Überblick statt Schiss vor den Tabletten

Medikation im Alter: Chefarzt Dr. Siegfried Schulte empfiehlt Medikationspläne

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Laut einer Studie nimmt jeder Dritte ab 75 täglich acht verschiedene Medikamente oder mehr. Doch je mehr Wirkstoffe man einnimmt, desto stärker steigt das Risiko von unerwünschten Wechsel- und Nebenwirkungen.

Syke - Von Michael Walter. Ach, was hatte er da nur angerichtet! Je länger Dr. Siegfried Schulte über die Risiken von Wechselwirkungen bei der langfristigen Einnahme von täglich sechs, sieben, acht oder mehr Tabletten sprach, desto betretener wurden die Mienen seiner Zuhörer im Forum der Stadtbibliothek. Und desto leiser wurde der Referent. „Ich krieg direkt selber Angst, wenn ich mich so reden höre.“

Dabei war Angstmachen das letzte, was der Chefarzt für Innere Medizin, Geriatrie und Palliativmedizin am Bassumer Krankenhaus mit seinem Vortrag im Sinn hatte. Die Fakten, die er Mittwoch Abend zum Thema „Medikation im Alter“ präsentierte, hatten jedoch in der Tat etwas Beunruhigendes an sich. In Deutschland nimmt laut Faustregel jeder Mensch pro Lebensjahrzehnt ein Medikament regelmäßig und auf Dauer ein. Jeder Dritte ab 75 schluckt täglich acht verschiedene Tabletten oder mehr. Manche bis zu 13. Frei verkäufliche Schmerz- und Schlafmittel kommen da noch obendrauf. Damit steigt das Risiko unerwünschter Wechselwirkungen. Und das liegt bei Menschen ab 65 ohnehin schon vier- bis fünfmal höher als bei jüngeren.

Was diese Situation noch verschärft: Häufig weiß der behandelnde Arzt gar nicht, welche Medikamente sein Patient bereits von anderen Ärzten verordnet bekommen hat. Manchmal weil auch die Patienten selbst das nicht so genau sagen können. Öfter aber, weil die Ärzte gar nicht erst danach fragen. „Krankenhäuser, Fachärzte und Hausärzte arbeiten nicht gut zusammen“, gestand Schulte offen ein. „Wir müssten eigentlich viel mehr miteinander telefonieren. Der Hausarzt kennt ja seine Patienten.“

„Wir sprechen leider oft zu wenig“

Mangelnde Kommunikation – dazu konnten viele der Zuhörer im voll besetzten Forum der Stadtbibliothek etwas aus eigener Erfahrung beisteuern. Insbesondere die Krankenhausärzte kamen dabei nicht gut weg. „Warum wird Patienten im Krankenhaus nie erklärt, wenn Medikamente ersetzt werden, die man jahrelang eingenommen hat?“, klagte eine Frau.

Auch die Erfahrung der Patienten werde häufig komplett ignoriert, ergänzte eine andere. „Die wissen oft sehr genau, welche Präparate ihnen nicht bekommen – und kriegen ungefragt genau diese vorgesetzt.“ Siegfried Schulte konnte sich da nur wiederholen: „Wir sprechen leider oft zu wenig.“

Intensiver Dialog

In der Folge entwickelte sich ein intensiver Dialog zwischen Schulte und seinem Publikum. Bemerkenswert: In dessen Verlauf kamen die Zuhörer – überwiegend selbst älteren Semesters – quasi von allein auf die Botschaften, die ihnen Schulte mit seinem Vortrag vermitteln wollte.

Dr. Siegfried Schulte sprach am Mittwoch in der Stadtbibliothek zum Thema Medikation im Alter. Er ist Chefarzt für Innere Medizin, Geriatrie und Palliativmedizin am Bassumer Krankenhaus.

Zum Beispiel als es um die Frage ging, wie man als Patient den Überblick behalten soll, welches Präparat man wann wogegen und in welcher Dosierung verordnet bekommen hat: Noch bevor Schulte das Bild eines Medikationsplans auf die Leinwand projiziert hatte, hielten einige im Publikum bereits so einen Plan in die Luft. „Seit 2016 haben Sie übrigens einen Anspruch darauf“, ergänzte der Mediziner. Das einzige Problem: Die Ärzte stellen diese Auflistungen nicht von selbst aus. „Sie müssen danach fragen.“

Medikationsplan durchsprechen

Und was passiert, wenn man bei mehreren Ärzten in Behandlung ist? „Dann haben Sie entweder zwei oder drei oder vier solcher Pläne, oder sie gehen damit zu Ihrem Hausarzt, und der fasst die dann zusammen.“

Ob es denn nicht sinnvoll sei, regelmäßig zum Arzt zur Kontrolle zu gehen, wenn man mehrere Medikamente gleichzeitig nehmen muss, lautete die nächste Frage. Schultes Antwort: Ein klares Ja. Er empfiehlt, halbjährlich mit dem Hausarzt den Medikationsplan komplett durchzusprechen.

Schulte betonte eindringlich: „Ich möchte nicht, dass Sie hier rausgehen und Schiss vor Ihren Tabletten haben. Nehmen Sie die weiter“, gab er seinen Zuhörern auf den Weg. „Der Nutzen ist größer als das Risiko.“

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