Interview mit Christoph Klomburg

Landvolk-Vorsitzender über Düngereform: „Die Landwirte sind alle gefrustet“

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Die roten Bereiche bedecken einen Großteil des Landkreises Diepholz.

Landkreis - Verschärfte Düngeregeln sollen ab November in Niedersachsen gelten. Das gaben Agrarministerin Barbara Otte-Kinast (CDU) und Umweltminister Olaf Lies (SPD) am Dienstag in Hannover bekannt.

Ziel der Maßnahme ist, den stark erhöhten Nitrat- und Phosphatgehalt in Boden und Grundwasser zu reduzieren. Christoph Klomburg vom Landvolk Niedersachsen des Kreisverbands Mittelweser erklärt im Interview, warum die Maßnahmen zwar machbar sind, die Datengrundlage aber dürftig ist.

Herr Klomburg, wo sehen sie die größte Schwierigkeit bei der Umsetzung der Auflagen hier vor Ort?

Möglich ist grundsätzlich erst mal alles. Der erste Punkt mit den Wirtschaftsdüngeranalysen (alle Maßnahmen siehe unten) ist machbar. Er ist zwar mit Kosten und Aufwand verbunden, aber ich würde jetzt aber mal so behaupten: Das machen die meisten sowieso schon. Beim zweiten Punkt mit der Einarbeitung von Wirtschaftsdünger wird es wahrscheinlich darauf hinauslaufen, dass die Ausbringung der Gülle und die Einarbeitung in den Boden gleich in einem Rutsch gemacht werden. Einen Grubber oder eine Scheibenegge hat man sowieso auf dem Betrieb. Die Maschine, die man da eigentlich braucht, ist so exorbitant teuer, dass es eigentlich nur mit Lohnmaschinen geht. Die müssen natürlich auch bezahlt werden. Der Hintergedanke beim dritten Punkt, den Mindestlagerkapazitäten, ist, dass da am Ende nicht der Druck ist: Mein Behälter ist voll, ich muss jetzt fahren. Von daher ist das vom Gedanken her richtig. Das führt aber zu Kosten auf den Betrieben, die keinen Euro mehr wieder einbringen. So ein Güllebehälter kostet um die 100 000 Euro. Das sind Kosten, die sind dann richtig hoch. Der vierte Punkt ist eine reduzierte Ausbringung von Phosphor auf Böden, die schon hochversorgt sind. Ein Betrieb muss mindestens alle sechs Jahre Bodenanalysen machen. Das zeigt einem ja auch: Mache ich es richtig? Kann ich noch was einsparen? Ich sage mal: Mit diesen vier Punkten könnten wir leben. Von den Kosten her ist der dritte Punkt der teuerste von allen. Viele stellen sich sicher die Frage: Baue ich mir noch einen Behälter? Viele Betriebsleiter hier sind über 50. Die sagen: Ich habe noch zehn Jahre das Ding zu bezahlen. Für viele ist das etwa bei den aktuellen Milchpreisen nicht machbar. Das führt dann dazu, dass die einfach schon vorzeitig aufhören.

Ursprünglich war von einer Umsetzung im Jahr 2020 die Rede. Jetzt soll die Verordnung noch in diesem Jahr umgesetzt werden. Wie überraschend war das für Sie?

Es war zu erwarten. Der Druck aus Brüssel ist hoch gewesen. Bei diesen vier Maßnahmen war relativ offensichtlich, was da kommt.

Im Landkreis Diepholz sind nicht alle Regionen gleich stark belastet. Weyhe, Stuhr und Lemförde sind zum Beispiel nicht betroffen. Woran liegt das?

Christoph Klomburg, Landvolk-Vorsitzender.

Das ist die große Frage. Diese gesamte Gebietskulisse, die jetzt rausgeschmissen ist, basiert eigentlich auf einem Netz, was nicht repräsentativ ist, weil es zu grob ist. Wenn man dadurch so ein kleines, feines Gebiet ausweisen will, dann funktioniert das nicht. Wir haben Situationen im Nienburger Bereich, da ist rechts der Weser alles rot und links ist alles gut. Das macht doch gar keinen Sinn. Ich komme aus Barrien und habe meine Flächen mal im betroffenen Gebiet, mal nicht. Und ich mache auf meinen unterschiedlichen Flächen nichts anders. Das ist eine große Ungerechtigkeit und auch ein Wettbewerbsvorteil, der dadurch entsteht. Alle Landwirte, die jetzt im roten Gebiet sind, haben sich ja vorher an geltendes Recht gehalten.

Glauben Sie, dass die Nitrat- und Phosphatbelastung in absehbarer Zeit in den Griff zu kriegen ist?

Wir haben ja das Problem, dass bei den Messstellen nicht das Grundwasser gemessen wird. Die sind nämlich wesentlich höher. Das sagt nichts darüber aus, ob jemals was ins Grundwasser kommt. Da hat man immer das Problem, dass man bei einigen Messstellen erhöhte Werte hat und bei manchen niedrige und im nächsten Jahr ist es genau andersrum. Keiner weiß warum. Es wurde nicht mal anders gewirtschaftet. Manchmal ist da eine Stadt drauf, manchmal ein Wald. Wenn man vorher keine Ahnung hat, woran es gelegen hat, und jetzt einfach sagt: Es liegt an der Bedüngung der Felder durch Gülle. Das kann man natürlich behaupten, aber ich sehe nicht, dass wir jetzt da die Lösung haben. Ich kann mir vorstellen, bis wir die entdeckt haben, hören einige Betriebe auf. Die Politik reagiert aktuell immer, wenn es zu spät ist. Es war noch nie gut, wenn man etwas schnell mit der Brechstange gemacht hat. Die Landwirte sind alle gefrustet, die haben alle schlechte Laune – und die baden jetzt irgendetwas aus, was sie vorher nicht beeinflussen konnten.

Es ist also ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren, um das Problem in den Griff zu bekommen?

Natürlich! Es gibt mittlerweile Fälle, in denen die Kanalisation in Städten zu 60 Prozent undicht ist. Außerdem haben wir überwiegend Mischkanalisationen und das große Problem, dass bei Regenereignissen die Kläranlagen drohen überzulaufen und das Abwasser zusammen mit dem Regenwasser direkt in die Flüsse leiten. Das liegt auch an der Versieglung. In Berlin muss es nicht viel regnen, dann leiten die direkt in die Spree und da hat man dann das Toilettenpapier. Daraus zu schließen, dass der Landwirt zu nah am Ufer gedüngt hat, ist natürlich einfach, wenn man in der Stadt wohnt.

Die vier Maßnahmen der Düngereform im Überblick:

- Wirtschaftsdüngeranalysen vor Aufbringung auf die Flächen

- Einarbeiten von Wirtschaftsdünger und Gärresten innerhalb einer Stunde statt vier Stunden

- Erhöhung der Mindestlagerkapazität von sechs auf sieben Monate

- Auf Böden mit sehr hoher Phosphatversorgung nur noch eine reduzierte Phosphatdüngung.

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