Tickende Zeitbomben

Extrem gefährlich: eine verrostete Handgranate.
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Extrem gefährlich: eine verrostete Handgranate.

Seit mehr als 75 Jahren liegen sie wie tickende Zeitbomben im Erdreich. Wie viele Bomben, Handgranaten und Munition aus dem Zweiten Weltkrieg dort noch auf Bergung warten, weiß niemand. Fakt ist, dass es in Niedersachsen immer wieder zu schweren Unfällen kommt.

Landkreis  Diepholz – 7. November 2018, ein scheinbar ganz normaler Tag im Torfwerk Siedenburg-Borstel. Doch plötzlich kommt eine längst vergessene Gefahr ans Tageslicht: eine Granate aus dem Zweiten Weltkrieg. Es sind Spezialisten des Kampfmittelbeseitigungsdienstes Hannover, die den gefährlichen Fund bergen. Er stellt sich als englische Wurfgranate (4,2 inch) heraus. Nur 20 Tage später müssen die Spezialisten wieder nach Siedenburg ausrücken – diesmal, um eine englische Sprenggranate zu bergen und zu entschärfen.

Gefahren im Boden

Dass mehr als 75 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute Gefahren im Boden schlummern, beweisen die Zahlen. In nur dreieinhalb Jahren hat der Kampfmittelbeseitigungsdienst (KBD) im Landkreis Diepholz sechs Munitionsfunde geborgen und unschädlich gemacht. Die Rechtslage ist klar: Munitionsfunde sind meldepflichtig. Oft informieren Bürger, die bei Bauarbeiten auf Munition oder Granaten stoßen, den KBD. In anderen Fällen meldet sich die Polizei bei Jörg Laes, dem Einsatzkoordinator und stellvertretenden Leiter des KBD. Ob Polizei oder Privatmann: „Wir bitten zunächst darum, ein berührungsfreies Bild zu machen“, berichtet Jörg Laes. Will heißen: im gebotenen Sicherheitsabstand. Das Fotomaterial hilft den Spezialisten bei einer Einschätzung.

Je nach Art und Lage des Funds rücken Spezialisten aus Achternholz, Munster oder Hannover zum Einsatz aus. Die Bergung alter Waffen, Munition oder Bomben ist alles andere als ein einfacher Einsatz – es ist eine lebensgefährliche Aufgabe. Vor zehn Jahren hat sie drei KBD-Spezialisten das Leben gekostet, die einen Blindgänger in Göttingen entschärfen mussten. Die Fliegerbombe detonierte, bevor die Einsatzkräfte mit der Entschärfung beginnen konnten. Sechs Menschen wurden verletzt.

Bombe tötet drei Menschen

Deshalb ist bei Funden – egal, ob Bombe, Munition oder Granate – äußerste Vorsicht geboten. „Sie werden nicht besser, weil sie nach und nach verrotten. Dann steigt die Gefahr“, warnt Jörg Laes. Selbst Kleinmaterial dürfe auf keinen Fall in die Hand genommen werden: „Das kann etwas auslösen, da ist ein Zünder drauf!“

Umso gefährlicher ist die Suche mit Metalldetektoren und Magnetangeln. Kampfmittelbeseitigungsdienst, Landesamt für Denkmalpflege und Landeskriminalamt warnen ausdrücklich davor. Denn bei der Suche nach historischen Schätzen im Boden können lebensgefährliche Munitionsfunde ans Tageslicht kommen. Die Behörden verweisen auf mehrere folgenschwere Unfälle in Niedersachsen – und darauf, dass der Einsatz von Metalldetektoren und Magnetangeln ohne Genehmigung verboten ist.

Keine Unfälle im Landkreis Diepholz

Nach Erkenntnissen der Polizei ist es im Landkreis Diepholz bisher nicht zu Unfällen gekommen, so Polizeipressesprecher Thomas Gissing auf Anfrage. Allerdings habe sich in einem Fall ein verunsicherter Bürger an die Beamten gewand, weil er eine verdächtige Person auf einem Acker gesehen habe – sie suchte offenbar mit einer Metallsonde.

