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„Den Krieg kann ich nicht malen“

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Von: Michael Walter

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Tatjana Popovichianko zeigt eine Auswahl ihrer Bilder im Café Alte Posthalterei. Hinter ihr (von links): Henning Greve, Gerhard Thiel (beide vom Verein Rund ums Syker Rathaus) und Übersetzerin Irina Poutrinia.
Tatjana Popovichianko zeigt eine Auswahl ihrer Bilder im Café Alte Posthalterei. Hinter ihr (von links): Henning Greve, Gerhard Thiel (beide vom Verein Rund ums Syker Rathaus) und Übersetzerin Irina Poutrinia. © Michael Walter

Die ukrainische Künstlerin Tatjana Popovichianko stellt im Syker Café Alte Posthalterei Bilder aus. Sie sind nach der Flucht vor dem Krieg entstanden.

Syke – Die scheinbare innere Ruhe ist nur oberflächlich. Unter einer dünnen Haut brodelt es in Tatjana Popovichianko. Seit bald einem Dreivierteljahr ist die ukrainische Künstlerin in Deutschland. Und noch immer kann sie nur mit Überwindung von dem erzählen, was sie zur Flucht veranlasst hat.

Tatjana Popovichianko malt Häuser und möchte die Seelen der darin lebenden Menschen sichtbar machen

„Einen Monat konnte ich nicht malen“, sagt sie. Danach brach es aber nur so aus ihr heraus. Von den Bildern, die seitdem entstanden sind, stellt sie eine Auswahl jetzt im Café Alte Posthalterei aus. Etwa 40 bis 50 Stück. Überwiegend Grafiken in Mischtechniken. Tuschestift, Aquarell und ein bisschen Acryl auf getöntem Papier.

Wer glaubt, Tatjana Popovichianko würde in ihren Bildern den Krieg in ihrer Heimat thematisieren, sieht sich getäuscht. Ihre Bilder sind friedlich, mit liebevoll-humorigen Details. Und sie zeigen überwiegend Häuser.

„Häuser haben eine Seele“, ist sie überzeugt. „Und je älter sie sind, desto mehr erzählen sie von den Menschen, die darin gelebt haben. Jede Generation lässt im Haus etwas von ihrer Seele zurück.“ Und diese Seelen will sie zeigen.

Häuser haben eine Seele und je älter sie sind, desto mehr erzählen sie von den Menschen, die darin gelebt haben. Jede Generation lässt im Haus etwas von ihrer Seele zurück.

Tatjana Popovichianko

Tatjana Popovichianko hat in einer Vorstadt von Odessa gelebt. Morgens um fünf haben sie am 24. Februar Explosionen aus dem Schlaf gerissen. Der russische Angriff auf die Ukraine hatte begonnen. „Wir haben uns in die U-Bahn geflüchtet“, erzählt sie. Über die Sozialen Medien erfuhr sie dann: Russische Panzer stehen kurz vor Kiew. Mit einer Freundin aus Polen hat sie telefoniert. „Du musst da sofort weg, hat sie gesagt.“ Ihr Mann – von Beruf Geologe und gerade in Afrika – sagte ihr am Telefon dasselbe. „Aber niemand hatte genaue Informationen, wie eigentlich gerade die Lage war.“

Drei Tage später machte sie sich dann doch auf den Weg. Zusammen mit vielen anderen und eher überstürzt als planvoll. Mit mehreren anderen teilte sie sich ein Taxi für die etwa 60 Kilometer bis zur Grenze nach Moldawien. „Dort standen dann schon die Busse bereit.“ Die brachten sie weiter nach Rumänien. Und von dort ging es über Ungarn, Slowakei und Polen bis nach Deutschland. Mitnehmen konnte die 61-Jährige nur einen Rucksack und eine Handtasche. Praktisch ihr gesamter persönlicher Besitz ist in Odessa geblieben.

Tatjana Popovichianko bietet „Art Therapy“ (Therapie durch Kunst) in Bremen an

Drei Wochen hat sie in Polen sehr beengt bei Bekannten gewohnt. Dann bekam sie einen Anruf aus Martfeld: Von einer aus Polen stammenden Künstlerin, die sie mal auf einem Symposium kennengelernt hatte. „Die hat gesagt: Komm zu mir! Ich hab Platz!“ Und so ist Tatjana Popovichianko am 23. März nach Deutschland gekommen.

Alle Bilder, die sie jetzt in Syke zeigt, sind logischerweise danach entstanden. Den Krieg thematisiert sie nur in einem einzigen: Eine Zeichnung zeigt ein trauriges Kind mit einem Oster-Brot und einer brennenden Kerze darauf, umgeben von Blut und Angst, die es wie eine dunkle Wolke umschließt. „Es steht stellvertretend für alle Kinder, die im Krieg gestorben sind“, sagt Tatjana Popovichianko. „Aber den Krieg selbst kann ich nicht malen.“

Dass sie malt und was sie malt, nennt sie selbst „Art Therapy“. Also: Therapie durch Kunst. Einmal die Woche bietet sie das in Bremen als Kurs für andere Ukraine-Flüchtlinge an. Das Malen hilft ihnen, ihre Eindrücke zu verarbeiten und mit zum Teil schrecklichen Erlebnissen umzugehen.

Vernissage und ukrainischer Abend am 1. Dezember im Café Alte Posthalterei

Popovichiankos Ausstellung eröffnet am Donnerstag, 1. Dezember, um 18 Uhr. Mit Vorstellung der Künstlerin und Gesprächsmöglichkeiten. „Es sind Übersetzer da“, sagt Gerhard Thiel vom Verein Rund ums Syker Rathaus.

Die Vernissage geht dann nahtlos in einen ukrainischen Abend über. „Mit Essen, Trinken, Musik und Informationen, organisiert von einer Gruppe ukrainischer Flüchtlinge“, sagt Thiel. „Der Abend ist ausdrücklich offen für alle und die Ukrainer freuen sich sehr auf Austausch mit anderen. Und es gibt auch etwas zum Mitnehmen.“ Der Verein hat Postkarten mit sechs Motiven von Tatjana Popovichianko anfertigen lassen. Und die Original-Bilder stehen auch zum Verkauf. „Das Geld, das an diesem Abend zusammenkommt, geht in die Ukraine.“

Wie geht es Tatjana Popovichianko dabei? – Sie muss ein bisschen überlegen, wie sie das formulieren soll. Dann seufzt sie. „Ich war schon häufig im Ausland. Aber immer mit der Gewissheit: In ein paar Wochen bin ich wieder zuhause.“ Jetzt ist alles unklar, und die Sprachbarriere macht ihr zu schaffen. Sie holt ein anderes Bild hervor. Es zeigt eine Frau, die mit einer Katze zusammen nachts auf dem Dach sitzt und den Vollmond anschaut. Die Wolken nehmen dabei menschliche Gestalt an. Es heißt „Heimweh“.

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