„Syke im Führerstaat“

Über die Nazi-Zeit: Syker Geschichtswerkstatt stellt dritten „Zeitfenster“-Band vor

Jens Jacobsen-Bremer (links) hat den dritten Band der Reihe „Syker Zeitfenster“ vollendet. Gerd Rohlfs, früher Redakteur bei der Kreiszeitung, hat das Layout gemacht. Der dritte Band ist tatsächlich bereits das vierte Buch der Reihe. Zwei weitere sind noch geplant.
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Jens Jacobsen-Bremer (links) hat den dritten Band der Reihe „Syker Zeitfenster“ vollendet. Gerd Rohlfs, früher Redakteur bei der Kreiszeitung, hat das Layout gemacht. Der dritte Band ist tatsächlich bereits das vierte Buch der Reihe. Zwei weitere sind noch geplant.

Jens Jacobsen-Bremer veröffentlicht demnächst sein neues Buch aus der Reihe „Syker Zeitfenster“. Das vierte Buch der Reihe beschäftigt sich mit der Nazi-Zeit sowie den Jahren davor und danach. Es heißt „Syke im Führerstaat“ und beinhaltet historische Fakten und persönliche Geschichten zum dunkelsten Kapitel der Nation.

Syke – Bis er das erste fertige Exemplar in der Hand halten kann, muss Jens Jacobsen-Bremer noch ein kleines Weilchen warten: Das neueste Buch in der Reihe „Syker Zeitfenster“ geht gerade erst in den Druck. Aber Jacobsen-Bremer hat drei Jahre lang daran gearbeitet. Da bringt er das bisschen Geduld für den letzten Schritt jetzt gerne auf.

Ende November, Anfang Dezember soll das Buch erscheinen. Es ist der dritte Band, aber bereits das vierte Buch der Reihe. Das erste erschien 2011 – das war Band 4. Klingt jetzt erst mal verwirrend, ist es aber eigentlich gar nicht. „Krieg der Sterne“ fing ja schließlich auch mit Episode IV an, und Episode I war dann der vierte Film. So ähnlich ist es auch mit dieser Buchreihe. Nur dass es dabei nicht um Geschichten geht, sondern um Geschichte.

„Wollen zeigen, wie schnell eine Demokratie zerstört werden kann“

Um Syker Geschichte, ganz konkret. „Das Syker Zeitfenster hat seinen Ursprung in einem Wunsch aus dem Rat“, erklärt Jens Jacobsen-Bremer. Der Rat wollte gerne die Geschichte der Syker Bürgermeister während der Nazi-Zeit aufarbeiten lassen. „Wir haben schnell gemerkt: Das reicht nicht. Man muss viel weiter blicken. Der erste NS-Bürgermeister Friedrich Rittmeister wurde zum Beispiel schon in der Weimarer Republik gewählt. Und man kann auch nicht schlagartig bei Kriegsende 1945 aufhören. Deshalb haben wir uns den Zeitrahmen vom Beginn der Weimarer Republik 1919 bis zum Beginn der Bundesrepublik 1949 gesetzt.“

Mit „wir“ meint Jens Jacobsen-Bremer die Syker Geschichtswerkstatt: Das ist ein loser Zusammenschluss von professionellen Historikern wie Stadtarchivar Hermann Greve und Hobbyhistorikern wie Jens Jacobsen-Bremer, Christa Meyer und Gerhard Schäfer – allesamt ehemalige Lehrer – oder der ehemalige Hochschuldozent Holger Weidemann.

