Serie „Friedhofsleben“

„Grabpflege ist Liebesdienst“: Was Friedhöfe über die Gesellschaft aussagen

Blick auf Friedhof und Gräber.
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Friedhöfe können ganz unterschiedlich aussehen, sie werden so zu einem Abbild der Gesellschaft.

Friedhöfe sind seit Jahrhunderten Teil unserer Kultur und stehen für Beständigkeit. Dennoch sind sie im stetigen Wandel. Diese Artikel-Serie wirft ein Blick auf sie.

Landkreis Diepholz – „So wie sich das Jahr verändert und im Frühjahr die Natur erwacht, so werden auch die Gräber neu bepflanzt. Der Herbst mit seiner Farbenpracht präsentiert uns ausgefallene Pflanzen in dieser Jahreszeit und lässt uns an die schönen Momente des Sommers erinnern, und naht der Winter, werden die Gräber abgedeckt und ruhen.“ Dieses Zitat stammt aus einer Pressemitteilung des Vereins zur Förderung der deutschen Friedhofskultur.

Regelmäßig finden diese Informationen ihren Weg in das Redaktions-Postfach. Mit ihrer positiven Einstellung, dem Miteinander von Freude über Blütenpracht und Betonung deren Wirkung für die Trauerarbeit können diese Mitteilungen durchaus irritieren.

„Der Friedhof ist ein Spiegel der Gesellschaft“

Freude oder Neugierde empfinden beim Weg über den Friedhof? Glücklich sein über die Vielfalt von Pflanzen und Tieren, statt mit gesenktem Kopf leise den Weg zwischen den Toten zu gehen. Ist das in Ordnung? Fragen wie diesen möchten wir uns in den kommenden Wochen widmen. Zum Auftakt haben wir mit Andreas Mäsing gesprochen. Er ist seit zehn Jahren Vorsitzender des Vereins zur Förderung der deutschen Friedhofskultur und überzeugt: „Der Friedhof ist ein Spiegel der Gesellschaft.“

Andreas Mäsing, Vorsitzender des Vereins zur Förderung der deutschen Friedhofskultur, fordert von der Gesellschaft, jedem Menschen nach seinem Tod eine würdevolle Ruhestätte zu geben.

Wenn Mäsing in diesen Spiegel blickt, sieht er die Gesellschaft auf zwei unterschiedliche Weisen. Die erste ist positiv, das Sprechen darüber erfüllt ihn mit Freude. „Es gibt kaum noch Orte, die so vielfältig, so ökologisch wertvoll sind, so viele Pflanzen und Tiere bieten“, sagt er über den Friedhof als Platz in unseren immer lauter werdenden und zubetonierten Städten. Hinzu komme dann aber noch die menschliche Ebene, in der sich beweist, was für eine Gesellschaft wir sind, die aber durch ein zentrales Thema geeint wird: „Nichts ist schlimmer, als zu separieren in einer Zeit der diversen Gesellschaft. Am Ende sind wir alle als Menschen traurig, ob ich Jude, Muslim, Christ oder Agnostiker bin. Und in der Trauer können wir uns doch gegenseitig helfen, ob schwarz oder weiß, ob jemand mit Kopftuch am Grab steht, oder nicht.“ Friedhof, das ist für Mäsing „Kirche ohne Mauer“.

„Auf dem Friedhof haben wir alle die gleiche Emotion“

Als spaltenden Faktor benennt Mäsing die Angst vor dem Unbekannten. Aber „auf dem Friedhof haben wir alle die gleiche Emotion“. Die Religionen sind für Mäsing Ausdruck, dass Menschen unterschiedliche Wege für ein erfülltes Leben eingeschlagen haben, doch am Ende des Lebens steht der Tod. Dort sind alle gleich, und dann ist der Friedhof für sie da.

Dann ist da aber auch die andere Seite. Die, auf der 60 bis 100 verstorbene Menschen in Gelsenkirchen (dort arbeitet Mäsing, dort kennt er die Zahlen) erst nach acht bis 280 Tagen gefunden werden und vom Ordnungsamt bestattet werden müssen. „Tot ist man erst, wenn man vergessen ist. Das kann natürlich manchmal auch im Leben sein.“ Plötzlich spiegelt der Friedhof nicht mehr die plurale Gesellschaft voller erfüllter Leben, sondern eine Gemeinschaft, in der Menschen zusehends vereinsamen.

