„Ein ganzes Leben“

Rühmann und Morgenstern glänzen mit gelesenem Theaterstück

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Thomas Rühmann (links) und Tobias Morgenstern erzählten das Bühnenstück „Ein ganzes Leben“ von Robert Seethaler. Es gelang ihnen dabei, eine ungewöhnlich dichte Atmosphäre zu erzeugen.

Syke - Von Ilse-Marie Voges. Glockengeläut, ein bäuerliches Ambiente im Dämmerlicht der rustikalen Stube. Ein Piano, an dem ein Akkordeon lehnt und ein großes Alphorn. Im Hintergrund die Schnee bedeckten Berge, im Vordergrund, sich gegenüberstehend: zwei Männer. Ernst, stumm.

Donnerstagabend im Syker Theater erlebte das Publikum eine außergewöhnlich dichte, szenisch-musikalische Lesung allererster Güte. Der Schauspieler Thomas Rühmann – bekannt als der der charismatische Arzt Heilmann aus der Serie „In aller Freundschaft“ – erzählte das Bühnenstück „Ein ganzes Leben“ von Robert Seethaler. Neben Rühmann an den Instrumenten: Tobias Morgenstern.

Einfühlsam gelang es Rühmann von Beginn an, die Geschichte des Andreas Egger zu lesen, zu erzählen, mit Sprache zu beeindrucken. Er zeichnete bildhaft das Leben des kleinen Andreas Egger, von seinem vierten bis hin zum 79. Lebensjahr. Eben ein ganzes Leben, im Tal vor den Bergen.

Der kleine Egger kommt ohne Eltern zum Kranzstocker Bauern, der ihn schlägt, keine Rücksicht auf sein verkrüppeltes Bein nimmt, ihn hart arbeiten lässt. Der Junge spricht wenig bis gar nicht, ist ein stiller Schüler, der sich mühen muss, zu verstehen. Hinkend bewegt er sich durchs Leben, die ihm abverlangten Arbeiten erledigt er zuverlässig. Er schleppt Säcke, Strohgarben, Steine. In der wenigen Freizeit liegt er als Erwachsener gern auf der Wiese inmitten der Blumen und Gräser.

Morgenstern begleitet einfühlsam die Szenen auf dem Akkordeon, jodelt wie ein echter Mann aus den Bergen, ohne dass die Szenen kitschverdächtig werden.

Eindrucksvoll Bilder vermittelt

Thomas Rühmann vermittelt erzählerisch und eindrucksvoll ein Bild des Egger, der sein bescheidenes Dasein hinnimmt, über Jahre seinen kargen Lohn spart, um sich mit 29 ein kleines Stück Land zu kaufen, das sich als steinig erweist und zur Viehhaltung nicht taugt. Aus dem Heuschober zimmert er sich ein Häuschen und bewirbt sich als Helfer für den Seilbahnbau. Egger weiß sich zu behaupten, hat körperlich Kraft und bekommt Arbeit.

Beim Besuch im Gasthaus fällt ihm Marie auf, eine stille zurückhaltende Frau. „Die ist eine für die Arbeit, nicht für die Liebe!“, brüllt der Wirt. Rühmann gibt auch bei diesem Dialog kraftvoll und mit geschliffener Theatersprache den Ton auf deutliche Weise vor. Marie und Andreas Egger werden langsam, schüchtern und vorsichtig ein Paar. Tobias Morgenstern untermalt die Szenen mit dem Alphorn.

Die beiden heiraten, und der bescheidene fleißige Handlanger ist glücklich, neben sich im Bett den warmen Körper, den Atem seiner Frau zu spüren. Und er ist stolz auf seine Arbeit. Die Seilbahn ist fertig, und Egger fühlt sich wie ein kleines Rädchen im Fortschritt der Zeit, an welchem er beteiligt war.

Schicksalsschlag für einfachen Mann

Aber dann trifft es den einfachen Mann hart. Eine Lawine zerstört das Haus, während Marie schläft. Sturm und Schnee sorgten für Tod und Verwüstung. Der Egger gräbt mit bloßer Hand und suchte, was ihm das Liebste war. Er schafft es nicht, bekommt zwar Mitleid aber keine Arbeit mehr. Für den Krieg 1942 wird er für tauglich befunden. Acht Jahre als Gefangener in Russland. 1951 kehrt er zurück, wohnt in einem Bretterverschlag.

Marie ist tot, das Haus am Berg weg, aber inzwischen gibt es Touristen im Ort. Der Egger schreibt ein Schild für die Straße. „Wenn sie die Berge mögen, sind sie bei mir richtig!“ So wird aus dem Hinkebein ein Fremdenführer, der sich jedoch mehr und mehr zurückzieht. In einer Felsspalte baut er sein neues Zuhause und wartet nun auf den letzten Herzschlag. Als keiner mehr kommt, lässt er los.

Diese wunderbar poetische Lesung, großartig von Rühmann in Szene gesetzt und mit feiner musikalischer Untermalung, hätte ein volles Haus verdient gehabt.

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