäglichem Kleinkram vom Deo über Süßigkeiten bis zu Tabak und Blättchen versorgen konnten.

Vom Land kam die Anweisung: Die Werkstätten müssten geschlossen werden. „Dagegen haben wir Widerspruch eingelegt“, sagt Christa Kröning. „Das war bei unserer Klientel gar nicht machbar. Unsere Bewohner brauchen strukturierte Tagesabläufe. Und da sollten sie tagaus tagein nur auf den Zimmern sitzen? Wenn die Bewohner immer hier sind, müssen sie doch auch Möglichkeiten haben.“

Unvorhergesehener Corona-Nebeneffekt: Der Westflügel hat jetzt eine Band.

Der Widerspruch hatte Erfolg, und der Westflügel hat seine Werkstätten von da an sieben Tage die Woche im Betrieb. Was vor allem für die Mitarbeiter eine Herausforderung ist. „Wir haben jetzt dreimal die Woche Musik- und Theatertherapie dazubekommen“, sagt Ines, ebenfalls Langzeitbewohnerin und Mitglied des Heimbeirats. „Das baut mich so auf! Ich hab mir jetzt sogar ein Instrument zugelegt.“ Nebeneffekt: Im Westflügel gibt es jetzt eine Band. Christa Kröning: „Am 12. Mai feiern wir hausintern unser Frühlingsfest. Da wird sie zum ersten Mal auftreten.“

Kröning lobt ihre Mitarbeiter: „Die haben sich das gesamte Jahr über so viel einfallen lassen. Schminkkurse, Kino-Abende. Sie sind sogar an den Wochenenden gekommen, damit da genau so viel läuft wie in der Woche. Wir haben eine Eisdiele eingerichtet. Wir haben Flohmärkte veranstaltet.“ Klingt fast schon ein bisschen romantisch, darf aber über etwas Wesentliches nicht hinwegtäuschen: Mehr als ein Jahr lang hatte ein großer Teil der Bewohner Angst.

„Und wenn wir hier von Angst reden, reden wir von richtigen Panikattacken“, unterstreicht Christa Kröning. Thomas, ein weiterer Langzeitbewohner und Heimbeirat, bestätigt das. „Ich war über vier Monate im Krankenhaus, bis sie meine Angstzustände in den Griff bekommen haben.“ Und Ines sagt: „Ich war mir ganz sicher, dass ich sterben müsste, wenn ich mich mit Corona angesteckt hätte.“

Für alle war es eine große Erleichterung, als am 1. April das mobile Impfteam in den Westflügel kam. Gerade noch rechtzeitig, möchte man sagen. Denn fast zeitgleich brachte ein Mitarbeiter das Virus ins Haus. „Er hat eine chronische Erkrankung und die Corona-Symptome für einen Schub gehalten“, erklärt Christa Kröning. „Deshalb hatte er dem keine weitere Bedeutung beigemessen.“ Umso größer war die Überraschung, als der nächste obligatorische Test bei ihm positiv ausfiel. „Er ist dann sofort in Quarantäne gekommen, und alle Bewohner und Mitarbeiter wurden seitdem täglich getestet. „Sämtlich negativ“, sagt Kröning. „Zum Glück hat sich niemand angesteckt.“

Wie blickt der Westflügel in die Zukunft? „Wir sind aus dem Gröbsten ein Stück weit raus“, meint Christa Kröning. „Für die Bewohner ist es nach wie vor schwer. Sie waren jetzt ein Jahr lang nur hier. Ein Jahr lang nicht einkaufen, ein Jahr lang die Familie nicht sehen.“ Thomas erklärt: „Wir dürften wohl. Aber ich traue mich nicht. Und viele andere auch nicht.“

Ein Nebenraum dient jetzt als Kiosk für den alltäglichem Kleinkram.

Zusammenfassend sagt Christa Kröning: „Wir haben aus der Situation das Beste rausgeholt, was geht. Das war kein Geschenk, das haben wir errungen. Aber wir haben auch viel verloren. Wir waren nicht im Kino, wir waren nicht zum Krabbenessen in Cuxhaven, wir waren nicht zum Schwimmen, und wir haben nicht unsere Familien besucht.“ Positiv sieht sie: „Wir haben einen unwahrscheinlich verlässlichen Pragmatismus entwickelt. Und einen großen Zusammenhalt.“

Von Michael Walter

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