Zweiter Bildungsweg eröffnet Chancen

Traum einer vierfachen Mutter: Hauptschulabschluss

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Haben gemeinsam ein Ziel: (vorn v.l.) Gulalai Wazivi, Nadia Haschimi und Esraa Chehade sowie (v.l. stehend) Lehrer Andreas Hotopp, Max Bennin, Lukas Steinbrink, Christian Twedorf sowie Ewald Fiedler als Fachbereichsleiter der VHS.

Syke - Von Anke Seidel. Gulalai Wazivi ist Mutter von vier Kindern. Jetzt erfüllt sich die 37-Jährige einen Traum: Sie bereitet sich auf ihren Hauptschulabschluss vor. Denn nur damit kann sie ihr Ziel erreichen: „Ich möchte Kauffrau, eine Verkäuferin, sein. Aber ohne Schulabschluss geht das nicht!“ Es ist das erste Mal, dass sie Schulunterricht erhält.

„In Afghanistan ging das nicht. Wir mussten flüchten. Und mit 15 Jahren, da bin ich schon verlobt worden“, sagt die angehende Hauptschulabsolventin.

Hohes Maß an Selbstdisziplin gefragt

Ewald Fiedler hört als Fachbereichsleiter für den zweiten Bildungsweg bei der Volkshochschule (VHS) des Landkreises aufmerksam zu. Er weiß, dass alle Teilnehmer an dieser Qualifizierung ihre persönliche Geschichte haben. 31 Männer und Frauen sind es in diesem Kurs, die sich unterschiedliche Ziele gesteckt haben. Zehn wollen den Kurs mit Hauptschulabschluss verlassen und absolvieren dafür elf Monate lang 24 Unterrichtsstunden pro Woche. Im August müssen sich alle der schriftlichen und mündlichen Prüfung stellen. 21 wollen danach vier Monate dranhängen und den Realschulabschluss erwerben – einige den erweiterten.

Doch Ewald Fiedler weiß aus anderen Maßnahmen: „Manchen fehlt die Selbstdisziplin.“ Denn es sind Menschen in schwierigen Lebenssituationen, die aller Schicksalsschläge zum Trotz noch einmal durchstarten wollen. Einige brauchen dabei immer wieder eine Atempause: „Die Anwesenheit ist sehr unterschiedlich“, formuliert es der Fachbereichsleiter.

Lehrer und Streitschlichter

Und weil oft Menschen mit unterschiedlichen Wurzeln an einem Tisch sitzen, „ist das nicht konfliktfrei“, sagt Fiedler. „Wir versuchen, mit diesen Konflikten angemessen umzugehen – und wenn Vorurteile bestehen, dann versuchen wir das zu klären.“

In dieser Klasse, die Lehrer Andreas Hotopp in Erdkunde sowie Arbeit und Wirtschaft unterrichtet, ist die Stimmung an diesem Morgen entspannt. „Natürlich gibt es mal ein Hoch und ein Tief. Aber im Großen und Ganzen geht das eigentlich“, sagt der Pädagoge.

Gulalai Wazivi kommt eigens aus Ganderkesee zum Unterricht nach Syke. Neben ihr sitzt ihre Schwester Nadia Haschimi, 32 Jahre alt und Mutter von zwei Kindern. Sie hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesteckt: „Ich möchte den Realschulabschluss machen. Mein Traum ist, Medizin zu studieren.“

Ehrgeiz ja - Luftschlösser nein

Von Luftschlössern hält die selbstbewusste junge Frau nichts: „Wenn das nicht klappt, mache ich eine Ausbildung bei einem Arzt“, blickt sie auf den Beruf der medizinisch-technischen Assistentin. Warum drückt sie erst jetzt die Schulbank? „Ich habe Sprachkurse gemacht und wusste nicht, dass ich so eine Schule wie diese besuchen kann.“

Aus dem gesamten Landkreis Diepholz, dem Nachbar-Landkreis Oldenburg und aus Bremen kommen die Teilnehmer des Kurses. Sie bringen unterschiedliche Interessen und Talente mit. Lukas Steinbrink zum Beispiel komponiert Musik – an einem alten Commodore-Computer. „Ich möchte gern in den IT-Bereich“, beschreibt er seinen Berufswunsch. Auch Max Bennin hat ein klares Ziel: „Ich möchte gern in die Versicherungsbranche.“

Christian Twedorf prüft mehrere Optionen ganz genau: Zunächst das Berufsfeld der Ergotherapie. Er kann sich aber auch vorstellen, Sportlehrer zu werden.

Sammeln praktischer Erfahrungen

Ganz praktische Erfahrungen können die Seminarteilnehmer während der Vorbereitung auf ihren Schulabschluss sammeln – bei Praktika in unterschiedlichen Bereichen.

Die 21-jährige Esraa Chehade hat sich bereits entschieden, welchen Beruf sie gerne ausfüllen möchte: „In einem deutschen Kindergarten arbeiten!“ Ihre Eltern stammen aus dem Libanon. „Ich bin aber in Deutschland geboren“, sagt die 21-Jährige.

So unterschiedlich die Träume der Teilnehmer auch sind – eines haben alle gemeinsam: Sie müssen für die Vorbereitung auf ihren Schulabschluss bezahlen: 50 Euro monatlich für den Unterricht zum Hauptschul- und 100 Euro im Monat für den zum Realschulabschluss. „Wir bewerben uns um Fördermittel vom Land, damit die Teilnahmegebühren reduziert werden oder ganz entfallen können“, sagt Fiedler.

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