Häuslingswesen in der Region

„Umsonst gab es ja nichts“

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Dieses Bild bekam Ralf Weber vom Sohn eines Häuslings aus Schwarme überreicht. Zu dem Mädchen auf dem Bild besitzt er keine Informationen.

Syke - Von Julia Kreykenbohm. Es sind Augenblicke wie dieser, die Ralf Weber bewegt und seine Arbeit bereichert haben. Bereichert, weil sie die trockenen Zahlen und Fakten mit Leben füllen, der Geschichte Gesicht und Gefühl geben.

„Ich stand mit der rund 70-jährigen Frau vor dem Haus in Bramstedt, in dem sie als Pflegekind eines Häuslings lebte. 60 Jahre lang hatte sie diesen Ort nicht mehr besucht. Spontan deutete sie auf eine Stelle am Boden und sagte: ,Dort habe ich getanzt, während der Nachbar das Schifferklavier spielte’. Das war großartig.“

Der Historiker, der seit dem vergangenen Jahr für das Kreismuseum und den Kreisheimatbund das Leben des Häuslingswesens erforscht, hat mittlerweile viele von diesen Geschichten zusammengetragen. Häuslinge, Kinder von Häuslingen oder auch Nachbarn aus dem gesamten Landkreis Diepholz haben sich bei ihm und seinen ehrenamtlichen Helfern gemeldet und sie teilhaben lassen an ihren Erinnerungen. Damit machen sie auch der Allgemeinheit ein großes Geschenk, denn das gesammelte Wissen wird im kommenden Jahr in einem Buch zu lesen und in einer Ausstellung zu sehen sein.

Datenbank als eine Art kollektives Gedächtnis

Inzwischen hat Weber eine umfangreiche Datenbank angelegt und befüllt, die bald jedem Interessierten im Kreismuseum zugänglich sein soll. Sie ist eine Art kollektives Gedächtnis, ein Fenster in eine Zeit, die längst vergangen ist, und ein Blick auf eine gesellschaftliche Schicht, die jahrelang vernachlässigt wurde. Die Häuslinge lebten auf dem Grundstück eines Bauern, bekamen Haus und ein Stück Land zum Bewirtschaften. Dafür mussten sie ihm jederzeit für alle möglichen Arbeiten zur Verfügung stehen. Ein Zustand, der als selbstverständlich hingenommen wurde. Die Tochter eines Häuslings erzählte Weber, ihr Vater hätte sich irgendwann einen Ochsen für den Pflug gekauft, denn jedes Mal, wenn er den des Bauern leihen musste, musste er dafür wiederum extra Arbeit ableisten. „Umsonst gab es ja nichts“, habe die Frau gesagt – ein Satz, der Webers Meinung nach geradezu charakteristisch für das Häuslingswesen ist. Mit dem eigenen Ochsen habe sich der Vater quasi ein Stück Freiheit erkauft.

Doch es habe auch Wertschätzung von Seiten der Bauern gegeben. So hat Weber in den Archiven auch Jubiläums-Anzeigen aus der Kreiszeitung gefunden, in denen Bauern verkündeten, dass ihr „Häusling nun schon 50 Jahre im Betrieb“ sei. „Doch Fakt ist auch, als das Häuslingswesen durch das Wirtschaftswunder aufgelöst wurde, waren alle Häuslinge weg. Niemand blieb bei seinem Bauern“, weiß Weber, der mit seinen Recherchen niemanden verteufeln möchte. „Ich will nur darstellen.“

Zeitzeugen als große Hilfe

Dafür waren die Gespräche mit den Zeitzeugen eine große Hilfe. Doch nicht jeder wollte mit ihm sprechen. „Eine Frau legte sofort wieder auf, als ich mein Anliegen vorbrachte.“ Für Menschen wie sie sei die Erinnerung womöglich zu schmerzlich – ein Indiz dafür, dass die Umstände, auch wenn sie als gegeben hingenommen wurden, Spuren hinterlassen haben.

Wieder andere hätten gern reden wollen, aber nicht namentlich auftauchen. Die Gründe für dieses Verhalten seien vielfältig. „Vielleicht ist es noch mit einer gewissen Scham verbunden, schließlich gehörte man zu einer Schicht, die nichts besaß“, spekuliert Weber. Vielleicht ist es auch noch ein Überbleibsel aus einer Zeit, in der gerade für solch stark abhängige Arbeitnehmer galt: „Bevor ich Ärger kriege, halte ich besser den Mund.“

Doch alles in allem ist der Historiker sehr zufrieden mit dem Verlauf seiner Arbeit. „Die Zeitzeugen haben tolle Erinnerungen mit mir geteilt, mir interessantes Material wie zum Beispiel Fotos überlassen. Und ohne die vielen Helfer hätte das nicht so gut funktioniert.“ Allerdings würde Weber sich noch über ein paar Berichte aus dem südlichen Landkreis, Diepholz und Lemförde, freuen. Er schreibt nun noch bis Oktober an seinem Buch, wertet Material aus und will dann die Ausstellung vorbereiten, die dann Ende Februar kommenden Jahres zu sehen sein soll.

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