Verband schickt nicht-zertifizierte Masken

Zahnärzte im Kreis Diepholz wütend: „Die zugeschickten Masken setzen wir garantiert nicht auf“

Sie arbeiten nahe der offenen Mundhöhle und sind damit sehr gefährdet. Viele Zahnärzte fühlen sich von der Politik in Sachen Schutz vor Corona nicht wahrgenommen.
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Sie arbeiten nahe der offenen Mundhöhle und sind damit sehr gefährdet. Viele Zahnärzte fühlen sich von der Politik in Sachen Schutz vor Corona nicht wahrgenommen.

Frust. Resignation. Enttäuschung. Der Zahnarzt aus dem Syker Umland versucht, seine Gefühle zu beschreiben, als er am 23. Dezember das Paket mit Schutzmasken betrachtete, dass in seiner Praxis angekommen war. Geschickt hatte es die Kassenzahnärztliche Vereinigung. Darin stand unter anderem: „Um Sie und Ihr Praxispersonal dabei (gemeint ist die Notfallbereitschaft) zu unterstützen, übersenden wir Ihnen die beiliegenden FFP2-Masken.“

Landkreis Diepholz - Das Problem: In dem Paket waren gar keine FFP2-Masken. „Das sah man schon von außen“, so der Zahnarzt, der namentlich nicht in der Zeitung auftauchen möchte. Wir nennen ihn Bernd K. „Es handelte sich um KN95-Masken, die in China produziert, aber in Europa nicht geprüft wurden. Es fehlte die CE-Kennzeichnung.“

Weitere KN95-Fälle in Deutschland bekannt

Ein ähnlicher Fall ereignete sich im Dezember 2020 in Baden-Württemberg, als die Landesregierung KN95-Masken, die ebenfalls nicht von der Dekra geprüft worden waren, als FFP2-Masken an Lehrerinnen und Lehrer verteilte. „Diese Masken sind nicht verkehrsfähig. Sie sollten auf keinen Fall verteilt werden“, sagte damals Dekra-Geschäftsführer Jörg-Timm Kilisch im Spiegel.

Praxen sind auf sich allein gestellt

„Bei Masken und Equipment gibt es ein Beschaffungsproblem“, sagt Zahnärztin Dr. Doris Tertel-Bohlmann aus Syke-Barrien. Sichere FFP2-Masken würden immer noch nicht in ausreichender Menge zur Verfügung stehen. Bei der Beschaffung seien die Praxen zudem komplett auf sich alleine gestellt: „Wir wurden überhaupt gar nirgends versorgt“, ärgert sich Tertel-Bohlmann. Aber haben nicht Verbände wie die Kassenzahnärztliche Vereinigung Masken für viele Praxen bereitgestellt? In der Tat seien einige Masken angekommen, bestätigt die Barrier Ärztin – 15 Stück. Bei korrekter Anwendung würde sie damit lediglich 7,5 Patienten behandeln können. Auch Zahnarzt Enno Fricke aus Sulingen wünscht sich mehr Unterstützung durch die öffentliche Hand. Zumindest eine Vergütung der Krankenkassen für den Mehraufwand sei angemessen, findet er. ls

Bernd K. fragte sich, ob er wohl ein Einzelfall gewesen ist, und schilderte den Vorfall in einem Forum. Die Rückmeldungen – unter anderem von einer Kollegin aus Sulingen – zeigten ihm: Nein. Auch Anrufe der Kreiszeitung in Praxen in Syke, Bruchhausen-Vilsen und Lemförde bestätigen seinen Verdacht.

