Nach Trump-Aufkündigung des INF-Vertrags

Ex-Abgeordneter aus Rehden erinnert sich an die Zeit der großen Angst

Atomwaffen gehören in den Abrüstungseimer - diese Botschaft haben die Teilnehmer an einer Protestaktion in Berlin in Szene gesetzt, nachdem Donald Trump das INF-Abrüstungsabkommen zwischen Russland und den USA ausgesetzt hat. Foto: Paul Zinken/dpa
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Atomwaffen gehören in den Abrüstungseimer - diese Botschaft haben die Teilnehmer an einer Protestaktion in Berlin in Szene gesetzt, nachdem Donald Trump das INF-Abrüstungsabkommen zwischen Russland und den USA ausgesetzt hat.

Landkreis Diepholz - Von Anke Seidel. Es war die Zeit der großen Angst vor einem neuen Krieg und der nicht enden wollenden Proteste: 1979 wurde der Nato-Doppelbeschluss verabschiedet.

Doch die Abrüstung, die acht Jahre später mit dem INF-Vertrag beschlossen wurde, scheint Geschichte. Der ehemalige Offizier und SPD-Bundestagsabgeordnete Peter Würtz hat beides miterlebt - und macht sich seine eigenen Gedanken über die Folgen der Aussetzung eben dieses Abrüstungsvertrags durch die USA.

„Ich habe damals mit Helmut Schmidt gestimmt“, blickt Peter Würtz auf einen historischen Bundestagsbeschluss, der vor vier Jahrzehnten heftig umstritten war: Der Nato-Doppelbeschluss war mit der Aufstellung von Nuklearwaffen in Deutschland verbunden, um ein militärisches Gegengewicht zur damaligen UdSSR zu schaffen. Das Wettrüsten zwischen Nato und Warschauer Pakt, sprich den USA und der UdSSR, spaltete damals die Genossen im Landkreis Diepholz.

Erinnerung an turbulente Zeiten

„Wir brauchen die Raketen jetzt, hier und heute“, erinnert sich Peter Würtz, heute 79 Jahre alt, an seine Botschaft auf einem SPD-Unterbezirksparteitag in den damals turbulenten Zeiten. Genau das hätte ihn den Kopf kosten können: „Du wirst nie wieder aufgestellt!“, schleuderte ihm damals einer seiner Genossen entgegen und prophezeite ihm das Ende seiner Bundestagskarriere. Er sollte sich irren.

Die Lage war ernst im Jahr 1979: Als SPD-Bundestagsabgeordneter und Mitglied des Verteidigungsausschusses hat der Peter Würtz (79) den Nato-Doppelbeschluss miterlebt - und damals dafür gestimmt, weil er das militärische Gleichgewicht zwischen Ost und West als wichtiges Faktum für den Frieden wertete.

Peter Würtz blieb bis 1990 im Bundestag, aus dem er - nach 21 Jahren Parlamentsarbeit - freiwillig ausschied. Im Auswärtigen Ausschuss, aber auch im Haushalts- und Verteidigungsausschuss wirkte der Sozialdemokrat mit, der heute in Rehden lebt.

Zum umstrittenen Nato-Doppelbeschluss, so resümiert er, habe es aber keine Alternative gegeben. Denn dass die Russen aufrüsteten, das hätten die Mitglieder des Verteidigungsausschusses im Bundestag damals von den Amerikanern erfahren: „Das war streng geheim.“ Die Amerikaner hätten den Abgeordneten Satellitenfotos gezeigt, so Würtz, die nur einen Schluss zugelassen hätten: „Die Russen haben viel Geld in die Hand genommen, um neue Waffensysteme zu schaffen.“ Deshalb habe man handeln müssen: „Wir mussten den gleichen Unsinn machen und viel Geld verschwenden, um die Gefahr einzudämmen.“

Atomsprengköpfe in der Region

Es ging um ein elementares Wenn-Dann-Prinzip: Wenn die UdSSR ihr Ziel der Raketen-Aufstellung nicht aufgeben würden, so beschreibt der ehemalige Bundestagsabgeordnete die Position der Nato damals, dann würde sie in Mitteleuropa nachrüsten.

