1. September 1939

Syker Max Günter: Zeuge des Beginns des Zweiten Weltkriegs erinnert sich

Der 95-jährige Max Günter liebt seine Hunde Baxter (im Bild) sowie Tiffy und pflegt Erinnerungen. Foto/Repros: Jantje Ehlers
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Der 95-jährige Max Günter liebt seine Hunde Baxter (im Bild) sowie Tiffy und pflegt Erinnerungen.

In drei Tagen jährt sich ein fatales Datum der Weltgeschichte: Vor 80 Jahren, am 1. September 1939, begann der Zweite Weltkrieg. Max Günter war damals 15 Jahre alt. Der rüstige 95-Jährige lebt heute in Syke-Gödestorf und kann sich noch gut erinnern.

Syke – „Wir hatten einen sehr netten Freundeskreis“, blickt Max Günter (95) auf seine Jugend in Bremen zurück. Am Torfkanal in seiner Heimatstadt liegt damals eine Segeljolle, die sich die Jugendlichen gekauft haben. Damit sind sie auf Wümme, Hamme und Lesum unterwegs. Der 1. September 1939 ist für den Gymnasiasten ein scheinbar ganz normaler Tag. „Dann hörten wir im Radio, dass die Wehrmacht in Polen eingefallen ist“, erinnert er sich an den Beginn des Zweiten Weltkriegs, der auch das Leben des jungen Mannes prägen sollte.

Heute lebt Max Günter in seinem gemütlichen Zuhause in Syke-Gödestorf. Auf dem Wohnzimmertisch liegen Alben mit Fotos, die ihn als jungen Mann mit Freunden auf der Jolle oder bei der Marine zeigen. Und ein besonderes Buch, das der Bremer geschrieben hat: „Winkspruch an die Vergangenheit“ dokumentiert die Marine-HJ, eine Sonderform der Hitler-Jugend.

Günter: „Ich hasste die braune Uniform.“

Dass Max Günter dort landet und statt der braunen Uniform die blaue tragen darf, hat er – genau genommen – auch einem Buch zu verdanken. „In einem Urlaub an der Ostsee hat mir eine Bekannte das Buch ,Die Emden jagt’ geschenkt.“ Es prägt sein Interesse an Schiffen und der gesamten Seefahrt. Von seinem Taschengeld kauft sich der Schüler 1936 das erste Modellbau-Schiff der Marke Wiking. Viele weitere sollen in den nächsten Jahren folgen.

Max Günter als junger Mann bei der Marine.

Hitler ist da seit drei Jahren an der Macht. Für 10- bis 14-Jährige ist das Jungvolk Pflicht – auch für Max Günter. „Vor dem Jungvolk habe ich mich weitgehend gedrückt“, blickt er zurück. „Aber bei der Hitlerjugend ging das nicht. Ich konnte mich nicht ausschließen.“ Sie ist Pflicht für ihn, seit er 15 Jahre alt ist: „Ich hasste die braune Uniform.“

Am 1. September 1939 ordnet der für ihn zuständige Kameradschaftsführer eine sofortige Versammlung an. „Da sind wir dann aufgeklärt worden.“ Dass an diesem Tag der Wahnsinn des Zweiten Weltkriegs beginnt, ahnen die Jugendlichen noch nicht: „Der Krieg in Polen war ja weit weg.“ Doch in den nächsten Jahren wächst die Angst, in den Krieg ziehen zu müssen.

Nach Abwägung der Lage meldet sich Max Günter mit 17 Jahren freiwillig zur Kriegsmarine und hat großes Glück: Weil er durch die Marine-HJ wichtige Vorkenntnisse hat, wird er angenommen. Am 1. Mai 1942 tritt er seinen Dienst an – und wird, nachdem er die Marine-Flakschule mit Bestnote abgeschlossen hat, Ausbilder für Bedienungsmannschaften am Funkmessgerät 39 T/D „Würzburg“.

