Praktikum bei der Polizei in Syke

Mit Turbo in den Traumberuf

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Ingo Büntemeyer (links) hofft auf mehr engagierte Praktikanten wie Patrick Glanzer. Dieser fuhr regelmäßig mit Hauptkommissarin Jaqueline Hanke auf Streife.

Syke - Von Julia Kreykenbohm. Es ist 21.30 Uhr. Im Besprechungsraum des Polizeikommissariats Syke sitzen die Beamten zusammen und diskutieren die aktuelle Lage. Ein Mann sticht aus der Gruppe heraus, weil er deutlich jünger ist als all die anderen und als einziger keine Uniform trägt. Sein Name ist Patrick Ganzer und er ist 19 Jahre alt. Während andere junge Männer in seinem Alter um diese Uhrzeit auf Partys gehen oder es sich Zuhause mit Freunden gemütlich machen, verbringt Patrick seine Zeit im Polizeikommissariat. Bezahlt wird er dafür nicht, weil er Praktikant ist. Und das für ein ganzes Jahr. Denn Patricks Traum ist es, Polizist zu werden.

„Wenn man sagt, es ist mein Kindheitstraum, klingt das immer so kitschig“, meint der junge Mann aus Gessel und lacht verlegen. „Aber es ist so.“ Wenn man Patricks Geschichte hört, zweifelt man nicht daran. Von klein auf faszinierte ihn der Beruf: „In Situationen, in denen andere nicht helfen können oder auch wollen, helfen die Beamten.“ Bereits sein Schulpraktikum machte er bei der Polizei, allerdings in Weyhe. Danach stand für ihn fest: Das ist mein Traumberuf.

Und weil er den so schnell wie möglich ergreifen wollte, entschied sich der Gymnasiast gegen ein Abitur, nachdem er gehört hatte, dass auch Realschüler bei der Polizei anfangen können. Nach der 10. Klasse bewarb er sich bei der Polizeiakademie in Hannoversch Münden und wurde zum Test eingeladen. „Voraussetzungen dafür sind ein Notendurchschnitt von 3,3 und eine Drei in Deutsch und Mathe“, weiß Ingo Büntemeyer, Einstellungsberater im Polizeikommissariat Syke.

Das Funkgerät im Besprechungsraum rauscht. Die Leitstelle ist dran: „Schlägerei in Bassum!“ Polizeikommisarin Jaqueline Hanke springt auf. Sie ist Patricks Anleiterin und steht ihm während seiner Zeit im Einsatz- und Streifendienst zur Seite. Acht Monate ist er dort, bevor er in den Kriminal- und Ermittlungsdienst wechselt. Patrick erhebt sich ebenfalls und folgt Hanke zu den Streifenwagen. Während er über den Flur eilt, läuft ein regelrechter Film in seinem Kopf ab: Was könnte ihn gleich vor Ort erwarten und wie soll er dann reagieren?

Er und Hanke düsen Richtung Bassum durch die Nacht, auf dem Dach leuchtet das Blaulicht und über Funk kommen nähere Informationen. Ein Messer ist zum Einsatz gekommen. „Du bleibst besser erstmal im Wagen, bis wir die Lage geklärt haben“, sagt Hanke. Sie hat extra eine Schulung gemacht, um Praktikanten gut betreuen zu können. Patrick nickt.

Solch ein Einsatz ist immer aufregend, doch er kann mit Stress gut umgehen. Das musste er unter anderem beim Einstellungstest in der Polizeiakademie in Hannoversch Münden unter Beweis stellen. Anschließend gab es eine Sportprüfung und ein Vorstellungsgespräch. „Ich kann jedem nur empfehlen, dabei ganz er selbst zu sein“, so der 19-Jährige. Abschließend werden die Anwärter noch medizinisch durchgecheckt. Der Tag, an dem dann feststand, dass er seine Laufbahn bei der Polizei beginnen kann, ist Patrick noch gut in Erinnerung. „Ich konnte es gar nicht fassen, dass ich es geschafft hatte.“

Er absolvierte noch die 11. Klasse, um die Fachhochschulreife zu haben und begann dann am 1. August 2015 sein einjähriges Praktikum bei der Polizei. Dreimal im Jahr ist er an der Polizeiakademie in Oldenburg und erhält eine ergänzende Ausbildung, in der es zum Beispiel darum geht, wie man einen Unfall aufnimmt. Hinzu kommen Wochenend- und Nachtdienste, die er übernehmen darf, weil er schon 18 Jahre alt ist.

Seitdem hat Patrick nie bereut, diesen Weg gegangen zu sein, obwohl er in seinem Berufsalltag auch viele schlimme Dinge zu sehen bekommt: Verkehrsunfälle oder auch mal einen Suizid. Wobei es gar nicht mal die Toten sind, die Patrick nachhaltig beschäftigen. „Wenn man sieht, in was für Verhältnissen manche Kinder aufwachsen müssen, weil der Vater beispielsweise schwer alkoholkrank ist oder Schreckschusswaffen im Kinderzimmer lagert, geht mir das nahe.“ Wenn der 19-Jährige von seiner Arbeit erzählt, wirkt er deutlich älter. Ruhig, überlegt und sachlich schildert er seine Erlebnisse.

Seine Kollegen sind von Patrick begeistert. „Er ist sehr motiviert und engagiert“, lobt Ingo Büntemeyer. Auch Kommissarin Stefanie Reinke schätzt die Arbeit des jungen Mannes, der nach seiner Zeit im Streifendienst inzwischen bei ihr im Kriminal- und Ermittlungsdienst angekommen ist. Dort hilft er bei der Video-Auswertung, bearbeitet Sachverhalte, fährt mit ihr nach Einbrüchen raus, befragt Nachbarn oder ist bei Hausdurchsuchungen dabei. „Er ist eine große Entlastung“, sagt Reinke.

Sie, Büntemeyer und Hanke werden ihren „Kollegen in spe“ vermissen, wenn er am 1. Oktober sein Studium in Oldenburg aufnimmt. Dort wird er einen Vorteil gegenüber den Abiturienten haben, da er viele Dinge, die im Studium behandelt werden, schon aus der Praxis kennt, das Rüstzeug schon mitbringt.

Büntemeyer hofft, dass sich künftig noch mehr junge Leute wie Patrick für die Laufbahn bei der Polizei entscheiden. „Sein Weg zeigt, dass man dafür kein Abitur braucht. Ein erweiterter Realschulabschluss kann ebenfalls der erste Schritt dorthin sein.“

Wer sich für den Beruf des Polizisten interessiert, kann sich bei Ingo Büntemeyer (Raum Syke) unter 04242/9690 oder bei der Polizeiinspektion Diepholz unter 05441/9710 melden.

www.polizeiakademie.niedersachsen

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