„Bloß keine Sackgasse!“

Umfrage zur Verkehrsführung auf der Hauptstraße in Syke

Blick auf die Hauptstraße
+
Hier könnte bald die nächste Durchfahrtsperre an der Hauptstraße entstehen.

Was soll aus der Hauptstraße werden? Diese Frage beschäftigt auch die Anlieger der Syker Einkaufsstraße. Wir haben mit ihnen gesprochen - und viele unterschiedliche Antworten erhalten.

Syke – Niemand findet die jetzige Verkehrsführung auf der Hauptstraße wirklich gut. Viele meinen, die vorherige Regelung war besser, aber auch die war längst nicht optimal. Und alle halten die neueste Idee, aus dem (Blick auf den Stadtplan:) unteren Teil vom Mühlendamm bis zum Grevenweg eine Sackgasse zu machen, die dann aber in beide Richtungen befahrbar wäre, für unsinnig und wirklichkeitsfremd.

Das ist das Ergebnis einer kleinen Umfrage in der Innenstadt. Spontan und garantiert nicht repräsentativ. Aber unverblümt und ehrlich.

Wir haben die Leute gefragt, die an der Hauptstraße arbeiten und ihren Lebensunterhalt verdienen. Angestellte wie Selbstständige. Nicht alle haben wir erreicht. Aber alle, die wir gefragt haben, hatten was zu sagen. Zum Teil so differenziert, dass wir es an dieser Stelle nur ansatzweis wiedergeben können.

Seit etwa einem halben Jahr ist die Hauptstraße für den Durchgangsverkehr gesperrt. Das Ziel: Weniger Autos und mehr Aufenthaltsqualität. Jan Schütte (Fleischerei Beuke) hatte das vor einigen Tagen als Hauptgrund genannt, warum er Anfang nächsten Jahres sein Geschäft schließt. Die Kunden hätten die Verkehrsführung nicht akzeptiert und blieben weg (wir berichteten).

„Wir merken das nicht“, sagt Christine Ebert von „Frauensache“ direkt gegenüber. „Wir haben unsere Parkplätze direkt hinterm Haus.“ Von dort darf man nur zur Georg-Hoffmann-Straße abfahren. Oft beobachtet sie aber, wie Autos das „Einfahrt verboten“-Schild ignorieren und vom Parkplatz auf die Hauptstraße fahren. Sie hätte die Hauptstraße am liebsten als Fußgängerzone. „Welche Mutter geht denn hier gerne mit kleinen Kindern lang, wenn die Autos hier mit 40, 50 durchfahren? Ich würde mir wünschen, dass man es wenigstens mal ausprobiert.“

„Hauptsache nicht so, wie es jetzt ist“, ist man eine Tür weiter bei Firma Jonas der Ansicht. „Das ist ja nichts Halbes und nichts Ganzes.“

Benjamin Schnäpp (Optiker Bode) fand die alte Regelung als durchgehende Einbahnstraße Richtung Bahnhof „gar nicht schlecht“. Eine Sackgasse lehnt er ab. „Für Begegnungsverkehr plus Fußgänger plus Radfahrer ist die Straße viel zu schmal.“ Sein Vorschlag: Samstags für Autos dichtmachen und wochentags Durchgangsverkehr. „Hier ist nicht so viel los, dass die Autos da nicht fahren könnten.“

Kunden von auswärts finden die Hauptstraße erst gar nicht

Andrea Zacharias (Schubeck) hält eine Sackgasse ebenfalls für nicht machbar und möchte die durchgängige Einbahnstraße zurück haben. Das eigentliche Problem sieht sie aber ganz woanders: „Kunden von auswärts finden die Hauptstraße erst gar nicht. Wenn sie sie dann gefunden haben, wissen sie nicht, wo die Parkplätze sind. Und hinterher finden sie aus der Hauptstraße nicht wieder raus.“ Sie wünscht sich eine einfachere Regelung und eine deutliche Beschilderung, „die man auch sieht“.

