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Svitlana Engisch, ukrainische Lehrerin am Gymnasium Syke, über den Krieg der Brudervölker

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Von: Frank Jaursch

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Lehrerin Svitlana Engisch (r.) packt die gespendeten Sachen in Kartons – unterstützt von Schülern.
Lehrerin Svitlana Engisch (r.) packt die gespendeten Sachen in Kartons – unterstützt von Schülern. © Jantje Ehlers

Svitlana Engisch ist Physiklehrerin am Gymnasium Syke. Sie ist Ukrainerin, lebt seit 17 Jahren in Deutschland. Und ist fassungslos über das, was sich in ihrer Heimat abspielt. Nun hat sie an ihrer Schule eine Spendenaktion ins Leben gerufen.

Syke – Für Svitlana Engisch ist nichts mehr, wie es war. Seit in ihrem Heimatland der Krieg ausgebrochen ist, lebt die Ukrainerin, die als Lehrerin am Gymnasium Syke tätig ist, in großer Angst um ihre Familie. Ihre Mutter, ihr Bruder mit seiner Familie, viele Tanten und Onkel leben in Cherson, jener südukrainischen Großstadt, die als erste von den russischen Truppen eingenommen wurde.

Das geht nicht in meinen Kopf.

Svitlana Engisch

„Die ersten ein, zwei Tage waren die schlimmsten“, erinnert sich Engisch. „Ständig kamen mir die Tränen. Ich konnte nichts essen. Wie konnte ich hier in Sicherheit sitzen und nichts tun?“ In den vorangegangenen Wochen hatte sie versucht, wenigstens ihre Nichten und Neffen nach Deutschland zu holen – vergeblich. Die deutsche Bürokratie und die Corona-Bestimmungen standen dem im Weg. Nun möchte die Physiklehrerin auf anderem Wege helfen: mit einer Spendenaktion für ihr Heimatland.

Svitlana Engisch ist das Kind einer russisch-ukrainischen Beziehung. Der Vater Russe, die Mutter Ukrainerin. Acht Jahre ihres Lebens verbrachte sie in Sibirien, hat dort Verwandte, kennt auch in Russland noch heute viele Menschen. Seit 17 Jahren lebt sie jetzt in Deutschland – und kann nicht verstehen, wie es zum Krieg zwischen den beiden so eng miteinander verwobenen Staaten kommen konnte. „Die Bruderschaft zwischen Russland und der Ukraine war so tief in uns verankert. Das geht nicht in meinen Kopf.“ Schock und Wut seien ihre beherrschenden Emotionen gewesen.

Ihre ukrainische Heimatstadt ist bereits in russischer Hand

Was Engisch aus Gesprächen mit ihrer ukrainischen Familie weiß: „Sie wollen nicht unter Putin leben. Sie fürchten um ihr Leben.“ Bilder aus Cherson zeigen, dass die ukrainische Stadt unter den russischen Angriffen stark gelitten hat. Das größte Einkaufszentrum der Stadt ist nur noch eine Ruine, auf dem zentralen Svoboda-Platz fahren gepanzerte russische Fahrzeuge auf.

Auf Twitter machen Videos von Supermarkt-Plünderungen durch russische Soldaten die Runde. Auch den Bewohnern fehle es zunehmend an Nahrungsmitteln und Medikamenten, heißt es.

Svitlana Engisch hat mit ihrer Familie telefonieren können. Sie sagt: „Es ist furchtbar. Tote Menschen liegen auf den Straßen, Zivilisten und russische Soldaten.“ Von ihrer Tante weiß sie, dass die Krankenhäuser überfüllt sind – mit Verletzten beider Seiten, „die gleich behandelt werden“, betont Engisch.

Schulleiter signalisiert sofort Unterstützung

Cherson ist weit weg von Syke, Svitlana Engisch kann ihren Verwandten dort derzeit nicht helfen. „Dann helfe ich eben anderen Menschen“, sagte sie sich nach den ersten Tagen. Und plante gemeinsam mit ihrem erwachsenen Sohn eine Spenden-Aktion. Knut Wessel, Schulleiter am Gymnasium, gab spontan grünes Licht und sagte die Unterstützung zu.

Über einen schulinternen Aufruf wurden die Schüler über das Vorhaben informiert. Am Donnerstag und Freitag kamen die Spenden kartonweise an – Hygieneartikel und Windeln, Wasserfilter und Desinfektionsmittel, warme Decken und Konserven. Im Fahrradkeller sammelte Engisch alles – unterstützt von anderen Lehrkräften und von einigen Schülern, die sich freiwillig gemeldet hatten.

„Wir haben keine Zeit, die Waren zu sortieren“, erklärt Engisch. Darum sollten die Spender sich auf einen oder zwei Artikel beschränken – die aber gern in größeren Mengen. Die Fahrt an die polnisch-ukrainische Grenze übernimmt voraussichtlich die Biker-Brummi-Hilfe (BBH). Vor Ort sollen die gespendeten Waren von der ukrainischen Caritas abgeholt und in die umkämpften Gebiete gebracht werden.

Spendenabgabe noch bis Sonntag möglich

Vielleicht macht sich Engisch auch noch persönlich mit einem Transporter auf den Weg. Sie könnte sich durchaus vorstellen, aus dem Grenzgebiet einzelne Flüchtlinge mit nach Deutschland zu nehmen, die Verwandte in Bremen oder Oldenburg als Ziel haben.

Und dann? Will sie weitermachen. Ihre Landsleute unterstützen. So lange es geht. „Ich weiß nicht, wie lange meine Kräfte reichen.“

Wer noch Spenden bei Svitlana Engisch abgeben möchte, kann diese am Samstag (16 bis 17.30 Uhr) und Sonntag (18 bis 19 Uhr) am Gymnasium Syke tun. Der Weg zur Spendenstelle ist ausgeschildert.

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