„Wir leben in einer ungesunden Gesellschaft“

Babak Rafati wirbt vor Berufs-Informations-Börse für den Wert psychischer Gesundheit

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BBS-Schulleiter Horst Burghardt begrüßte Ex-Bundesliga-Schiedsrichter Babak Rafati zur Eröffnung der BiB im Syker Theater. Rafati sprach in einem bewegenden Vortrag über Stress und darüber, wie leicht es ist, ihm zu verfallen.

Syke - Von Marc Lentvogt. Mit zwei ganz unterschiedlichen Gefühlen – Nachdenklichkeit und Lebenslust – ist am Mittwochabend die 16. Berufs-Informations-Börse (BiB) im Syker Theater eröffnet worden. Mittlerweile fast schon traditionell wurde auch in diesem Jahr ein Ausstellerrekord aufgestellt. „Ich habe im letzten Jahr gesagt: ,Wir können nicht mehr größer werden.’ Und wir sind doch größer geworden“, erklärte der sichtbar erfreute, aber gleichermaßen nervöse BBS-Schulleiter Horst Burghardt zum Start in den Abend. 103 Aussteller begrüßt er in diesem Jahr.

Im Festvortrag wurde nur Minuten später davor gewarnt, dass Leben auf „schneller, höher, weiter“ zu reduzieren. Die Warnung ist heutzutage kaum originell, doch nur selten mit so viel Gefühl gefüllt, wie es Babak Rafati gelang.

Der gelernte Bankkaufmann dürfte eher als FIFA- und Bundesligaschiedsrichter bekannt sein. 2011 versuchte er, sich umzubringen. Und es habe weitere Vorhaben gedauert, erzählte Rafati, ehe er die Ursachen begriff. Er hatte nie gelernt, mit Stress umzugehen. „Ich bin ein Vorbild dafür, wie man es nicht macht, ein Paradebeispiel für falsche Denkmuster“, erklärte er vor einem stellenweise gespenstisch ruhigen Publikum im Theater.

Schnell in eine Negativspirale geraten

Doch Rafatis Ansinnen war es nicht, den Gästen ein schlechtes Gefühl mit auf den Weg zu geben. Er wollte aufzeigen, wie schnell jemand – möge er von seinen Mitmenschen als noch so stark erkannt werden – ohne es zu merken in eine Negativspirale geraten kann.

„Wir leben in einer ungesunden Gesellschaft, heute brauchst du drei Ellenbogen“, verwies er seine Zuhörer auf das Wettbewerbsklima innerhalb der Wirtschaft und selbst innerhalb von Betrieben. Wer motivierte Mitarbeiter haben und gewinnen möchte, müsse deren Psyche als Kapital betrachten: „Wir haben alle Zugriff auf die gleiche Technik, auf die gleichen hervorragend ausgebildeten Menschen, der Wettbewerbsvorteil der Zukunft: Das ist die Psyche der Menschen.“

Im Miteinander sei es wichtig, führte Rafati weiter aus, nicht jede Aussage persönlich zu nehmen. „Wir hören nicht zu, um zu verstehen, sondern, um uns zu verteidigen.“ Diese Einstellung sei aber nicht nur unkonstruktiv, sondern auch ungesund. Dahinter stecke der Gedanke, das tun zu wollen, was erwartet wird, da es richtig erscheint – richtig aber für wen? Der Stress durch den Widerspruch der eigenen und der fremden Wünsche, „ist Selbstzerstörung auf Raten. Pfeifen sie auf den Stress.“ Mit langem Applaus dankten die Gäste im Theater für die Ehrlichkeit ihres Redners.

„Nicht jeder kann, nicht jeder muss studieren“

Umklammert wurden die zeitweise beklemmenden Erfahrungsberichte Rafatis durch jugendliche Leichtigkeit. Diese erhielt im Anschluss an seinen Vortrag ein Gesicht: Gina Scharrelmann fing Rafatis Vortrag mit „Leichtes Gepäck“ von Silbermond perfekt auf. Bei „Can’t stop the feeling“ hielt es kaum noch jemanden und sofort klatschten die Gäste mit. Den Auftakt hatte Jonas Hülsen am Keyboard mit „Summer“ des japanischen Komponisten Joe Hisaishi gemacht. Anders als Scharrelmann eher zurückhaltend, aber die gleiche positive Stimmung in die Köpfe transportierend.

Die offizielle Eröffnung blieb Volker Meyer, stellvertretender Landrat und in diesem Jahr Schirmherr der BiB, vorbehalten. „Nicht jeder kann, nicht jeder muss studieren. Die Ausbildung ist meiner Meinung nach so viel Wert wie ein akademischer Abschluss“, erklärte er unter großem Applaus seine Hochachtung für die duale Ausbildung, für welche Deutschland weltweit beneidet werde. Für Aussteller und Teilnehmer gelte daher: „Dabei sein lohnt sich.“

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