So kam es. Auch in der Region lagerten Atomsprengköpfe - wie in Dünsen, nur wenige Kilometer von Stuhr entfernt, dem damaligen Wohnort von Peter Würtz. Abschussrampen für die Raketen vom Typ Pershing II standen demnach im Syker Ortsteil Sörhausen.

„Dünsen war ein A-Ziel, ein Atombombenziel der Russen“, blickt der 79-Jährige zurück. Hat der damalige Bundestagsabgeordnete nachts schlafen können? „Natürlich ist es unangenehm zu wissen, dass, wenn es zum Konflikt gekommen wäre...“, sinniert er über Tod und Zerstörung. Denn dann, sagt Würtz, „wären Bomben mit einer fünf mal so starken Sprengkraft wie in Hiroshima gefallen“. Es war eine der dunkelsten Stunden des Zweiten Weltkriegs, als die Amerikaner 1945 die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki bombardierten. 230.000 Menschen verloren ihr Leben.

Daran erinnerten Protestler gegen den Nato-Doppelbeschluss in den 1980er-Jahren immer wieder.

„Ich habe immer gehofft, dass man den Frieden erhalten kann“, betont der ehemalige Bundestagsabgeordnete. Tatsächlich endete der kalte Krieg schon acht Jahre nach dem Nato-Doppelbeschluss, als der russische Staatschef Michael Gorbatschow und US-Präsident Ronald Reagan 1987 den Abrüstungsvertrag INF unterzeichneten. „Der INF-Vertrag führte dazu, dass beide Seiten abgerüstet haben“, bilanziert Peter Würtz. Die Atomwaffen - auch in der Region - wurden abgebaut.

Trump setzt INF-Vertrag aus

Doch Anfang des Monats hat US-Präsident Donald Trump den INF-Vertrag ausgesetzt. USA und Russland werfen sich gegenseitig Verstöße gegen den Vertrag vor. Peter Würtz beschreibt einen wichtigen Aspekt der Lage so: „Die Russen wollen Raketen gegen China stationieren, als Absicherung gegen den Osten.“ Das wollen die Amerikaner keinesfalls akzeptieren. Der Beginn eines neuen Wettrüstens und neuen kalten Krieges? 

„Wir sind weit von einer atomaren Auseinandersetzung entfernt und brauchen uns im Augenblick keine Sorgen zu machen“, antwortet der 79-Jährige. Die entscheidende Frage sei aber: „Was wird in fünf Jahren sein?“ Das Gebot der Stunde beschreibt der ehemalige Bundestagsabgeordnete so: „Nach meiner Meinung müssen die Europäer größere Einigkeit zeigen. Wohl oder übel müssen sie im Bereich der Verteidigung zu einer Gemeinsamkeit kommen.“ 

Und: Deutschland sollte alle Maßnahmen unterstützen, „damit es zu einem neuen Abkommen kommt, bei dem insbesondere die Chinesen berücksichtigt werden“. Als vierte Macht - neben USA, Russland und Europa.

Zum Hintergrund

Als Folge des Nato-Doppelbeschlusses wurden ab 1983 insgesamt 120 Pershing-II-Raketen (Reichweite: 1 800 Kilometer) in Deutschland stationiert – Sprengköpfe dafür auch in Dünsen, Delmenhorst, Diepholz und Wagenfeld. Die Nuklear-Sprengköpfe dieser US-Atomwaffen wurden von US-Soldaten bewacht und hatten eine Sprengkraft von bis zu 80 Kilotonnen (KT). 

Die UdSSR verfügte über die SS-20. Diese Mittelstreckenraketen hatten eine Reichweite von 5 700 Kilometern und eine Sprengkraft von bis zu 150 KT. Zum Vergleich: Die Atombombe auf Hiroshima hatte eine Sprengkraft von 13 KT. 

Als Ergebnis des 1987 von Michael Gorbatschow als sowjetischem Staatschef und US-Präsident Ronald Reagan abgeschlossenen INF-Vertrages wurden alle Pershing-II-Raketen aus Europa abgezogen und bis Mai 1991 zerstört. INF steht für „Intermediate-range Nuclear Forces” (nukleare Mittelstreckenwaffen). US-Präsident Donald Trump hat den Vertrag ausgesetzt. 

Quelle: Atomwaffen A-Z

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