Stadt stellt sich auf Klimawandel ein

Viele junge Bäume in Syke hängen am 75-Liter-Tropf

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Ein Leben am Tropf: Viele junge Bäume wie hier vor dem Kreishaus wässert die Stadt über einen 75-Liter-Sack.

Syke - Von Detlef Voges. In der Musik gibt es sie noch: die vier Jahreszeiten. Vivaldi sei dank. In der Natur hat sich das Quartett verabschiedet. Als Schuldiger darf wohl der Klimawandel herhalten. Ein Abgang mit Folgen. Auch für eine Kleinstadt wie Syke.

Statt der Jahreszeiten sind in die Hachestadt widrige Wetterverhältnisse eingezogen: extreme Stürme mit Starkregen, verfrühte Hochsommer, Frost im März, Hitze im April, von einem Tag auf den anderen Unterschiede von 15 Grad.

Das sei nicht nur für Menschen eine Herausforderung, sondern für die Natur auch, sagt Sykes Stadtbiologin Angelika Hanel. Wenn die Temperaturen so schnell wechselten, entstehe in den Bäumen ein enormer Druck. „Dann erleben wir, dass die Bäume ihre gesunden, vitalen Äste abwerfen“, erklärt Hanel und erinnert beispielhaft an den Herbst 2017. An sich Pflanzzeit. Ging aber wegen Sturm und Starkregen nicht. Der Boden war wie Pudding. Er konnte die Bäume nicht halten.

Um überhaupt etwas zu präsentieren, setzte die Stadt auf den März 2018 als Pflanzmonat. Ging aber auch nicht. Der Boden war gefroren. Und im April? – war es sehr warm. „Schlecht für die Austriebsphase“, so die Biologin. Die Folge: Die Stadt muss nachhelfen und einmal die Woche wässern.

Zu wenig Regen in April, Mai und Juni

„Die Bäume hängen am Tropf“, erklärt die Fachfrau bildhaft. Genauer gesagt, an einem 75 Liter Wasser fassenden Sack. Drei Jahre geht das schon so. Früher waren es zwei Jahre. „Wir wässern Bäume, die von ihrem Alter her an sich schon damit durch sein müssten“, klagt Hanel und spricht von einem Alarmzeichen, wenn über fünf Jahre alte Ahornbäume am Handelsweg jetzt schon gelbe Blätter hätten. Linden am Okeler Friedhof hätten Stammrisse – Folgen eines Sonnenbrands.

In den Monaten April, Mai und Juni hat es laut der Biologin zu wenig geregnet, statt der sonst 60 Liter nur 20 Liter. Es gebe weitaus mehr Tropentage als früher. Selbst das Totholz an den Bäumen muss die Stadt mittlerweile alle zwei Jahre entfernen, früher nur alle fünf Jahre. Das sei ein logistisches Problem, besonders wegen des hohen Personaleinsatzes.

Die Vegetation hat sich verändert. Das hat die Stadt vorausgesehen und 2011 sogenannte Klimabäume gepflanzt. Bäume, die besser mit den neuen Bedingungen zurechtkommen. Noch sei es zu früh für ein abschließendes Fazit, so Hanel, die 100 gepflanzten Bäume gäben aber Anlass zu Optimismus. Es seien bislang keine Schädlinge aufgetreten, vertrocknet sei noch kein Baum. Die Biologin nennt beispielhaft die ungarische Eiche, die persische Eiche, die Marshall-Esche und die heimische Mehlbeere. „Die Mehlbeere nehmen wir gern wegen des schönen Wuchsbildes und der Beeren für die Vögel“, sagt die Expertin.

Da die Klimabäume eher exotisch als gängig sind, hat die Stadt Probleme mit der Beschaffung. „Wir müssen oft lange suchen“, betont Hanel, setzt aber weiter intensiv auf das Projekt Klimabaum.

Ein weiteres Projekt läuft etwas tiefer: am Boden. 30 Beete hat die Stadt im Testverfahren. Für manche gibt es schon Patenschaften wie in der Lindhofstraße, Glockenstraße und Bettina-von-Arnim-Straße. Andere Patenschaften sucht die Kommune noch. Geprüft werden widerstandsfähige Stauden und Pflanzen.

Baum-Akzeptanz lässt bei Bürgern nach

Über Arbeit kann das städtische Grün-Team nicht klagen. Überall gibt es Baustellen. Im Edgar-Deichmann-Park am Mühlenteich sind die gemeinen Eschen abgängig. Sie sind von einem Pilz befallen. „Der ganze Bestand von etwa 30 Bäumen stirbt“, sagt Hanel. Auch die Kugelkirschen im Stadtbild hat es getroffen.

Stadtgrün hat aber keine Zeit für die Pflege. Hanel muss sich am Hohen Berg um die Robinien kümmern. Die sterben nicht, sondern wachsen ungebremst. Die Pionierbaumart breitet sich invasiv aus. „Ich hoffe, uns gelingt es, sie mechanisch einzudämmen“, betont die Biologin.

Bei allen Baustellen treibt Hanel immer wieder eine Frage um: Wann kommt der Eichenprozessionsspinner? Ihr Wunsch: gar nicht. Wenn doch, brauche die Stadt ein Krisenmanagement.

Ein generelles Problem sieht die Stadtbiologin in der nachlassenden Baum-Akzeptanz bei den Bürgern. Die sähen den Baum immer mehr als Störenfried, der mit vielen Blättern zu viel Arbeit macht. „Wir brauchen aber Bäume für das ökologische Gleichgewicht“, sagt sie und hofft auf ein Umdenken.

Ein konkretes Problem wächst sich immer mehr aus. Wo Bäume pflanzen? In vielen öffentlichen Wegen, Straßen und Flächen liegen so viele Versorgungsleitungen im Boden, dass ein Baum kaum mehr Platz findet, darf er doch nicht allzu sehr wurzeln und nicht zu tief. „Wir planen deshalb in neuen Baugebieten regelrecht Grünzüge mit ein“, so Hanel.

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