Die Maas-Mitarbeiterinnen Jaqueline Paschke und Stephanie Lüers (Leitung Einkauf) haben sehr differenzierte Meinungen. Für die Geschäfte wäre demnach eine durchgängig in beide Richtungen befahrbare Hauptstraße das beste, für die Menschen hingegen die Einbahnstraße in ihrer früheren Form.

Beide meinen aber: Andere Faktoren haben weit größere Auswirkungen auf die Geschäfte als die Verkehrsführung. Etwa das sich insgesamt grundlegend verändernde Einkaufsverhalten und die insgesamt älter werdende Bevölkerung. Ärzte, Sanitätshaus und Apotheken müssen für Alte erreichbar bleiben. Von „Autos raus“ halten beide daher nicht viel.

Auch Geschäftsinhaber in der Pflicht

Auch gegen die Durchfahrtsperre haben sie ein einleuchtendes Argument: „Wenn man nicht durchfahren kann, sieht doch auch keiner, was für Geschäfte da noch kommen.“ In der Pflicht sehen Paschke und Lüers aber in erster Linie die Geschäftsinhaber: „Hier muss mehr passieren“, meinen sie. „Jeder muss was machen und für Stimmung sorgen. Einheitliche Öffnungszeiten wären schon mal ein erster Schritt und würden helfen, überhaupt Leute in die Innenstadt zu ziehen. Wir müssen dem Onlinehandel die Stirn bieten und Präsenz zeigen. Gerade an Samstagen und verkaufsoffenen Sonntagen.“

Im Zuge der Entwicklung eines Mobilitätskonzepts für Syke haben Fachplaner vorgeschlagen, die untere Hauptstraße am Grevenweg zur Sackgasse zu machen.

Sandra Habelmann (Meyer Mode) sagt: „Bloß keine Sackgasse!“ Am besten, die Hauptstraße wäre in beide Richtungen befahrbar, meint sie. „Aber mindestens als durchgehende Einbahnstraße.“ Eine Fußgängerzone wäre für sie der völlig falsche Schritt. „Bremen macht’s uns ja gerade vor, was passiert, wenn man die Autos rausdrängt. Das ist tot!“

Bremen macht’s uns ja gerade vor, was passiert, wenn man die Autos rausdrängt. Das ist tot!

Sandra Habelmann

Frederic LaFlèche kann aus jahrzehntelanger Erfahrung detaillierter über die Hauptstraße dozieren als so mancher Fachplaner. Zwei Grundvoraussetzungen müssen seiner Ansicht nach erfüllt sein. Erstens: Die Geschäfte brauchen ein klares Profil. Was will ich sein? Was will ich tun? Zeitens: Die Erreichbarkeit muss gegeben sein. Das sieht er gegenwärtig nur ungenügend gegeben. „Es ist zu kompliziert“, sagt er. Sein Credo: „Einfache, kleine Lösungen.“ Heißt: Autos ja – aber langsam. Keine Sackgasse! Und die Einbahnstraße lassen. Ob mit oder ohne Durchgangssperre, ist ihm persönlich egal.

Wiebke Ulrich (Brandscheidt) sieht das ganz ähnlich. „Die Straße gleicht eher einer Autobahn als einer Fußgängerzone. Die wenigsten fahren Schrittgeschwindigkeit. Und die Radfahrer sind da nicht anders! Seit die Durchfahrsperre da ist, ist es zumindest nicht mehr ganz so schlimm.“

Zum Flanieren lädt die Straße derzeit nicht ein, finden manche der Befragten.