Zum aktuellen Buch „Syke im Führerstaat“ sagt Jacobsen-Bremer: „Wir wollen zeigen, wie schnell eine Demokratie zerstört werden kann.“ Er und seine Mitstreiter sehen dabei durchaus Parallelen zur heutigen Zeit. „Polen, Ungarn, USA, Türkei“, zählt Jacobsen-Bremer auf. „Und auch unsere eigene Demokratie ist gefährdet. Durch Propaganda, Falschmeldungen, Lügen.“

Viele folgten den Nationalsozialisten

Auf 228 Seiten zeichnet das Autoren-Team „ein realistisches Bild dieser Zeit“, so Jacobsen-Bremer. Illustriert mit 255 Abbildungen: Fotos, Zeitungsausschnitte, Formulare. Ihre Quellen fanden die Autoren im Staatsarchiv Hannover – „da liegen die ganzen Entnazifizierungsakten“ – im Bundesarchiv in Berlin, in privaten Archiven und Schulchroniken. Speziell zum aktuellen Buch „haben wir auch von Außenstehenden Quellen gekriegt“, sagt Jacobsen-Bremer. Zum Beispiel die hinterlassenen Briefe von SA-Mann Erich Lange, der mit seiner Familie im Syker Bahnhof gewohnt und „begeistert über Hitler geschrieben“ hat. Für Jacobsen-Bremer ein Musterbeispiel für die weitverbreitete Begeisterung am Nationalsozialismus. „Nach dem Krieg haben ja praktisch alle gesagt, sie hätten von nichts gewusst und nichts damit zu tun gehabt. Aber das stimmt nicht. Ohne Menschen wie Erich Lange, die begeistert und aus Überzeugung mitgemacht haben, hätte dieses System nicht funktionieren können.“

Die Quellen beweisen das. „Es gab Kreisparteitage mit 10 000 Zuschauern. Wir haben Bilder von Hitlerjugend-Aufmärschen am Schützenplatz und von SA-Männern im Friedeholz. Das waren keine Einzelnen.“ Jens Jacobsen-Bremer greift auch einen Vorfall aus Heiligenfelde auf: „Eine junge Frau hatte eine Affäre mit einem Fremdarbeiter“ – so hießen im Nazi-Jargon die aus den besetzten Gebieten nach Deutschland deportierten Zwangsarbeiter. „Die ist zusammen mit ihrer Mutter durch das Dorf getrieben worden. Beide sind später im KZ gelandet.“

Noch einen Aspekt soll das Buch zeigen: „Wie konsequent die NSDAP von Anfang an in Richtung Krieg geht.“ 1935 führte Deutschland die Wehrpflicht wieder ein und verstieß damit gegen den Friedensvertrag von Versailles. Alles, was mit Militär zu tun hatte, wurde konsequent verherrlicht. Bei Übungen wurden Soldaten in Familien einquartiert. 1936 wurde die Wehrpflicht von einem auf zwei Jahre verlängert. Ein Bild aus diesem Jahr zeigt einen feierlichen Umzug von jungen Männern auf dem Mühlendamm nach der Musterung.

Nicht für alle Themen war Platz

Für die Themen Judenverfolgung, Kirche in der Nazizeit, Kriegsalltag und Kriegsende in Syke hat schlicht der Platz nicht mehr gereicht. Sie sollen den zweiten Teil des dritten Bands bilden und somit das fünfte Buch der Reihe werden. „Das macht Hermann Greve weitgehend alleine“, sagt Jens Jacobsen-Bremer und spielt den Ball damit an den Stadtarchivar weiter. Ist dieses fünfte Buch fertig – einen Termin dafür gibt es noch nicht – fehlt noch ein Band, bis die Reihe komplett ist. Der beschäftigt sich mit der Zeit von 1945 bis 1949.

Darin werden die Leser vermutlich auch SA-Mann Erich Lange wiederbegegnen: Wie bei vielen anderen Mitläufern und Mittätern auch, hat ihn seine Nazi-Vergangenheit nicht daran gehindert, nach dem Krieg Karriere zu machen. „Lange war nach dem Krieg erst Bahnhofsvorsteher in Bassum und ist dann bis in die Bahndirektion Münster aufgestiegen“, weiß Jens Jacobsen-Bremer.

Ist er selbst beim letzten Band auch wieder mit von der Partie? „Mal sehen, ob ich dann noch die Kraft und Energie dafür habe“, sagt er. „Ich bin ja inzwischen auch schon 83.“

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