Praxen übernehmen Versorgung Corona-Infizierter

Das kommt schon einer Ohrfeige gleich. Denn Bernd K. und viele seiner Kollegen übernehmen nicht irgendeinen Bereitschaftsdienst, sondern den Notdienst für sogenannte Corona-Schwerpunkt-Praxen. „Die sind für Patienten, die nahen Kontakt zu Coronainfizierten hatten oder selbst betroffen sind“, erklärt der Zahnarzt. „Diese Praxen haben aber auch Weihnachtsferien.“

Um die medizinische Versorgung aufrecht zu erhalten, setzen sich er und seine Kollegen einem hohen Risiko aus, in dem sie Menschen behandeln, die möglicherweise oder bestätigt an Covid-19 erkrankt sind. Glücklicherweise hatte der Zahnarzt – wie auch seine Kollegen – bereits FFP2-Masken auf eigene Kosten angeschafft. „Die zugeschickten Masken setzen wir garantiert nicht auf.“

Die zugeschickten Masken setzen wir garantiert nicht auf.

Ein Zahnarzt aus dem Raum Syke

Das Schreiben der Kassenzahnärztlichen Vereinigung (KZVN) löst bei ihm nur Kopfschütteln aus. „So etwas brauchen sie uns nicht zu schicken. Dann sollen sie sich einfach nur dafür bedanken, dass man den Notdienst übernimmt. Es ist enttäuschend, dass nicht das ankommt, was eigentlich gebraucht wird. Aber es ist so, wie es ist, man erwartet schon keine Hilfestellung mehr. Aber ich wünsche mir mehr Offenheit und Ehrlichkeit.“ Man merkt deutlich: Der Ärger sitzt bei vielen Zahnärzte tief. Sie fühlen sich im Stich gelassen und haben resigniert. Einer sagt: „Ich erwarte nichts mehr.“ Ein anderer findet, es werde schnell agiert, um etwas zu tun – aber das sei nicht immer zielführend.

Kassenzahnärztliche Vereinigung ist nicht sicher, wie es zum Versand falscher Masken kam

Dr. Thomas Nels, Vorsitzender des Vorstandes der KZVN, zeigt sich von der Nachricht überrascht. „Wir haben FFP2-Masken bestellt und sind davon ausgegangen, sie auch bekommen zu haben. Bisher hat sich auch noch kein Zahnarzt bei uns gemeldet, dass das nicht so gewesen ist. Ich wundere mich, dass man nicht direkt Kontakt zu uns gesucht hat, um darüber zu sprechen.“

Nels schildert die schwierige Situation. „Einige Praxen haben sich freiwillig dazu bereit erklärt, Corona-Patienten oder Menschen mit Kontakt zu Corona-Patienten zu behandeln. Für diese Schwerpunkt-Praxen gab es auch ohne Probleme Schutzausrüstung, während die übrigen Praxen nicht berücksichtigt wurden. Als wir dann Anfang Dezember die Nachricht von den Schwerpunkt-Praxen bekamen, dass diese über Weihnachten schließen, wollten wir die Praxen, die den Notdienst übernehmen, zumindest mit Schutzmasken ausstatten und haben sofort eine Ausschreibung gemacht – obwohl das eigentlich gar nicht unsere Aufgabe ist.

Wir haben FFP2-Masken bestellt und sind davon ausgegangen, sie auch bekommen zu haben.

Dr. Thomas Nels, Vorstandsvorsitzender der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Niedersachen

Laut Nels’ Rechnung sind die bestellten, zertifizierten FFP2-Masken auch geliefert worden. „Was ich mir als Erklärung vorstellen könnte, ist Folgendes: Während des ersten Lockdowns bekamen wir Masken von unserer Bundesvereinigung. Wochen später erreichte uns die Nachricht vom Tüv, dass diese Masken nicht als FFP2 ausgegeben werden dürfen, weil sie es eben nicht sind. Also blieben sie bei uns im Lager, wo auch die neuen Masken hinkamen. Beim Packen haben unsere Mitarbeiter dann vielleicht versehentlich die alten Masken gegriffen. Wenn es so war, ist das ein ärgerlicher Irrtum, der natürlich nicht hätte passieren dürfen.“

Kassenzahnärztliche Vereinigung schickt Entschuldigungsbrief

Mittlerweile hat die KZVN eine Nachricht an alle betroffenen Praxen geschickt und sich für den Vorfall entschuldigt. Allerdings wird in dem Schreiben erneut von FFP2-Masken gesprochen. Das verwirrt Bernd K., weil auf seinen Masken klar und deutlich KN95 steht. „Außerdem verstehe ich nicht, warum taugliche neben nachweisbar untauglicher Schutzausrüstung gelagert wird.“

Nels kann nachvollziehen, dass viele seiner Kollegen von der ganzen Situation gefrustet sind. „Seit einem halben Jahr suchen wir gangbare Wege, um mit der Situation fertig zu werden, aber wir spielen in der Politik nur eine nachrangige Rolle.