Besonders in Teichen, Flüssen und Erdsenken könnten gefährliche Funde lauern, weiß Jörg Laes: „Überall dort, wo Menschen Waffen und Munition loswerden konnten.“ Denn damit wollte nach Kriegsende niemand erwischt werden.

Wie viele Munitionsfunde es bisher im Landkreis Diepholz gegeben hat, ist unklar. Der Landkreis hat keine Unterlagen darüber: „Die Gefahrenabwehr ist Sache der Städte und Gemeinden“, so Alfred Domroese als Leiter des Landkreis-Fachdienstes Sicherheit und Ordnung.

2014: Großeinsatz

in Twistringen

Für einen Großeinsatz hatte 2014 in Twistringen eine 30 Kilogramm schwere Rakete gesorgt. 300 Menschen mussten ihre Wohnungen verlassen und 200 Einsatzkräfte von Polizei, Rettungsdienst und Feuerwehr waren vor Ort, bis KBD-Spezialisten das gefährliche Relikt aus dem Zweiten Weltkrieg kontrolliert gesprengt hatten.

Gefährliche Funde

In den vergangenen dreieinhalb Jahren hat der Kampfmittelbeseitigungsdienst im Landkreis Diepholz folgende Funde geborgen und entschärft:

Weyhe: 1. April 2020: englische Sprenggranate

Siedenburg: 29. März 2018, amerikanische Splitterbombe

Diepholz-Heede: 17. Oktober 2018, englische Handgranate

Siedenburg: 7. November 2018, englische Wurfgranate

Siedenburg: 27.November 2018, englische Sprenggranate

Syke: 15. Oktober 2017, englische Handgranate

Im Jahr 2019 gab es im Landkreis Diepholz keine Funde. (Quelle: KBD)

Kriegsluftbilder

geben Aufschluss

Ist mein Grundstück kampfmittelfrei? Diese Frage stellen sich vor allem Bauherren, die ein unterkellertes Haus bauen wollen. Denn Relikte aus dem Zweiten Weltkrieg können wie tickende Zeitbomben wirken. „Zum gegenwärtigen Zeitpunkt muss davon ausgegangen werden, dass noch große Mengen von nicht erkannten Kampfmitteln im Erdreich vorhanden sind“, erläutert der Kampfmittelbeseitigungsdienst (KBD).

Überprüfung

auf Antrag

Deshalb bietet der KBD, der dem Landesamt für Geoinformation und Landesvermessung (LGLN) zugeordnet ist, Grundstückseigentümern eine Auswertung von Kriegsluftbildern an. Damit kann der KBD ergründen, ob es im betreffenden Bereich im Zweiten Weltkrieg Kampfhandlungen gegeben hat. Für die Überprüfung muss der Grundstückseigentümer einen Antrag stellen und zahlen: Die Kosten betragen – je nach Größe der Fläche – zwischen 57 und 500 Euro. Zunehmend seien es Bauunternehmen, so Jörg Laes als stellvertretender Leiter des KBD, die von Bauherren eine solche Untersuchung verlangen: „Sonst wären sie am Ende verantwortlich.“

Bauwillige fragen nach

Immer mehr bauwillige Firmen fragen laut Alfred Domroese, Leiter des Fachdienstes Sicherheit und Ordnung, beim Landkreis nach Kampfmittelbelastungen auf ihrem Grundstück. „Zuständig sind aber die Städte und Gemeinden“, nennt er die richtigen Ansprechpartner.

Wer zahlt, wenn auf einem Grundstück ein gefährlicher Fund ans Tageslicht kommt? Im Zuge der Gefahrenabwehr sei das für die Eigentümer kostenlos, so Laes.  

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