Im Syker Theater

Tim Fischer: Tragik gepachtet – Farce in der Tasche

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Besonders bei dem Lied über den sich rasierenden Hitler ließ Tim Fischer dieses merkwürdige Gefühl entstehen, dass sich Lachen und Innehalten quasi die Hand geben. 

Syke - Von Detlef Voges. „Absolut“ – folgt man dem Motto des Abends, so war Tim Fischer am Sonnabend im Syker Theater absolut unterhaltsam, absolut sehens- und hörenswert. Da passten die Zutaten: ein Musiker und Schauspieler, der sich vom einstigen Paradiesvogel zu einem anspruchsvollen Chansonnier gemausert hat, ein kongenialer musikalischer Partner am Klavier mit Rainer Bielfeldt und ein Publikum, dessen Hingebung körperlich spürbar war.

Der gebürtige Delmenhorster mit Lebensmittelpunkt in Berlin schwamm bei seinem sechsten Auftritt in Syke wie auf einer Werder-Welle. Die Fangemeinde huldigte ihm schon nach den ersten Tönen.

Viel braucht der 44-Jährige ohnehin nicht, um sein Publikum mitzunehmen. Dahin, wo Verstand und Emotionen sich umarmen und verletzen. Fischer schlüpft in die unterschiedlichsten Rollen, und das stil- und textsicher in einem so atemberaubenden Tempo, dass das Verstehen sich verzögert, sich dann aber in lauten Lachern oder Applaus Bahn bricht.

In einem eleganten dunklen Abendanzug gibt Tim Fischer den professionellen Entertainer, besticht durch Wandlungsfähigkeit, Charisma und Nuancenreichtum. Er ist der Komiker, der die Tragik gepachtet hat und die Farce jederzeit aus der Tasche ziehen kann.

Er beginnt politisch schrill mit Songs von Thomas Pigor. Besonders bei dem Lied über den sich rasierenden Hitler entsteht dieses merkwürdige Gefühl, dass sich Lacher und Innehalten die Hand geben. „Ist das ein Braun?“, fragt der Künstler. Satire pur. Sie muss erlaubt sein auch im Zusammenhang mit Adolf Hitler, ist sie doch der Gradmesser, wie wir es mit der Meinungsfreiheit halten.

Tim Fischer – das ist ja nicht der Nur-Sänger. Stimmlich auf der Höhe, kehrt er dann auch den Schauspieler hervor und präsentiert mimisch und gestenreich ein kleines Theaterstück. Da werden auch die banalsten Alltagsgeschichten zu spannenden Episoden um Liebe, Einsamkeit, Verlust und Freude.

Lieder voller Gegensätzlichkeit

„Bitte geh nicht fort“ – dieser Klassiker von Jacques Brel wird bei Fischer zu greifbarer Wehmut. Er spricht und singt diesen Satz fortlaufend und doch jedes Mal anders.

Der Betrübnis folgt ein schenkelklopfender deftiger Ausflug in die deutsche Pop-Landschaft und eine herrliche Reise zu den Nachbarn und Hugo Wieners fröhlich machendes Lied von „der Torten“. Drei Songs voller Gegensätzlichkeit, die dem Chansonnier Fischer aber die Möglichkeit geben, sein changierendes Talent ausgiebig zu entfalten.

Im zweiten Teil des Abends erscheint der Künstler ganz in weiß. Nicht nur optisch ein Wandel. Auch inhaltlich klingt das Programm leiser und sensibler. Bildgewaltig ist das Lied „Nur bei den Augen“, nachdenklich die „alte Liebe“ von Brel und die „Sehnsucht ist gemein“ von Sebastian Krämer.

Wer Fischer sieht und hört, sieht und hört auch Rainer Bielfeldt. Man merkt, dass die beiden seit über 20 Jahren zusammenarbeiten. Da passt jeder Ton, jede Abstimmung. Zudem hat Bielfeldt etliche Songs für Fischer geschrieben. Bei den Zugaben lassen es die beiden krachen mit den „maulenden Rentnern“ und dem Klassiker „Stroganoff“. Stille kehrt ein bei dem fast gesprochenen Lied „Komm, großer schwarzer Vogel“ von Ludwig Hirsch.

Fischer sammelt immer auch Geld für sein Hilfsprojekt für Aidskranke in Afrika. Im Syker Theater kamen 562 Euro zusammen.

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