Günter ist froh, den Wahnsinn überlebt zu haben

„Das stand zu jener Zeit unter der höchsten Geheimhaltungsstufe“, berichtet der 95-Jährige. Über diese Zeit hat Max Günter das Buch „Der Weg zum Ziel“ – sein zweites Werk – geschrieben und es mit eigenen Fotos bebildert. „Die Kamera hatte ich immer dabei“, so der gebürtige Bremer. „Das war natürlich streng verboten. Die Bilder habe ich erst nach dem Krieg veröffentlicht“, fügt er hinzu.

„Der Weg zum Ziel“ ist 2011 erschienen. Darin schildert Max Günter, wie die Funkmesstechnik der Marine Flak funktionierte. Seiner Dokumentation als Zeitzeuge hat er ein Vorwort vorangestellt: „Ich verneige mich vor den Menschen, die im Zweiten Weltkrieg gefallen sind, sowie vor deren Angehörigen, die unendlich viel Leid ertragen mussten, und danke meinem Schicksal, das es so gut mit mir gemeint hat.“ Er ist froh, den Wahnsinn überlebt zu haben.

Als er nach Kriegsende 1945 nach Bremen zurückkehrt, ist er 21 Jahre alt, und das Wohnhaus seiner Eltern – sie betreiben in Bremen ein großes Fotogeschäft – ist von amerikanischen Soldaten beschlagnahmt. Zwei Zimmer im Souterrain des Nebenhauses müssen als Unterkunft genügen.

Max Günter als Jugendlicher mit Ingrid Schüssler.

Der 21-jährige gelernte Foto-Kaufmann und bewährte Fotograf Max Günter bekommt ein Angebot: „Ich sollte für die Amerikaner private Fotos machen“, blickt er zurück. „Das Material haben sie mir damals besorgt.“

Max Günter bekommt Zigaretten, die er gegen Baumaterial tauscht: „Das Geschäftshaus meiner Eltern war stark beschädigt“, erklärt der heute 95-Jährige den Hintergrund. „Ich habe damals selbst auf dem Bau gearbeitet, Steine geklopft und Ziegel gestapelt. Und auch Leute gefunden, die mauerten.“

Noch gut erinnern kann sich der Wahl-Syker an die Währungsreform im Jahr 1949. Das Geschäftshaus wuchs. Aber erst 1954 sei das fünfstöckige Gebäude fertiggestellt gewesen.

Günter leitete das familieneigene Fotofachgeschäft bis zu seinem Ruhestand und zog in den 1980er-Jahren aufs Land. In seinem Zuhause in Syke-Gödestorf lebt er mit seinen Hunden Tiffy und Baxter. „Langeweile gibt es bei mir nicht“, schmunzelt der 95-Jährige, „ich weiß gar nicht, wo der Tag bleibt!“

Er pflegt nicht nur zahlreiche Kontakte zu Bekannten, Nachbarn und ehemaligen Kameraden, sondern befasst sich auch gern mit der Geschichte und mit den Schiffsmodellen, die er im Laufe der Jahrzehnte gesammelt hat.

Macht und Gewinnstreben - ein Dilemma

Noch immer hat er großes Interesse am Weltgeschehen und an der gesellschaftlichen Entwicklung. „Ich sehe die Verrohung der Menschen mit großer Sorge“, sagt der 95-Jährige – und stellt fest: „Ewig ist die Menschheit von Gier, Hass und Besitz einiger Despoten belastet.“

Der 95-Jährige bedauert zutiefst, dass die Menschheit aus dem Dilemma nicht gelernt habe. Macht und Gewinnstreben, „das ist das Perverse und Zerstörerische“. Deshalb schätzt er Menschen, die sich engagieren. „Die kleine Schwedin“, wie er Greta Thunberg liebevoll nennt, „die finde ich toll!“ Er wünscht sich, dass die Menschen aufwachen und für den Klimaschutz eintreten.

Max Günter schaut sich im Fernsehen gerne Tierfilme an – oder „Sendungen, aus denen man etwas lernen kann“. Besonders am Herzen liegt ihm seine Familie, zu der zwei Töchter, drei Enkelkinder und sechs Urenkel gehören. Wie herzlich alle miteinander verbunden sind, beweisen die vielen Familienfotos im Hause Günter.

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