Interview mit Kabarettistin Sybille Bullatschek über „Pfläge“ und andere Dinge

„Was mir Angst macht, sind Menschen ohne Humor“

Sybille Bullatscheck: die schwäbelnde Kabarettistin gastiert heute und morgen im Gleis 1. - Foto: Agentur

Syke - Von Detlef Voges. Die freche Altenpflegerin Sybille Bullatschek ist wieder da. Die schwäbelnde Kabarettistin tritt im Gleis 1 am Bahnhof auf. Weil es in den vergangenen Jahren nie genug Plätze gab, jetzt sogar zweimal: Am Samstag um 20 Uhr und am Sonntag um 18 Uhr.

Nach ihrem Erfolgsprogramm „Volle Pflegekraft voraus“ unterhält sie in Syke mit skurrilen Geschichten, etwa über Herrn Seifert, der bei einem Zoobesuch mit seinem mitgebrachten Gewehr in Ungnade fällt. Oder über Frau Spielmann und Frau Häfele, die um die Gunst des neuen Physiotherapeuten buhlen. Über das Programm und anderes führten wir ein Interview mit ihr.

Sie haben einen Schwerpunkt, den Pflegenotstand. Was ist so komisch daran?

Der Pflägenotstand ist per se natürlich überhaupt nicht lustig. Um ihn zu bekämpfen, brauchen wir mehr Fachkräfte. Dazu muss sich das Image der Pfläge verbessern und positiver werden, und hier komme ich ins Spiel. Ich bringe Menschen zum Lachen, erzähle Situationen aus meinem Heim, dem Haus Sonnenuntergang und zeige so, dass es durchaus Herz und Humor in der Pfläge gibt, und dass es nicht nur ein frustrierender Job ist, sondern ein Beruf, der einem viel geben kann. Gerade in der Altenpfläge höre ich oft das Vorurteil: „Ach, da wischt man doch nur den alten Leuten den Hintern ab!“ Was für ein Quatsch. Natürlich gehört die Körperpfläge auch zum Berufsbild, aber sich um andere zu kümmern, Menschen zu berühren, ihnen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, das sind auch alltägliche Dinge, die Pflägekräfte erfahren, und die sich leider nicht so gut transportieren lassen.

Wo holen Sie ihre Themen her?

Das Thema Pfläge ist voller skurriler Geschichten. Wenn man seine Pappenheimer kennt, hilft das bei der Ideenfindung. Von Frau Häfele bis zu Herrn Seifert weiß ich genau, was meine Bewohner für eine Vorgeschichte haben. Klar, ist diese fiktiv aber durchaus real. Damit lässt sich arbeiten. Ab und zu lasse ich mich natürlich auch von meinen Fans inspirieren, die mir nach jeder Vorstellung Geschichten aus ihrem Heim erzählen. Der Austausch mit meinem Publikum ist das Highlight. Ich hab die tollsten und treuesten Fans der Welt!

Haben Sie Ihr Programm im Kopf, wenn Sie auf die Bühnen kommen? Oder erweitern Sie es, je nach der Reaktion des Publikums?

Es gibt einen Spielraum für Improvisation, aber der Ablauf steht fest vor der Show. Klar, wenn jemand was Lustiges reinruft, bin ich die Letzte, die nicht drauf reagiert. Wenn plötzlich ein Telefon klingelt oder eine Frau einen Lachkrampf bekommt oder ein Tablett runterfällt, muss man darauf reagieren.

Gibt es für Sie Tabu-Themen? Was würden Sie nicht karikieren?

Ich führe niemanden vor. Humor braucht zwar eine Fallhöhe, aber es gibt für mich Grenzen. Alte Menschen sind hilfsbedürftig und teilweise auch schwach. Ich bin niemand, der nach unten tritt. Ich zeige in meinem Programm die kleinen Schwächen der Senioren auf, zum Beispiel Frau Bäuerle, die nachts Dauer klingelt, Frau Spielmann die schlecht hört und Herr Seifert, der einfach „ä bissle bös isch“. Das alles bietet schon wunderbare Vorlagen für Gags. Windel- oder Inkontinenzwitze werden Sie bei mir vergeblich suchen. Ebenso Sachen unter der Gürtellinie. Ich habe festgestellt, dass man ein Publikum zwei Stunden lang bestens unterhalten kann, ohne diese Art von Gags.

Wen würden Sie sich gern einmal als Gast im Publikum wünschen?

Hartmut Engler von PUR. Wie viele ja noch aus dem ersten Programm wissen, ist Sybille Bullatschek einer seiner größten Fans. Im neuen Programm kommt er leider etwas kurz, aber da gibt es andere verrückte Geschichten.

Ist das Kabarett nach der Klage des türkischen Präsidenten Erdogan gegen Jan Böhmermann angeschlagen?

Nein, im Gegenteil. Satire muss es geben. In allen Themenbereichen, nicht nur im politischen Kabarett, sondern auch bei gesellschaftsrelevanten Themen wie der Pfläge. Wobei ich natürlich nie ein Schmähgedicht schreiben würde, sondern lieber ein Loblied auf die Pfläge singe!

Macht Ihnen der Angriff gegen die Meinungsfreiheit und Freiheit der Kunst Angst oder sagen Sie: „Jetzt erst recht“?

Ich habe keine Angst und sehe mich und meine Kunst auch nicht eingeschränkt. Was mir wirklich Angst macht, sind Menschen ohne Humor und solche, die sich selbst zu wichtig nehmen. „Lieber Herr Erdogan, kommen Sie mal in die Pfläge, da lernen Sie, sich nicht so schnell aufzuregen, da gibt es Wichtigeres als Schmähgedichte.“

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