Stadt müsste invenstieren

Theater Syke verschenkt Potenzial

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Das Syker Theater ist auch immer noch Schul-Aula des Gymnasiums. Dieser Umstand schränkt die Nutzung durch externe Veranstalter ein.

Syke - Von Michael Walter. Die Frage, ob das Glas halb voll oder halb leer ist, gehört zu denen, die so alt sind wie die Menschheit. Nicht ganz so lange, aber immer mal wieder wird sie auch im Zusammenhang mit dem Syker Theater gestellt. Üblicherweise von der örtlichen Politik. Meistens geht es dann ums Geld auf der einen Seite und um die Auslastung auf der anderen. Und manchmal fällt dann auch der Spruch, ohne den Landkreis als Schulträger des Gymnasiums wäre im Theater gar nichts los.

Jetzt kommt diese Frage aus Richtung der Veranstalter - und das ist neu. „Hier wird definitiv Geld liegen gelassen und eine sehr breite Kulturpalette den Sykern vorenthalten“, sagt Jörg Beese. Der Hoyaer ist gleichzeitig Herausgeber eines Online-Musicalmagazins und Eventmanager. In letzterer Eigenschaft veranstaltet er bundesweit Musicalkonzerte. Zum Beispiel auch die Heiligenfelder Musicalnacht vergangenes Jahr im DGH. Mit der angedachten Neuauflage möchte er 2020 gern ins Syker Theater. Doch nach seinen ersten Anfragen hat er den Eindruck, die Stadt wolle ihr Theater nicht ernsthaft an externe Veranstalter vermieten.

Auf Anfragen werde nicht oder nur mit erheblicher Zeitverzögerung reagiert, sagt Beese. Am Telefon seien die zuständigen Mitarbeiterinnen bei der Abteilung Stadt & Kultur praktisch nicht zu erreichen, und auf Mails habe er nur Antwort erhalten, wenn er zuvor extra noch mal beim Ersten Stadtrat Thomas Kuchem nachgehakt habe.

Das Tüpfelchen auf dem i war für Jörg Beese dann ein Besichtigungstermin: „Dabei wurden meine Fragen zum Theater alle problemlos beantwortet“, betont er ausdrücklich. Aber es habe umgekehrt nicht eine einzige Nachfrage zu seiner Veranstaltung gegeben - „wie bereits zuvor im Mailverkehr“, so Beese. „Ich hatte das Gefühl, die Damen interessierte es gar nicht, wer oder was da im Theater spielen wollte.“

150 bis 180 Veranstaltungstage

Dass Saalmiete und Nebenkosten vergleichsweise hoch seien für ein Theater mit technisch zwar gut ausgestatteter Bühne, aber eher unkomfortablem Saal und ausbaufähigem Service, runde das Gesamtbild da nach unten ab. Beese habe „immer das Gefühl gehabt, dass dort überhaupt keine Gastveranstaltungen gewollt sind“. Dabei spielt das Theater laut Beese von Saal- und Bühnengröße her in einer Liga, die bei Veranstaltern sehr stark gefragt ist. „Aus meiner Erfahrung heraus würde ich dieses Theater für eine Goldgrube halten“, sagt er. Pro Jahr könnten dort „mittelfristig bestimmt 150 bis 180 Veranstaltungstage“ zusammenkommen.

Tatsächlich sind es gerade mal die Hälfte. Kathrin Wilken von Stadt & Kultur spricht von „70 bis 100 Veranstaltungen im Jahr“. Davon sind laut Wilken 15 bis 17 Eigenveranstaltungen der Stadt Syke. Vom großen Rest machen die Veranstaltungen des Gymnasiums den Löwenanteil aus. Hinzu kommen andere Schulen, Vereine und externe gewerbliche Veranstalter wie etwa Jörg Beese.

Eine Größenordnung von 150 bis 180 hält Kathrin Wilken für unrealistisch. „Bis zu 120 wären denkbar“, sagt sie. „Alles darüber hinaus würde bedeuten, dass wir uns komplett neu aufstellen müssten. Der Bühnenauf- und -abbau, die Reinigung, Catering und Garderobe müssten völlig neu organisiert werden.“ Jetzt regelt ihre Abteilung das mit zweieinhalb Stellen im Rathaus plus Honorarkräften und ehrenamtlichen Helfern. Dann wäre dafür fest angestelltes Personal vor Ort erforderlich.

Etwa 40 bis 60 Anfragen pro Jahr

Was außerdem gegen eine nennenswerte Ausweitung spreche, sei der Zeitfaktor. „Auch an Tagen, an denen keine Veranstaltungen sind, steht uns das Theater mitunter gar nicht zur Verfügung“, sagt Wilken. Ein Beispiel: „Wenn das Gymnasium ,Lysistrata‘ aufführt, haben die in drei Wochen 15 Termine, obwohl die Öffentlichkeit nur zwei Shows mitbekommt. In der restlichen Zeit kann dort aber nichts Anderes passieren.“ Solche Konstellationen gebe es mehrfach im Jahr.

Anfragen wie die von Jörg Beese erhält die Stadt etwa 40 bis 60 pro Jahr. „Die prüfen wir alle sehr genau. Manchmal sind auch unseriöse Angebote darunter. Da bieten dann Veranstalter Konzerte mit Künstlern an, für die sie gar keine Rechte besitzen.“ Der Sinn: Mit großen Namen den Kartenvorverkauf anleiern, dann absagen und sich mit den Einnahmen aus dem Staub machen.

Auf diese Masche ist Wilken noch nicht hereingefallen. „Wir sind aber selber schon ein-, zweimal auf die Nase gefallen, wo die Agentur pleite gegangen ist. Da ist es noch zur Aufführung gekommen, aber wir haben keinen Cent davon gesehen.“

Große Erwartungen und viel Emotionen

Von den bis zu 60 Anfragen im Jahr kommen laut Wilken „allerhöchstens acht bis zehn“ für eine Realisierung ernsthaft in Betracht. So wie die von Jörg Beese. „Häufig hängen da große Erwartungen und viel Emotionen dran“, sagt sie. „Was fehlt, ist oft ein wenig Sachlichkeit. Jörg Beese ist da für mich kein Sonderfall. Wir haben ihm ein Angebot gemacht. Zu dem hat er bisher lediglich gesagt, es sei ihm zu teuer, aber er hat uns kein Gegenangebot unterbreitet. Wenn er uns jetzt mal konkret sagen würde, was er eigentlich möchte, kämen wir bestimmt auch weiter.“

Grundsätzlich gilt: Ob eigene oder externe Veranstaltungen macht für Stadt & Kultur keinen großen Unterschied. „Der organisatorische Aufwand ist praktisch derselbe“, sagt Wilken. Insofern sei die Unterstellung, ihre Abteilung habe gar kein Interesse daran, das Theater extern zu vermieten, vollkommen haltlos.

Das unterstreicht auch Erster Stadtrat Thomas Kuchem, der seine Mitarbeiterin darüber hinaus ausdrücklich auch vor dem Vorwurf in Schutz nimmt, sie reagiere nicht auf Anfragen. Die ersten Mails von Jörg Beese seien zu einem Zeitpunkt gekommen, an dem die Abteilung Stadt & Kultur mitten in den Vorbereitungen für die Weihnachtlichen Kulturtage gesteckt habe. „Und danach war Kathrin Wilken einige Zeit gar nicht da, weil ich sie sozusagen zwangsverpflichtet hatte, ihren Resturlaub zu nehmen“, sagt Kuchem.

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