Premiere für bissige Walser-Satire „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“

Unfähig zu selbstkritischer Geschichtsbetrachtung

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Gelächter und reichlich Applaus vom Syker Publikum für eine bissige Satire.

Syke - Von Ilse-Marie Voges. Draußen rebelliert das Volk, drinnen sitzen auf drei gepolsterten Stühlen Ehefrauen weltbekannter Diktatoren. „Ich habe schon lange keinem Volk mehr gewunken“, ruft Leila Trabelsi. Abschätzig, mit heruntergezogenen Mundwinkeln antwortet Imelda Marcos: „Wo kein Volk ist, muss auch nicht gewunken werden.“

Trefflicher und bissiger Start der Satire von Theresia Walser „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“, mit der das Euro-Studio Landgraf am Freitagabend im Syker Theater gastierte und damit die Tür öffnete auf eine weltpolitische Bühne mit jenen Frauen, die einst unrühmliche Geschichte schrieben. Imelda Marcos (Doris Kunstmann), ehemalige Schönheitskönigin aus reichem philippinischem Haus, Ehefrau des Diktators Ferdinand Marcos, Margot Honecker (Reinhild Solf) wunderbar sächselnd, machtbewusste graue Eminenz im Hintergrund und Ehefrau von DDR-Chef Erich Honecker, und Leila Trabelsi, die politisch ambitionierte Araberin aus Tunesien, Ehefrau des Tyrannen Ben Ali.

Die drei Frauen warten auf 100 Journalisten, die ein Interview wollen und ergehen sich in Erinnerungen, greifen sich auf der Bühne verbal an. Sie sind fern jeglichen Unrechtbewusstseins und unfähig, selbstkritisch Geschichte zu betrachten.

„Eiscreme kriegen die Araber nicht hin“

Dolmetscher Gottfried (eine Paraderolle für Sebastian Hölz) hat Mühe, den Frauen Fragen und Antworten so zu übersetzen, dass kein Blut auf die Bühnenbretter fließt. Schlecht gelaunt, im tristen beige farbenen DDR-Stil-Kostüm verlangt Frau Margot eine Cola, das einzige West-Getränk, was es im Presseraum nicht gibt. Schnippisch, überlegen und um keine Antwort verlegen, verteidigt sie die DDR und die Nähe zu Stalin. „Er musste och immer wieder Dolmetscher erschiessen lossen“, ruft sie.

Abfällig mustert Imelda Marcos die einstige Ministerin für Volksbildung: „Ich bin allergisch gegen alles Hässliche. Tragen sie eigentlich einen Schutz-BH.“ Schließlich wachse die Bedeutung des Lebens mit den Feinden.

Der Dolmetscher gerät ins Schwitzen, Imelda ist unerbittlich in ihrem Rundumschlag (Kunstmann glänzt in ihrer Rolle in Spitzenkleid und Schmuck behängt). Leila hält dagegen, erinnert an ihr Literaturstudium, zitiert aus ihrer Gedichtesammlung, darunter „der geliebte Apfel“. Imelda fährt ihr selbstsicher über den Mund und konfrontiert sie mit Ibsens „Nora“. Sie vermisse immer wieder Blumen, sei es gewohnt, von Schönheit umgeben zu sein.

Die Frauen überlegen, wer im geplanten Film ihre Rollen übernehmen könnte. Für Leila komme wohl Nicole Kidman infrage. „Eiscreme lassen wir einfliegen, die kriegen die Araber nicht hin“, sagt sie blasiert. Honecker und seine Frau seien doch in Pelzmänteln erschossen worden und hätten Blut überströmt im Schnee gelegen. Margot sitzt wie eine Statue auf ihrem Stuhl. Der Dolmetscher korrigiert: „Das waren die Eheleute Ceausesco aus Rumänien.“

Imeldas Mann lebt nicht mehr. Sie hat ihn einfrieren lassen. „Übersetzen sie das“, ruft sie dem Dolmetscher zu, „jede Frau denkt an das Geschlecht ihres Mannes, an den Zapfen. Übrigens, mein Leben gibt es bald auch als Oper! Wissen sie schon, welche Schauspielerin Sie spielen kann?“, wendet sie sich an Frau Margot. Nein, weiß sie nicht. Sie will endlich ’ne Cola.

Die Frauen trauern den „großen Zeiten“ nach. Leila denkt an die Titelblätter, die sie geziert hat, Frau Margot würde alles so wieder machen, Imelda Marcos weiß: Ihr Volk hat sie geliebt, sie ist zu den Armen in ihrer schönsten Aufmachung gegangen, um ihnen Freude zu bereiten. Auf einer Bank allein sitzt Margot Honecker. Neben ihr ist Erich. In der Urne. Der Brandrückstand des kommunistischen Staatstrottels. Während die Frauen von ihren traumhaften Auftritten reden, sagt Frau Margot: „Bei uns hätte man ihnen....“ Sie macht eine Bewegung mit der Hand an ihrer Kehle. Wut entbrannt gehen Imelda und Leila auf Margot los, die Urne fällt auf den Boden. Erichs Staub wirbelt über die Bühne.

Gelächter und reichlich Applaus für eine Parabel, die in ihrer Nähe zur Realität so unheimlich eindrucksvoll ist. Dass es im Publikum so ankam, gebührte dem Ensemble, das intensiv in die Rollen schlüpfte und diese herrlich auslotete. Regisseur Hans Hollmann lieferte die Grundlage dafür.

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