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24 Stunden Teil der Truppe: Kreiszeitung begleitet Logistikbataillon

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Von: Gregor Hühne

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Hauptmann Martin Richter (2.v.l.) von der 4. Kompanie des Logistikbataillons 161 gibt Befehle an seine Teileinheitsführer während einer Erkundungsfahrt in ein unbekanntes Gelände.
Hauptmann Martin Richter (2.v.l.) von der 4. Kompanie des Logistikbataillons 161 gibt Befehle an seine Teileinheitsführer während einer Erkundungsfahrt in ein unbekanntes Gelände. © Gregor Hühne

Eine fremde Macht überfällt einen verbündeten Staat. Die Bundeswehr eilt daraufhin in einem multinationalen Verband zu Hilfe des angegriffenen Landes. So lautet das fiktive und von langer Hand geplante Szenario, das mehr als 100 Soldaten des Delmenhorster Logistikbataillons 161 in dieser Woche üben. Für viele eine aktuell brisante Vorstellung, für die Bundeswehr Routinearbeit. Zum ersten Mal begleitet ein Pressevertreter für 24 Stunden eine militärische Einsatzübung in der Region.

Neerstedt/Delmenhorst – Im Mittelpunkt der Übung namens „Feldschmiede“ steht die 4. Kompanie des Bataillons unter Führung von Hauptmann Martin Richter. „Kampfpanzer werden daran gemessen, wie viel sie abschießen. Wir werden daran gemessen, wie viel wir reparieren“, verdeutlicht er die Rolle seiner Instandsetzungstruppe. Noch bis 15. Mai beziehen die Soldaten Stellung in Gehöften und Hallen in Neerstedt (Landkreis Oldenburg), nahe der simulierten Hauptkampflinie. „Im echten Einsatz wären es rund 70 bis 100 Kilometer, um außer Reichweite feindlichen Artilleriefeuers zu sein“, erklärt Presseoffizier Hörcher.

Die Truppe übt in Neerstedt den Betrieb eines mobilen Instandsetzungspunkts. Das heißt, dort reparieren die Männer und Frauen kaputte Fahrzeuge, Waffen und Ausrüstung der Bundeswehr im Schichtsystem rund um die Uhr. Die Bevölkerung wird über Warn- und Hinweistafeln an Straßen über die Militärübung informiert. Rund 60 Gefechtsfahrzeuge sind während der Übung in der Region in Bewegung.

Ohne Mampf, kein Kampf.
Ohne Mampf, kein Kampf. © Gregor Hühne

Ich stoße Dienstagmittag zur Kompanie. Sofort bin ich im Geschehen. Kurzfristiger Befehl: Richter soll ein neues Gelände erkunden. Eignet es sich als vorgeschobener Feldinstandsetzungspunkt? Die Soldaten bereiten bereits sechs Fahrzeuge vor: Ausrüstung, Waffen, Munition, Verpflegung. Ich sitze auf dem Führungsfahrzeug des Chefs auf. Abfahrt. Eine Stunde fährt die Kolonne über die Autobahn in den Erkundungsraum. Dabei begleitet uns ein „Eagle“ (geschütztes Aufklärungsfahrzeug). Dessen Optronik und Maschinenkanone auf dem Dach bieten dem Erkundungstrupp gute Feuerunterstützung, denke ich. Die Fahrt ist eingebettet in die Rahmenlage der Übung, im Einsatz wären die Abläufe identisch. Ankunft.

Ziel der Übung

„Wir üben hier völlig ergebnisoffen“, sagt Richter. Ziel der Feldeinsatzübung ist das Verbessern von militärischen Abläufen sowie das Erkennen von Verbesserungspotenzial. „Es wird nichts gestellt und es gibt keine Musterlösung, da kann auch mal was schiefgehen.“ Darum heiße es „Übung und nicht Könnung“, scherzt er. Der Berufssoldat ist Chef der 4. Kompanie 161 seit September 2021.

Absitzen. Es folgt die geländebezogene Orientierung. Die Teileinheitsführer des Kompanie-Chefs haben ihre Befehle. Die fünf Spezialisten führen ihre eigenen Abteilungen, genannt Züge. Einer von ihnen ist Oberleutnant Pfaff. Ich begleite ihn von nun an bei der Erkundung.

Wir schauen uns im Vorfeld als interessant eingestufte verlassene Lagerhallen genauer an. Sein Augenmerk: Können da Fahrzeuge repariert werden? Sind Gruben, Hebebühnen, Kran vorhanden? Wie sieht es mit Strom-, Wasser-, IT-Anschlüssen aus? Gibt es eine Fläche für einen Dekontaminationsplatz, falls Material verseucht wird?

Das Ergebnis passt. Richter befiehlt die Rückverlegung. Marschkolonnen von militärischen Fahrzeugen sind dabei wie ein Fahrzeug zu sehen, erfahre ich. Zivile Fahrzeuge sollen sich – wenn möglich – nicht zwischen ihnen einordnen.

Wolfshöhle ruft Wolfsrudel

Die Delmenhorster Instandsetzer können sämtliche Radfahrzeuge der Bundeswehr reparieren. Sollte das nicht möglich sein, beispielsweise unter zeitkritischem Feindbeschuss, erfolge eine „Unbrauchbarmachung von Wehrgerät“, sprich es wird zerstört. „Das habe ich selbst noch nicht erlebt, aber das ist schon vorgekommen“, so ein einsatzerfahrener Hauptfeldwebel.

