Jan Weiler begeistert sein Publikum mit Wahrheiten über Pubertiere und Germknödel

Die Kinder gewinnen immer

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Entertainerqualitäten bewies Schriftsteller und Journalist Jan Weiler am Mittwoch im Saal der Kreissparkasse.

Syke - Von Michael Walter. Interviews bei Autorenlesungen haben mitunter sowas Desillusionierendes: Das Publikum erfährt dabei Dinge, die es im Grunde immer schon gewusst, aber bis dahin erfolgreich verdrängt hat. So auch Mittwoch Abend im Saal der Kreissparkasse.

Jan Weiler ist gar nicht der Ich-Erzähler aus dem „Pubertier“. Seine Kinder heißen in Wirklichkeit ganz anders und sind auch gar nicht so wie Carla und Nick im Buch. Weiler selbst bezeichnet sich sogar als das genaue Gegenteil des Ich-Erzählers. Tatsächlich sei er eher so wie seine komplett humorbefreite Figur Jürgen, die er literarisch regelmäßig durch den Kakao zieht. Und hätte er dabei nicht so süffisant gelächelt: Man hätte ihm das direkt glauben mögen.

200 Gäste wollten den 48-jährigen Schriftsteller und Journalisten live in Syke erleben, wo er im Rahmen der Reihe „Literatur vor Ort“ las. Überwiegend aus seiner im Januar erscheinenden Pubertier-Fortsetzung „Im Reich der Pubertiere“.

Wo es in den nächsten knapp zwei Stunden langgehen würde, machte gleich die erste Geschichte deutlich: Österreich hängt Jan Weilers literarischem Ich langsam zum Hals raus. Jahr für Jahr muss die Familie ihren Urlaub dort verbringen, nur weil Nick (13) so gerne Germknödel isst.

Also versucht Weiler es mit schonungsloser Aufklärung: Germknödel sind nämlich kleine haarlose Nagetiere. Nachts kommt dann der Österreicher und knallt die alle ab. Sogar von Dynamitbejagung wird berichtet. Der Germknödel kommt dann lebendig in kochendes Wasser – dann fallen die Beinchen ab – Puderzucker drauf und fertig. Inzwischen ist er so überjagt, dass sogar schon Jungtiere dran glauben müssen: die Marillenknödel. Durch präzises Sezieren gelingt es Weiler sogar, seinem Sohn die letzte Mahlzeit eines Germknödels vor dem gewaltsamen Ableben zu zeigen: „Kuck mal: Pflaumen!“

So geht das weiter. Vom Rasierschaumverbrauch der 16-jährigen Carla – „und meine Tochter ist kein Werwolf!“ – über skurrile Begegnungen bei Elternabenden bis zum Umstand, dass und wie Weiler zuhause von der Familie gemobbt wird. Vor allem von den Kindern. Die haben ihm mittlerweile den Kampfnamen Christiane Schmidt verliehen. „Das ist eine Verballhornung“, erklärt er. „Von ‚Krichst ja nüscht mit‘.“

Weiler zeigt dabei durchaus schauspielerisches Talent. Wenn er etwa ein Telefongespräch mit seiner Tochter nicht bloß vorliest, sondern vorspielt. Oder wenn er sich lästigen Anrufern gegenüber als automatische Telefon-Hotline ausgibt. Stimmfarbe und Duktus haben dabei Ähnlichkeit mit Dieter Nuhr, und sein Timing ist dabei ganz ausgezeichnet.

Das „Pubertier“ ist ein reiner Zufallserfolg, erfährt das Publikum dann im Gespräch mit Hilke Theessen vom Nordwest-Radio. Weil sich die Veröffentlichung eines anderen Buchs verzögerte, habe sein Verlag ihm gesagt: „Wir müssen irgendetwas Kleines machen, bis das rauskommt.“ Weiler habe daraufhin seine „Pubertier“-Kolumnen für das SZ-Magazin durchforstet. „Wir haben das Buch ohne große Erwartung gemacht. Darum ist es auch so dünn.“

Aber warum ist es so erfolgreich? „Der Trick ist, die Kinder gewinnen immer.“

Und dann wird eine Spur zu kräftig die Werbetrommel gerührt: Für Weilers ersten Krimi, für das zweite „Pubertier“ und für alles mögliche andere, das draußen am Büchertisch auf Käufer wartet. „Weihnachten steht ja vor der Tür.“

Autorenlesungen haben eben manchmal etwas Desillusionierendes.

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