So hat die KZVN laut Nels bereits Mitte Dezember an das Ministerium geschrieben und dafür plädiert, zumindest die Zahnärzte in die erste Impf-Kategorie zu bringen, die in den Schwerpunkt-Praxen arbeiten „obwohl eigentlich alle dort hineingehören würden“.

Impfung für Zahnärzte rückt näher

Zahnärzte haben von Berufs wegen ein besonders hohes Risiko, sich mit dem Coronavirus zu infizieren. Sie arbeiten direkt über der geöffneten Mundhöhle. Ob ihr Patient infiziert ist und nur (noch) keine Symptome zeigt, das wissen sie nicht. Mit Handdesinfektion, Acrylglaswänden, Lüften, räumlicher Trennung von Patienten, Schutzvisieren, desinfizierenden Mundspülungen und natürlich Mund-Nasen-Schutz sorgen viele von ihnen dafür, ihre Leistungen auch jetzt noch risikofrei anbieten zu können. Ausreichend Unterstützung durch Politik und Verbände erfahren sie dabei offenbar nicht.

Immerhin: Das Risiko, sich selbst anzustecken, könnte bald vom Tisch sein. Zahnärzte haben in der aktuellen Impfverordnung zweithöchste Priorität und dürfen schon bald auf eine Spritze hoffen. Doch ist die Einstufung angemessen mit Blick auf das sehr hohe Ansteckungsrisiko?

Zahnärzte und Zahnärztekammer mit Entwicklung zufrieden

Enno Fricke, Zahnarzt aus Sulingen, findet, die Priorisierung könne nicht hoch genug sein. Immerhin würden die Zahnärzte „direkt am Ort des Geschehens“ arbeiten. Doris Tertel-Bohlmann, Zahnärztin aus Syke-Barrien, ist zufrieden. „Wir sind nicht so gefährdet, wie die Leute in den Kliniken“, sagt sie. Eine Ausnahme soll laut Impfverordnung voraussichtlich für Zahnärzte gelten, die in Pflegeheimen arbeiten oder in sogenannten Schwerpunktpraxen Corona-Patienten und mögliche Infizierte behandeln. „Das ist auch vernünftig so“, findet Doris Tertel-Bohlmann. Sie behandelt in ihrer Praxis wie auch Enno Fricke ausschließlich augenscheinlich gesunde Patienten. „Wir fühlen uns sicher, weil wir schon immer Hygiene bis zum Anschlag betrieben haben“, erklärt sie.

Wir fühlen uns sicher, weil wir schon immer Hygiene bis zum Anschlag betrieben haben.

Dr. Doris Tertel-Bohlmann, Zahnärztin aus Syke-Barrien

Den Eindruck, dass die Zahnärzte bei der Impfverordnung angemessen berücksichtigt wurden, teilt auch die Zahnärztekammer Niedersachsen (ZKN). „Das spiegelt den Bedarf so ab“, so Pressesprecher Dr. Lutz Riefenstahl auf Nachfrage der Kreiszeitung. Ob es sich tatsächlich so verhalte, dass Schwerpunktpraxen mit höchster Priorität geimpft werden, sei noch nicht ganz klar. Dafür gebe es noch keine Bestätigung, die ZKN gehe jedoch davon aus. Nur bei einer Frage muss der Pressesprecher passen: Ab wann können die Zahnärzte tatsächlich auf eine Impfung hoffen?

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