Vielleicht noch schlimmer: Die sogenannte ordnungsbehördliche Bestattung (laut Mäsing sind das etwa 10 bis 20 Prozent der Beerdigungen). So heißen Beisetzungen für Tote ohne Angehörige. In diesem Fall kümmert sich der Staat, wobei Mäsing nicht glücklich damit ist, wie das manchmal umgesetzt wird. Es könne passieren, dass bei der Suche nach dem Grab eine europaweite Ausschreibung genutzt wird. „Das kann im Zweifel sein, in einer fremden Stadt zu fünft oder sechst übereinander in ein Loch geworfen zu werden. Das ist anstandslos.“ Es gehört, da lässt Mäsings Stimme keinerlei Widerspruch zu, „zu unserer Gesellschaft, denjenigen gut unter die Erde zu bringen. Mein Name, mit Geburts- und Sterbejahr, macht mich einzigartig.“ Die Würde gebiete es, dieser Einzigartigkeit auch nach dem Tode gerecht zu werden.

Doch Friedhöfe sind natürlich mehr als ein Ausdruck unserer selbst, sie sind auch ein Angebot.

Alternative Bestattungsangebote treten mit Friedhöfen in Konkurrenz

Während unseres Gesprächs blickt Andreas Mäsing „raus auf den Friedhof, der im goldenen Herbst dasteht“. Golden schienen in der jüngeren Vergangenheit eher die Aussichten für alternative Bestattungsangebote, beispielsweise auf See oder im Wald. Droht dem Spiegel unserer Gesellschaft vielleicht der Fall in die Bedeutungslosigkeit?

Allein aus praktischen Gründen könne er das schon verneinen, entgegnet Mäsing und bringt Beispiele: Andere Angebote mögen grade „chic“ sein, aber in den Wald kann niemand eine Kerze mitnehmen. Geschweige denn gehandicapte Trauernde, die von Bestattungen im Wald häufig ausgeschlossen sind. Und was ist mit einem der häufigsten Themen in Friedhofsausschüssen: Toiletten? Auch die fehlen im Wald.

Friedhöfe „viel kreativer, als wir landläufig meinen

Aber auch in Sachen Erlebnischarakter müssen Friedhöfe sich nicht verstecken. Sie seien „viel kreativer, als wir landläufig meinen“. Mit dem Problem: „Das Angebot wird nicht gesehen, nicht gehört.“ Wer sich diese Mühe aber mache, auf den Friedhof geht und offen ist, der erlebe einen Ort der Ruhe und Intimität, einen Ort, der manchmal Tränen bringt, der aber auch Hoffnung ermöglicht und das alles selbst inmitten größter Städte.

Das Wichtigste aus dem Landkreis Diepholz: Immer samstags um 7:30 Uhr in Ihr Mail-Postfach – jetzt kostenlos anmelden.

Wenn Andreas Mäsing über Friedhöfe und das Handeln auf ihnen spricht, nutzt er Worte, die wir aus der Liebe kennen. Nicht ohne Grund, denn genau so versteht er dieses Thema auch und macht es mit Blick auf die Gräber ganz deutlich. Grabsteine, diesen Begriff lehnt er ab. Denkmale seien für ihn passender. „Da kann man über den Menschen, der gegangen ist, nachdenken und über das eigene Leben vordenken.“ Und wer sich um das Grab kümmert, der zeige mehr als einfache Wertschätzung: „Grabpflege ist ein Liebesdienst.“

Überblick zur Serie „Friedhofsleben“

Viele verdrängen das Thema am liebsten so lange es geht, aber irgendwann muss sich jeder damit beschäftigen. In einer crossmedialen Serie beleuchtet die Mediengruppe Kreiszeitung das Thema Sterben, Abschied nehmen und Bestattung. Von jüdischen Grabstellen und den Bestattungstrends der Zukunft. Hier geht‘s zum Überblick zur Serie „Friedhofsleben“.

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