EU-Verordnung

„Willkür“: Tätowiererin kritisiert Verbot bunter Tattoo-Farben

Hände in Einmal-Handschuhen tragen blaue Farbe in eine Tätowierung auf.
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Ohne kräftiges Blau: Eine EU-Verordnung sorgt dafür, dass Tattoo-Studios vorerst fast ohne farbige Akzente auskommen müssen. Hersteller wollen mit neuen Produkten nachbessern, aber auch das ist mit Unsicherheiten behaftet.

Das Verbot von Tattoo-Farben ist für eine Tätowiererin aus Syke Anlass zur Kritik – und zur Trauer. Die Szene wartet auf neue, EU-konforme Farben. Bis die lieferbar sind, könne es aber dauern, so ein Kollege aus Barnstorf.

Landkreis Diepholz – „Wenn der Körper ein Tempel ist, warum dann nicht die Fenster bunt anmalen?“, fragt Maren Kindel. Die 34-Jährige steht in ihrem Studio „Kamelschwester“, sie trägt rosa Maske und schwarzen Hut auf rosa Haaren – und natürlich mehrere Tattoos, zum Beispiel das Kamel im Nacken, von dem ihr Studio den Namen hat. Im August 2020, also mitten in der Corona-Zeit, hat sie an der Syker Hauptstraße, neben dem Rewe-Markt, ihr Studio eröffnet.

Beim Tätowieren wird sie für erste Erste auf bunte Farben verzichten müssen. Grund ist eine EU-Verordnung zur Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung chemischer Stoffe: REACH. Die Verordnung ist schon seit 2007 in Kraft, sie gilt als eines der strengsten Chemikaliengesetze der Welt.

Inhaltsstoffe von Tattoo-Farben fallen nun unter EU-Verordnung

Das Problem für Kindel und ihre Berufskollegen: Vom 4. Januar an, also ab heute, fallen auch Chemikalien unter die REACH-Verordnung, die in Tätowierfarben und Permanent Make-up enthalten sind.

Dass ein Verbot kommen würde, hatte sich abgezeichnet, seit die EU-Kommission im Jahr 2015 die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) beauftragt hat, diese Stoffe zu bewerten. Dass damit so gut wie alle bunten Tattoo-Farben davon betroffen sein würden, hatte sich erst in den vergangenen Monaten herausgestellt. Ab Januar 2023 sollen zudem zwei Farb-Pigmente – „Blau 15“ und „Grün 7“ – unter das Verbot fallen.

Europäische Chemikalien-Agentur will damit Gesundheitssrisiken vorbeugen

Die EU argumentiert damit, dass „Krebsrisiken und andere negative Auswirkungen auf die Gesundheit nicht ausgeschlossen werden können“. Bewiesen sei das aber nicht, hält der Bundesverband Tattoo dagegen. „Ich kann nicht nachvollziehen, warum das so sein muss“, sagt auch Maren Kindel. Sie spricht von „Willkür“: Es sei erlaubt, Botox ins Gesicht zu spritzen, aber Tattoo-Farben werden verboten?

Sascha Puchler vom Studio „Blood, Ink & Pain“ in Barnstorf betont, dass die verbotenen Stoffe in äußerst geringen Anteilen in den Farben enthalten seien. Es habe noch nie einen Fall gegeben, bei dem man Krebs eindeutig mit einem Tattoo in Verbindung bringen konnte, so der Tätowierer.

Graustufen: Maren Kindel zeigt, welche (Schwarz-)Töne ihr aus der vorher umfangreichen Palette noch zur Verfügung stehen – die sechs oben links.

Schwarzmalerei? Ab Januar fallen fast alle bunten Tattoo-Töne weg

Ein Sepia-Ton, Schwarz und Weiß stünden ihr noch zur Verfügung, zählt Maren Kindel auf. Ihr fällt ein Vergleich ein: Sich von ihren gewohnten Farben trennen zu müssen, „das ist wie einen Freund zu beerdigen“. Sie einfach wegzuschmeißen, das bringt die Tätowiererin nicht übers Herz. Sie will kleine Kreuze als Grabsteine am Regal anbringen.

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Sie stellt aber auch klar: „Es wird wieder Farben geben.“ Die Hersteller arbeiteten mit Hochdruck daran, REACH-konforme Farben zu entwickeln. Sascha Puchler berichtet, dass die – meist amerikanischen – Hersteller die Entwicklung zunächst verschlafen hätten. Die ersten neuen, REACH-konformen Farben seien zwar bereits auf dem Markt, aber sofort vergriffen gewesen. Puchler rechnet damit, dass die neu entwickelten Farben frühestens zwei bis drei Monate nach Erscheinen in den USA zur Verfügung stehen werden.

Tätowierer warten auf konforme Farben, mit denen fehlen aber Erfahrungen

Viele Tätowierer haben mit ihren Farben über Jahre Erfahrung gesammelt. Die werden bei den Neu-Entwicklungen fehlen. Wie ist das Verhalten bei Farbverläufen, wie die langfristige Haltbarkeit? Kindel will die Farben zunächst an sich selbst testen.

Farbe könne, erzählt sie, einer schwarzen Tätowierung Seele verleihen, die Augen einer tätowierten Eule „zum Leben erwecken“.

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