Soldaten im Sicherungseinsatz.
Soldaten im Sicherungseinsatz. © Gregor Hühne

Während wir uns Neerstedt nähern, erreichen uns immer mehr Funksprüche: Wolfshöhle ruft Wolfsrudel und Lenkhebel möchte etwas von Hosenrock und Enzian etwas von Auge zwei.

In Neerstedt ist die gesamte Kompanie urban getarnt – also unsichtbar für feindliche Luftbildaufklärung und Google-Maps-Fahrzeuge von den Straßen aus. Der Gefechtsstand ist dabei die Schaltzentrale der Kompanie. Sie ist ortsunabhängig aufbaubar und mobil. In ihr laufen alle Fäden und Abläufe zusammen. Tarnnetze verdecken die Sicht, Diesel-Generatoren machen die Versorgung autark und Satelliten- und Funknetze ermöglichen den Kontakt zur übrigen Truppe.

Für die Dauer der Übung schließt die Bundeswehr Verträge mit Bauern und Unternehmen, um Gehöfte und Hallen zu nutzen. Im Verteidigungsfall seien die Bürgermeister die Ansprechpartner, um verfügbare Liegenschaften herauszusuchen.

Ein Sicherungsposten mit Nachtsichtgerät und Maschinengewehr.
Ein Sicherungsposten mit Nachtsichtgerät und Maschinengewehr. © Gregor Hühne

Wichtig ist stets der gute Kontakt zur Bevölkerung, betont Richter. Das scheint in Neerstedt zu funktionieren. So erzählt mir ein Sicherungsposten, er habe aus Dankbarkeit für die Arbeit der Soldaten einen Kuchen von Bürgern geschenkt bekommen.

Damit der Kernauftrag der Bundeswehr aber auch gelingt, also die Landes- und Bündnisverteidigung, brauche es passende Ausstattung. Dafür stehen den Soldaten kleine und große Spezialgeräte zur Verfügung wie Feinmechanik, um Nachtsichtgeräte und Sturmgewehre zu reparieren oder den Radpanzer „Dingo“ instandzusetzen. Alleine das schwere Fahrzeug abzuschleppen ist ein Kraftakt. Dann kommt der „Bison“ zum Einsatz. Dieses „Tier“ hebt und zieht bis zu 50 Tonnen, was die Kompanie während der Übung demonstriert.

„Eagle“: Gefechtsfahrzeug mit Optronik und schwerer Waffe.
„Eagle“: Gefechtsfahrzeug mit Optronik und schwerer Waffe. © Gregor Hühne

„Ich bin Soldat aus Überzeugung“

Rund zehn Prozent der Soldaten in der 4. Kompanie sind weiblich. „Das könnten mehr sein“, meint die Oberstabsgefreite Steinmeyer, rechte Hand des Spieß, der als „Mutter der Kompanie“ gilt und sich unter anderem um die Verpflegung und Postversorgung im Einsatz kümmert. „Wir sind der Dienstleister für die Kompanie“, sagt er und beklagt, dass die Politik jahrelang die Bundeswehr heruntergespart habe. Heute fehle es an vielem, auch an Soldaten.

Doch das ändere sich, nicht nur wegen des Krieges in der Ukraine, höre ich quer durch die Dienstgrade – selbst bei den Grünen. Dennoch gebe es Menschen, die in ihrer Parallelwelt hingen und von „Mördern“ sprechen oder Bundeswehrfahrzeuge in Bremen anzünden. „Menschlich völlig unverständlich, und als Soldat sowieso“, so ein Offizier. Ob humanitäre Einsätze während Flutkatastrophen, Amtshilfe in der Corona-Pandemie oder Evakuierungsflügen aus Afghanistan: Immer mehr begriffen allmählich, dass die Bundeswehr Fähigkeiten besitzt, die andere nicht haben, höre ich.

Taghell: Der Blick durch ein Nachtsichtfernrohr.
Taghell: Der Blick durch ein Nachtsichtfernrohr. © Gregor Hühne

Und das sehe ich unter anderem an den Nachtsichtbrillen sowie der Vorstellung der Wirkmittel und Waffensysteme der Kompanie. Es gibt viele Soldaten wie Oberfähnrich Schweer, die ihren Beruf lieben, den sie Berufung nennen: „Ich bin Soldat aus Überzeugung“, sagt er mit Überzeugung. Die Uhr zeigt halb zwei. Zeit für das Feldbett. Ich schlafe in einem abgedunkelten Saal des angemieteten Schützenvereins, in dem viele Soldaten ruhen. „Einer schnarcht immer“, denke ich mir und freue mich über erhaltene Ohropax. Ich drehe mir die Masse in den Hörkanal und schlafe bequemer als erwartet.

Am Morgen geht die Übung weiter. Der Delmenhorster Bataillonskommandeur Eberhardt besucht den Übungsraum. Höhepunkt: Der vorgeführte schnelle Wechsel von der Instandsetzung zur Eigensicherung. Simulierter Feindkontakt. Alarmierung. Soldaten reagieren und wechseln von schweren Schraubenschlüsseln zum schweren Maschinengewehr. Gegnerische Kräfte bewegen sich in eine Geländefalle. Es rattert. Geführter Feuerkampf. Meldung: Feind vernichtet.

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