Florian Kastner hat diese Sperre genau vor seiner Ladentür. Als Geschäftsinhaber findet er sie gut. Als Vorsitzender der Werbegemeinschaft muss er stärker differenzieren. Da lautet das Ziel: „Alle Grundstücke müssen mit dem Auto erreichbar sein, wenn auch vielleicht nicht unbedingt direkt.“ Der Idee mit der Sackgasse im unteren Teil der Hauptstraße steht auch er skeptisch gegenüber. „Ich würde es so lassen, wie es jetzt ist.“ Anfang nächsten Jahres will die Werbegemeinschaft das Thema noch einmal intensiv mit ihren Mitgliedsbetrieben besprechen. „Bevor es in die große Politik geht.“ Auch da redet Florian Kastner ein Wort mit: Er sitzt für die Freie Wählergemeinschaft im Rat der Stadt.

Landvolk erwägt Gang vors Gericht

Olaf Miermeister (Landvolkverband) hat den abgesperrten Bereich zwischen Kastner und der Plackenstraße ebenfalls genau vor der Nase. Und regt sich darüber richtig auf. „Wir haben hier drei Gebäude. Die Nummern 36, 38 und 40. Alle drei sind von beiden Seiten abgeriegelt. Keine Eingangstür ist zu erreichen. Lieferanten, Paketservice, Dienstleister, Handwerker, Rettungsdienste: Keiner kommt hier durch. Wir haben hier unter anderem unsere Rentenberatung. Da kommen jeden Tag alte Leute. Die können nicht mal mehr vor der Tür abgesetzt werden.“ Schon mehrfach habe er sich in den letzten Monaten deshalb an die Stadtverwaltung gewendet. „Echo gleich null.“ Miermeister reicht’s. „Das nehme ich nicht hin.“ Der Landvolkverband erwägt den Gang vors Gericht.

Giuseppe „Pino“ Castelluccia kann jeden Morgen die Autos beobachten, die aus Plackenstraße und Gesseler Straße kommen und nicht mehr auf die Hauptstraße abbiegen können. „Ich sehe, wie die Leute nicht weiterkommen und entweder umdrehen oder falsch rum in die Einbahnstraße fahren.“ Beinahe-Unfälle seien an der Tagesordnung. „Und dann steigen die Leute aus und schimpfen.“ Er wünscht sich die durchgehende Einbahnstraße zurück – ohne Sperre. „Das hat doch früher auch niemanden gestört.“

Gabriele Launer hat genau gegenüber einen ähnlich guten Logenplatz und bestätigt den Gastronomen, kommt aber trotzdem zu einer anderen Bewertung. „Die Sperre ist gut, weil seitdem die ganzen Raser und Auto-Poser abends weg sind. Die Einbahnstraße ist für’n Arsch, weil sich niemand dran hält. Acht von zehn Autos fahren trotzdem rein. Und wenn dann mal einer entgegen kommt, haben wir genau das, was angeblich keiner will: Gegenverkehr.“ Ihre Empfehlung: „Die Hauptstraße wieder durchgängig als Einbahnstraße, aber Schwellen einbauen, damit Raser und Poser erst gar keine Lust haben, dort langzufahren.“

Es nervt einfach!

Heike Hübner

Gisela Fromm (Bonbon), Klaus Siever (Friseurmeister) und Heike Hübner (Behrens) sagen das, was sie vor einem halben Jahr auch schon gesagt haben: Durch die neue Verkehrsführung sei die Situation definintiv nicht besser als vorher. Die Kunden, die vor einem halben Jahr weggeblieben sind, seien auch nicht wiedergekommen. Alle drei wünschen sich die Hauptstraße im (wieder Blick auf den Stadtplan:) oberen Teil von Gesseler Straße bis Ernst-Boden-Platz beidseitig befahrbar. Heike Hübner gibt wieder, was ihr Kunden im Gespräch immer wieder erzählen: Allgemeines Unverständnis über die jetzige Verkehrsführung. Wenn man von einem Geschäft zum anderen will, müssen man jedesmal erst überlegen: Wie komme ich da hin? Und wie komme ich wieder weg? „Es nervt einfach!“

Von Michael Walter

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