Selbstbestimmt und ohne Betreuung leben

Sykerin wirbt per Video für Inklusion

Auf einem Video bei YouTube wirbt Christiane Hagen aus Syke für die Selbstvertretung von Menschen mit Handicap. Die Bundesvereinigung der Lebenshilfe organisiert dazu vom 29. bis zum 31. August einen Kongress in Leipzig. Foto: Anke Seidel

Trotz ihrer Behinderung ist Christiane Hagen ein politischer Mensch – und mischt sich ein. Sie weiß, dass manche Menschen das mit Ungeduld und Augenrollen quittieren. Aber sie lässt sich nicht beirren. „Demokratie braucht Inklusion“, sagt die 54-Jährige. Genau das ist die Botschaft eines Videos, das sie mit der Bundesvereinigung der Lebenshilfe erarbeitet hat.

Syke – Ihre kleine Wohnung hat Christiane Hagen gemütlich eingerichtet. Im Bücherregal steht der „Grundwortschatz Französisch.“ Die 54-Jährige will lernen und setzt sich klare Ziele, obwohl sie „bei Minus zehn“ statt bei Null anfängt. Denn Christiane Hagen ist seit ihrer Geburt behindert.

„Ich hab in meinem Leben schon viel hinter mir gelassen“, stellt sie fest. Selbstbestimmt und ohne Betreuung leben – dafür setzt sie sich ein. Und dafür wirbt sie jetzt bei einer bundesweiten Kampagne der Lebenshilfe mit einem Video bei Youtube und mit Plakaten. Dass Menschen trotz ihrer Behinderung ein ganz normales Leben führen und sich in die Politik einmischen können, das will Christiane Hagen nach außen tragen. „Ich war eine Karteileiche“, schmunzelt sie über ihre langjährige passive Mitgliedschaft in der SPD Syke. Dass sie heute Beisitzerin im Vorstand ist, das hat sie nach eigenem Bekunden der Vorsitzenden Nilüfer Türkmen zu verdanken. „Die hat mich vorgeschlagen, und dann bin ich auch gewählt worden.“

Lebenshilfe Kampagne  „Demokratie braucht Inklusion“

Anfang März ist die Sykerin für die Video- und Fotoaufnahmen der Lebenshilfe-Kampagne nach Berlin gereist. „Demokratie braucht Inklusion“ lautet ihre ganz persönliche Botschaft – und ist verbunden mit dem Wunsch, dass alle Menschen akzeptiert werden in dieser Gesellschaft. Genau so, wie sie sind.

Denn Ausgrenzung und Ablehnung hat die 54-Jährige, die bei den Delmewerkstätten in Syke arbeitet, nach eigener Aussage mehr als genug erfahren. Besonders von Menschen, die ebenfalls mit einem Handicap zurechtkommen müssen. Weil sie selbst Erfahrungen damit haben, empfindet sie die Ausgrenzung von ihnen als besonders bitter.

Christiane Hagen berichtet von ihrer leiblichen Mutter, die ihre Schwangerschaft mit aller Kraft habe verstecken wollen. Ihre Tochter kam mit Behinderungen zur Welt. Viel Liebe, so lässt die Schilderung ihres Lebensweges erahnen, hat die 54-Jährige bei ihren Adoptiveltern erfahren. Auch wenn Christiane Hagen in ihrer eigenen Wohnung lebt und sich selbst versorgen kann, sind gemeinsame Mahlzeiten bei und mit den Eltern selbstverständlich – um den guten Kontakt zu pflegen.

Selbstbestimmung für Menschen mit Handicap

„Ich bin dafür, dass man Menschen, die ,normal’ aufgewachsen sind, keinen Betreuer vor die Nase schiebt“, sagt die Sykerin – und fordert für Menschen mit Handicap Selbstbestimmung. „Ich habe nichts gegen gesetzliche Betreuer“, fügt sie hinzu. Aber wer sein Leben selbst bestimmen könne, der solle das auch tun dürfen.

An Selbstbewusstsein fehlt es der Sykerin nicht: „Ich habe Grips im Hirn“, lacht sie. Und erfährt aber immer wieder, dass andere ihr vieles nicht zutrauen. Wie die gesamte Organisation eines Informationsabends zum Thema „Öffentlicher Personennahverkehr für alle“. Die Referenten zu gewinnen und Einladungen auf den Weg zu bringen, sei kein Problem gewesen. „Aber als ich den Veranstaltungssaal buchen wollte, da hat man bei anderen nochmal nachgefragt...“, schmunzelt die SPD-Beisitzerin. Wenn es um Verbesserungen im öffentlichen Personennahverkehr geht, macht die Sykerin keine Kompromisse. Auf den Vorwurf, absolut unrealistisch zu sein, kontert sie gern mit dem Satz: „Ihr schmeißt so viel Geld raus – zum Beispiel für Waffen.“ Stolz ist sie darauf, schon mit SPD-Größen wie Malu Dreyer, der Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, oder Niedersachsens Landesvater Stephan Weil gesprochen zu haben.

„Wenn man etwas verbessern kann, dann soll man es auch tun"

Die 54-Jährige scheut sich nicht, auf großen Veranstaltungen unmissverständlich ihre Meinung zu vertreten – auch wenn sie manchmal nach Worten suchen muss. Dass andere das nervt, bemerkt sie wohl. Doch ihre Verletzung zeigt sie nicht.

„Ich habe genügend Positives um die Ohren, um Negatives zu verarbeiten“, sagt sie. Und beschreibt ihren Grundsatz so: „Wenn man etwas verbessern kann, dann soll man es auch tun ... Da müssen wir selber ran!“

Mehr Infos zur Kampagne gibt es auf der Homepage der Lebenshilfe.

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