Literatur vor Ort mit Ronja von Rönne

Widerspruch in alten Schuhen

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Ronja von Rönne liebt Lesungen. Wenn es ihre eigenen sind. Bei „Literatur vor Ort“ im KSK-Saal präsentierte sich die 25-Jährige auch als gute Erzählerin ihrer eigenen Lebensgeschichten.

Syke - Von Frank Jaursch. Ist das, was Ronja von Rönne macht, Literatur? Ihre einstige Deutschlehrerin fand: Nein. Sie verhinderte dereinst persönlich eine Lesung der jungen Autorin in ihrer Schule.

Der demütigende Disput der heute 25-Jährigen mit ihrer Lehrerin sorgte am Donnerstagabend im Saal der Kreissparkasse ebenso für Lacher wie von Rönnes Rache: Sie veranstaltete stattdessen eine Lesung in der Nachbarschule. Umsonst.

Hinter der Anekdote, die Ronja von Rönne erzählte, verbirgt sich etwas mehr als bloß ein Bonmot. Denn die Bloggerin, „Welt“-Kolumnistin und Autorin verpasste mit ihrer Lesung der Nordwestradio-Reihe „Literatur vor Ort“ einen erfrischenden Windhauch. Und das, gerade weil sie eine ebenso entspannte wie entspannende Beziehung zum Thema Literatur hat.

„Ich finde, es ist ein Qualitätsmerkmal, wenn Lesen Spaß macht“, betont die Autorin im Gespräch mit Katrin Krämer (Nordwestradio). Es sei doch komisch, wenn man Bücher nur dann als intelligent verstehe, wenn sie unverständlich sind. Ein „sehr deutsches Missverständnis“ zwischen der Unterhaltungs- und der „echten“ Literatur sei das.

Rebellisches Ich

Die knapp 150 Zuschauer im Konzertsaal, der für die Lesung etwas „loungiger“ und ziemlich gelungen eingerichtet worden war, kamen in 90 Minuten in den Genuss, sowohl das rebellische literarische Ich als auch die echte Ronja von Rönne kennenzulernen. Sie las aus ihrem neuen Buch „Heute ist leider schlecht. Beschwerden ans Leben“, in dem Ausgaben ihrer Kolumnen gesammelt und durch neue Beiträge ergänzt worden sind. Darin präsentiert sie sich streitlustig und rotzig, provokant und böse. Oder verletzlich und wehleidig, je nach Bedarf.

Etwa, wenn sie sich aus der großen Stadt Berlin hinaus aufs Land wagt. Eben noch ereifert sie sich über die Verheißungen der Stadt, die nie erfüllt werden. Sie schildert die Großstadt als Ort voll sehnsüchtiger Menschen, die „aus Langeweile Veganer werden, schlecht bezahlte Praktika annehmen und in sehr kleinen Zimmerchen hausen“, nur um aus Verzweiflung irgendwann die „Landlust“ zu abonnieren.

Doch als sie mit dem Auto hinausfährt in die Provinz, als die hippen Indie-Radiosender der Hauptstadt im Rauschen verschwinden („Ab hier nur noch Bon Jovi“), zeichnet sie ein tristes Bild tumber Landbewohner, die mit wenig zufrieden sind und offenbar mit einem sehr begrenzten Wortschatz auszukommen scheinen.

„Ich jammer sehr viel in den Texten“, räumt Ronja von Rönne ein, „ich hoffe, im echten Leben tu ich das nicht ganz so viel.“ Aber es sei literarisch eben einfach ergiebiger, härter und provokativer zu sein, als zu sagen: „Heute war ein sehr schöner Tag!“

Widersprüchlichkeit der Autorin

Durch die Auswahl ihrer Texte und den kurzweiligen Gedankenaustausch mit Katrin Krämer erhielten die Zuhörer im Saal Einblicke in die Widersprüchlichkeit der jungen Autorin: Wortgewandt und schüchtern, kokettierend und von Selbstzweifeln geplagt. „Mittlerweile ist es mir egaler geworden, was die Leute denken“, sagt sie – und fügt im gleichen Atemzug hinzu: „Aber ich hab schon gern Leser, die mich mögen.“

Von Rönne habe sich mit ihrer Kolumne in einer Glamour-Zeitschrift einen Traum erfüllt, schmunzelt sie. Und sitzt da mit etwas zauseligen Haaren, in der schlichten Bluse, mit schwarzem Rock, Strumpfhose und ausgelatschten Schuhen – so unglaublich weit von jedem Glamour entfernt.

In ihren Aussagen und, noch mehr, in ihren Kolumnen wird derweil das erstaunliche Sprachgefühl der 25-Jährigen hörbar – etwa im Text über Ikea („Glück in blau-gelbem Konjunktiv“), in den boshaften Auslassungen darüber, was wohl aus der penetranten „Conni mit der Schleife im Haar“ geworden ist. Oder im inneren Disput mit den Stimmen, die ihr beim Schreiben über die Schulter sehen. „Ich hasse Schreiben“, sagt sie, und man glaubt ihr und merkt doch, wie sehr sie es liebt.

Bereitwillig bietet sie den Zuhörern Einblicke in ihre Lebensgeschichte, die in einem kleinen bayerischen Ort begann. „Ein bisschen krankhaft positive Eltern“ habe sie, plaudert von Rönne. Papa wollte Familie und Frieden – „und bekam meine Mutter“. Die gründete im Ort eine Montessorischule, in der im ersten Jahr Kinder in einem asbestverseuchten Raum entweder Schach spielten oder boxten – während die Lehrerin weinend in der Ecke saß.

Aus dem kleinen bayerischen Mädchen wurde, so heißt es, das „Sprachrohr einer ganzen Generation“. Ronja von Rönne runzelt die Stirn, schüttelt den Kopf. „Mir ist meine Generation eigentlich ziemlich egal“, sagt sie. Hält inne. Und fährt fort: „Aber ich mag einige von ihnen ganz gerne.“

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