Tausend neue Fragen

Erich Schröder erfährt nach 73 Jahren vom Schicksal seines Vaters

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Erich Schröder ist emotional tief bewegt. Einerseits ist er erleichtert, dass die Ungewissheit über das Schicksal seines Vaters jetzt vorbei ist. Auf der anderen Seite gehen ihm nun tausend neue Fragen durch den Kopf. Seine Frau Elfriede gibt ihm in dieser Situation Halt und Kraft. 

Syke - Von Michael Walter. Erich Schröder spielt mit einer blinkenden 1-Cent-Münze auf dem Wohnzimmertisch. „Das ist mein Glückspfennig“, sagt er. „Den hatte ich morgens im Flur gefunden. Und zwei Stunden später kam die Post.“ Absender: Ein Monstrum von einem Behördennamen. Die „Deutsche Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht“ in Berlin teilte ihm mit: Nach 73 Jahren ist jetzt die Leiche seines Vaters gefunden und auf einem Soldatenfriedhof bestattet worden.

„Ich hab ihn kaum gekannt“, sagt Erich Schröder. Und trotzdem hat ihn dieses Schreiben so tief bewegt wie selten ein Ereignis in seinem Leben.

Johann Dietrich Schröder wurde am 8. September 1900 in Osterholz geboren. Als 1939 der Zweite Weltkrieg begann, wurde er als einer der ersten aus Syke und umzu Soldat. Da war sein Sohn Erich gerade mal drei Jahre alt. „Ob er sich freiwillig gemeldet oder seine Einberufung bekommen hatte, hab ich nie erfahren“, sagt er. „Ich kann mich auch nur an wenig erinnern.“

Am intensivsten noch ein ein Ereignis, als sein Vater eines Sommers auf Heimaturlaub war. „Es war Heu-Ernte. Mein Spielzeug rollte unter den Heuwagen, die Pferde scheuten. Es gab einen Ruck, und mein Vater fiel vom Wagen.“

Auf Helgoland stationiert

Fast den ganzen Krieg über war Erich Schröders Vater bei der Küstenverteidigung auf Helgoland stationiert. Erst gegen Ende 1944 wurde er nach Jugoslawien versetzt. Dort verlor sich seine Spur. „Ein Kamerad von ihm hat uns nach dem Krieg erzählt, ihre Einheit wäre mit zwei Schiffen von einem Einsatzort abtransportiert worden. Und von diesen zwei Schiffen ist nur eins angekommen.“

Das war alles, was Erich Schröder über das Schicksal seines Vater je erfahren hat – bis jetzt. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge fand kürzlich die sterblichen Überreste in einem Massengrab rund 100 Kilometer nordöstlich von Split. Anhand seiner Erkennungsmarke konnte Schröders Vater eindeutig identifiziert werden. Die sterblichen Überreste wurden inzwischen auf einen Soldatenfriedhof bei Zagreb umgebettet.

„Das wühlt einen schon auf“

Laut Mitteilung der Berliner Behörde fand Johann Dietrich Schröder in der Zeit zwischen dem 24. November und dem 5. Dezember 1944 den Tod. Die näheren Umstände sind ungeklärt. Und das ist es, was Erich Schröder so bewegt. „Das wühlt einen schon auf“, sagt er. „Da gehen dir tausend Fragen durch den Kopf. Wie ist das passiert? Wie ist er gestorben? Vielleicht lebt dort noch jemand, der etwas weiß? Fahren wir da hin? Können wir die Leiche überführen lassen?“

Schröders Unterlippe beginnt zu zittern, und für einen Moment kämpft er mit den Tränen. Dieser Brief aus Berlin bedeutet ihm sehr viel. Die Ungewissheit, mit der er über 70 Jahre leben musste, hat ihm mehr und mehr zugesetzt. „Wenn man jünger ist, geht man leichter damit um“, sagt er. „Aber ehrlich gesagt, bin ich jetzt froh, dass das vorbei ist. Auch weil ich der einzige aus unserer Familie bin, der noch lebt.“

Ob und wann er nach Kroatien fährt, wird Schröder noch eine Weile beschäftigen. Aber vielleicht hilft ihm ja sein Glückspfennig dabei, auch auf diese Frage eine Antwort zu finden.

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