Warum Postwachstumsökonomie überlebenswichtig ist: Professor Paech referiert

Weniger ist oft mehr

Nico Paech, Professor am Lehrstuhl für Produktion und Umwelt an der Universität Oldenburg, propagiert ein ganz neues Lebensmodell. - Foto: Jantje Ehlers

Syke - Von Anke Seidel. Weniger ist oft mehr – und die Basis dafür, dass alle Menschen auf diesem Planeten überleben können. Genau das ist das Herzstück der Postwachstumsökonomie, deren Schöpfer und glühender Verfechter gestern knapp 200 Schüler in Syke ebenso erstaunte wie fesselte. Niko Paech, Professor am Lehrstuhl für Produktion und Umwelt an der Universität Oldenburg, präsentierte in der BBS Europaschule ein Wirtschafts- und Lebensmodell, das ganz sicher die volle Zustimmung der Großeltern seiner jungen Zuhörer gefunden hätte. Denn für sie war die Ex-und-hopp-Konsumgesellschaft ein absolutes „No-Go“.

„Wirtschaft ohne Wachstum – wie das wohl funktioniert?“, das fragte sich vor dem Vortrag (von der Volkshochschule des Landkreises organisiert) nicht nur BBS-Direktor Horst Burghardt. Dass es funktioniert, davon war Professor Paech mit Blick auf die großen Herausforderungen der Zukunft felsenfest überzeugt. „Wir müssen etwas übrig lassen, dürfen nicht über unsere Verhältnisse leben“, nannte er das elementare Gebot der Nachhaltigkeit. Denn nur so lässt sich die Lebensgrundlage für Kinder und Kindeskinder retten.

Doch ein „Weiter so“ in dieser Wachstums- und Konsumgesellschaft würde genau diese Lebensgrundlage zerstören. Der Grund: Dafür würden die Rohstoffe von vier Planeten gebraucht, mahnte der Professor. „Die Ressourcen werden knapp“, stellte er mit Blick auf das allumfassend notwendige Rohöl und die Energie fest – Lebenselixiere des 21. Jahrhunderts: „Jedes Stück Fleisch, das Sie essen, ist rohöl-abhängig“, so Paech, „oder haben Sie schon mal einen Traktor mit Segel gesehen?“ Die Rohstoff-Verknappung sei die eine Wachstumsgrenze der bisherigen Wirtschaft – der von Menschen verursachte Klimawandel die zweite. Für Paech ein „Sargnagel“, der nur durch die drastische Reduzierung des Treibhausgases CO2 seine tödliche Spitze verliert. Unvorstellbare elf Tonnen CO2 produziert jeder Mensch pro Jahr. Um den Klimawandel zu stoppen, dürften es aber nur 2,7 Tonnen pro Kopf und Jahr sein. „Aber allein durch einen Flug von Frankfurt nach New York entstehen schon 4,25 Tonnen CO2 – pro Kopf!“, gab der Professor zu bedenken.

Wachstumsgrenze drei: Der eigene Wohlstand, den die technischen Revolutionen der Geschichte geschaffen hatten. Wobei die nächste Revolution gerade beginnt: Industrie 4.0 – eine Arbeitswelt, in der sich Maschinen mit ihren Aufgaben selbst organisieren. Niko Paech schätzt, dass diese ganz praktisch angewandte künstliche Intelligenz bis zu 18 Millionen sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze überflüssig macht. Anders gesagt: Nicht einmal die Hälfte der bisherigen 30 Millionen bliebe erhalten – was zwangsläufig zur Halbierung der Arbeitszeit und spürbaren Senkung des Einkommens führen würde. Bleiben nach Rechnung des Experten 20 Stunden „marktfreie Versorgungszeit“ für die Arbeitnehmer der Zukunft. Zeit, die sie – je nach Begabung – in Selbstversorgung oder Handarbeit investieren: Obst und Gemüse im eigenen Garten züchten, das altgediente Handy oder Laptop reparieren und die Jeans flicken statt sie – ex und hopp – in den Müll zu werfen.

Das Zauberwort heißt Suffizienz: Sich selbst im Konsum begrenzen. „Es geht nicht um Verzicht“, betonte Paech, sondern um bewusst reduzierte Käufe, die Mehr-Wert schaffen. Weniger ist in der Zukunft mehr, weil man das Angeschaffte viel intensiver genießen kann. Schließlich hat man – anders als im heutigen Haben-Haben-Rausch – mehr Zeit dafür. Ebenso elementar für die Postwachstumsökonomie ist die Subsidenz: Das Selbermachen und Reparieren in allen nur denkbaren Formen, das Kreativität freisetzt und Erfolgserlebnisse schafft – was wiederum zur psychischen Gesundheit beitrage, so Paech.

Tausche Waschmaschinen-Benutzung gegen Auto-Ausleihe: In Netzwerken wie Nachbarschaften könnten Produkte und Dienstleistungen getauscht werden. Regional könnten Unternehmen entstehen, die Nahrungsmittel in der Region erzeugen oder Reparaturen von technischen Geräten anbieten. Globale Voraussetzung dafür wären langlebige und reparaturfähige Produkte. Dadurch würden auch spürbar weniger der knappen Ressourcen verbraucht. Diese Art Wirtschaft würde weniger Kapital verbrauchen und mehr Arbeitsintensität schaffen, so Paech. Der Professor zeigte sich fest überzeugt: Spätestens 2050 ist die Postwachstumsökonomie Realität in unserer Gesellschaft – entweder durch freiwillige Entscheidung oder aufgezwungen durch besagte Wachstumsgrenzen. „Wir haben keinen Bock auf Wegwerf-Gesellschaft“, formulierte der Professor das Credo der Zukunft. „Wenn wir eine Wirtschaft ohne Wachstum umsetzen, haben wir eine Chance, unsere Lebensgrundlagen zu erhalten.“ Dass seine Botschaft bei den Schülern angekommen war, bewies eine lebhafte Diskussion.

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