„Du weißt, da hört dir jetzt jemand zu, der dich versteht“

MS-Patientin Claudia Birkholz bietet neue Selbsthilfegruppe in Syke an

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Claudia Birkholz hat Multiple Sklerose und möchte ihre Erfahrungen mit anderen Menschen teilen.

Syke - Von Michael Walter. Multiple Sklerose ist eine ausgesprochen fiese Krankheit: Winzige Entzündungsherde im Gehirn befallen die äußere Schicht des zentralen Nervensystems. Oft wird die Krankheit erst spät entdeckt, weil sie sich schleichend entwickelt und die unterschiedlichsten Symptome zeigen kann. Von verminderter Sehschärfe bis zu massiven Bewegungsstörungen. Ausgelöst wird sie mutmaßlich durch eine Fehlsteuerung des eigenen Immunsystems. MS ist behandelbar, aber nicht heilbar. Und je länger es von den ersten Anzeichen bis zur Behandlung dauert, desto schwerer sind die Folgen zu lindern.

Claudia Birkholz (56) hat das am eigenen Leib erlebt. Ihre Erfahrungen möchte sie mit anderen teilen und hat dazu in Syke eine neue Selbsthilfegruppe gegründet.

Als Claudia Birkholz 2013 nach Syke zog, war sie schon krank, wusste das aber noch nicht. „1999 habe ich bewusst die ersten Symptome wahrgenommen“, erzählt sie. „Nervenschmerzen, Sehstörungen, Blase, ... Aber meine Symptome passten nicht zu den Diagnosen der Ärzte. Sie gingen nach der Behandlung auch nicht weg. Das wäre psychologisch bedingt, sagten sie, und wollten mich zum Psychiater schicken.“

Birkholz nahm es hin, beließ es dabei. „Die Symptome waren zwar unangenehm, aber nicht bedrohlich.“ Auch als sie schlimmer wurden, dachte sich die gelernte Medizinisch Technische Assistentin noch nichts dabei. „Das war ja ein schleichender Prozess. Und wenn etwas langsam immer schlimmer wird, gewöhnt man sich daran. Ich dachte mir, ich werde halt alt.“

Harte Diagnose

Die Jahreswende 2014/15 veränderte alles: „Ich war im Dezember auf dem Weg zu Verwandten nach Bayern“, erzählt Birkholz. „Als ich ankam, waren meine Beine taub. Ich hatte es erst auf die lange Fahrt geschoben, aber es wurde schlimmer.“ Untersuchungen auf einen Bandscheibenvorfall oder eine Entzündung des Ischiasnervs brachten keine Ergebnisse. „Erst als im weiteren Verlauf auch mein Kopf im MRT untersucht wurde. Da waren dann im Hirn lauter alte, nicht mehr aktive Entzündungsherde festzustellen“, erzählt Birkholz.

„Sie haben MS“, knallte ihr der Arzt seine Diagnose damals völlig unverblümt vor den Latz. Birkholz: „Das zieht einem den Boden unter den Füßen weg. Ich war fassungslos. Und dann hab ich mich erstmal zu Hause hingesetzt und recherchiert, was MS überhaupt ist.“

„Ein sehr schmaler Grat“

Was noch schlimmer war als der erste Schock: Die Behandlung schlug nicht an. „Ich hab die Medikamente nicht vertragen.“ Birkholz litt unter ständiger Müdigkeit, Migräne-Attacken und konnte kaum noch laufen. Schließlich brach sie die Behandlung ab, suchte lange nach Alternativen und wurde schließlich fündig.

Vor sieben Monaten hat Claudia Birkholz unter ärztlicher Aufsicht eine neue Therapie begonnen, die sie verträgt und die ihr hilft. Wer sie heute trifft, würde im ersten Moment nicht ahnen, dass sie krank ist. Doch der Eindruck täuscht. „Die Krankheit wütet noch“, sagt sie. „Wenn ich mich zum Beispiel ärgere, kann ich sofort nicht mehr laufen.“ Auch ihr Tagesablauf wird von der Krankheit bestimmt. Staubsaugen, Putzen, Wäsche... „Ich muss die Dinge tun, wenn ich merke: Jetzt geht es mir gut, jetzt klappt es gerade. Das ist ein sehr schmaler Grat.“ Arbeiten wird sie wohl nie wieder können. Seit 2015 ist Birkholz Frührentnerin.

Persönlicher Austausch

Was ihr vor allem fehlt, ist der persönliche Austausch mit Menschen, denen es ähnlich geht. Und deshalb möchte sie eine Selbsthilfegruppe aufmachen. Für Menschen mit MS und anderen Autoimmunkrankheiten wie Morbus Crohn, Zöliakie, Schuppenflechte und andere mehr. Während der Reha hat Birkholz die Erfahrung gemacht: „Du weißt, da hört dir jetzt jemand zu, der dich versteht. Du musst dich nicht erklären. Und du weißt, du bist nicht allein. Alle um dich herum sitzen im selben Boot.“

Diesen Austausch hat sie bisher nur übers Internet und per WhatsApp, aber nicht von Angesicht zu Angesicht. „Aber das ist einfach nicht dasselbe. Ich persönlich rede lieber direkt mit jemandem. Und wenn’s einfach nur beim Kaffeetrinken ist.“

Den ersten Schritt dahin ist Claudia Birkholz bereits gegangen: Gestern Abend war in der Stadtbibliothek das erste Gruppentreffen. Und der nächste Termin steht auch schon fest: Dienstag, 10. April, um 17 Uhr. „Man kann sich vorher bei mir anmelden“, sagt sie, „man muss es aber nicht.“

Telefon: 0160 / 901 24 704, E-Mail: autoimmun.syke@gmx.de

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