Dr. Rajinder Singh: „Ich werde nicht zimperlich sein“

Vortrag über Gandhi: Die Verklärung einer Ikone

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Dr. Rajinder Singh ist Lehrer an der GTS und Buchautor. Im Spieker sprach er über Gandhi und Indien.

Syke - Von Janna Silinger. Freiheitskämpfer, Rassist, Revolutionär, Kapitalist, Pazifist, Sexist – Mahatma Gandhi war vieles. Nur nicht fehlerlos. Über seine Jugend, seinen Werdegang, sein Privatleben und sein Image sprach am Donnerstag Dr. Rajinder Singh. Der Lehrer und Buchautor hielt auf Einladung des Kultur-Cafés unter dem Titel „Gandhi ohne Schleier – ein Blick auf mein Land Indien, Nationalismus, Religionen und Gewalt“ einen Vortrag im Spieker der Alten Posthalterei.

Bevor Singh loslegte, gab es passend zum Thema indisches Essen. Ein interessantes Publikum war erschienen. Viele brachten ihre eigenen Geschichten mit, teilweise auch aus Indien, wie etwa der 20-jährige Jannes Matzen, der gerade von einem Austausch aus Mumbai wiedergekommen ist und im Rahmen des Vortrags auch noch zu Wort kommen sollte.

Zunächst stellte Singh nicht Gandhi vor, sondern sich, seine Werke und wieso sein Interesse an dem „Vater der Nation“ so groß ist. Er schweifte dafür kurz ab nach Indien in seine Jugend. Zu dieser Zeit war die Kritik an Mahatma Gandhi verboten. Ein Grund mehr für Singh, dem nachzugehen.

Obwohl er für seine Recherche weit gereist und tief eingetaucht ist in Archive, Bibliotheken und das Internet, würde er sich nicht als Gandhi-Experten bezeichnen. Er wolle nur wahre Dinge über ihn erzählen. Gute und Schlechte. „Ich werde nicht zimperlich sein mit dem, was ich sage, also seien Sie auch nicht zimperlich mit Fragen“, sagt er lächelnd. Es gehe um Meinung, und alles sei erlaubt. In der westlichen Welt sei das Wissen über Gandhi und Indien begrenzt auf Yoga, Kastensystem, heilige Kühe und Party in Goa. Singh möchte aufklären.

Als Anwalt blieb er erfolglos

Den eigentlichen Vortrag beginnt Singh bei Gandhis Schulzeit. Gandhi sei ein mittelmäßiger Schüler gewesen, auf dem College hat er dann „auf Deutsch gesagt richtig verkackt“, so Singh. Trotzdem hat seine wohlhabende Familie darauf bestanden, dass er ein Jurastudium in England beginnt.

Als Anwalt blieb er jedoch weitestgehend erfolglos. 1890 verschlug es ihn nach Südafrika. „Was viele nicht wissen: Er war dort 20 Jahre. Angeblich, um den indischen Gastarbeitern zu helfen“, so Singh. In Wirklichkeit habe er dort aber nur indische Geschäftsmänner, die ihn bezahlen konnten, vertreten. Singh warf ein, dass Gandhi für die Rechte der Inder kämpfte, dabei jedoch auf die schwarze Bevölkerung in Südafrika herabschaute, sie mit Tieren verglich und sich vehement gegen „Rassenvermischung“ aussprach.

Dann folgten Zitate und Fotos. Einige sollten aufzeigen, dass Gandhi keineswegs bloß Pazifist war, sondern unter bestimmten Umständen – etwa, um die Ehre zu verteidigen – auch Krieg befürwortete. Gandhi habe gesagt, dass er den Schutz der Kuh als wichtiger empfand als den der Menschen. Oder, dass es für die Juden besser gewesen wäre, Deutschland im Zweiten Weltkrieg nicht zu verlassen, sondern sich von einer Klippe zu stürzen. Wie er trotz all dem zu so einem guten Ruf kam? „Er war ein begnadeter Journalist und konnte in seinen eigenen Zeitungen schreiben, was er wollte.“

Beeindruckende Arbeitsmoral

Zwischendurch brachte der Bericht von Jannes Matzen über seine Erfahrungen in Indien Dynamik und neue Aspekte in den Raum. Er habe sich in dem Land wohl und sicher gefühlt – vor allem verglichen mit Ländern wie Mexiko oder Brasilien, wo er sich auch länger aufgehalten habe. Besonders beeindruckt zeigte er sich über die Arbeitsmoral der jungen Inder. „Teilweise haben die nach zwölf, 13 Stunden Arbeit sogar im Büro geschlafen“, berichtete er.

Was Matzen einräumte, war die Unterdrückung der Frauen im Land, die auch Singh noch einmal hervorhob, sowie die nach wie vor herrschende Diskriminierung der unteren Kasten und religiöse Konflikte zwischen Moslems, Hindus und Christen. Diese werden zum Teil in grausamer Gewalt ausgetragen. Nach der Bitte aus dem Publikum, etwas Positives und Hoffnungsvolles zu berichten, erzählte Singh, dass es wirtschaftlich vorangehe. Beispiel: Als er vor vielen Jahren als Lehrer in Indien tätig war, habe er sich nicht mal ein Fahrrad leisten können. „Heute sind dort viele Lehrer mit dem Auto unterwegs.“

Singh brachte derart viele Infos mit, dass es schwerfiel, alles in den richtigen Zusammenhang einzuordnen. Das ist jedoch wichtig bei so viel Kritik an einem Menschen wie Gandhi, der in Köpfen der meisten bis dato eher eine Ikone war.

Deutlich wurde in jedem Fall, dass mehr als nur der Freiheitskämpfer hinter diesem Mann steckt. Ein komplexer Charakter, der durch Charisma und Worte die Massen mobilisierte, der nicht vollkommen war und trotzdem Großes für sein Land geleistet hat.

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