„Feuerwehr verlernt man nicht“

Syker Stadtbrandmeister betont: Corona geht zwar auf die Routine – aber das Know-how bleibt

Atemschutzträger der Feuerwehr sammeln sich zum Einsatz beim Großfeuer in Syke.
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Atemschutzträger der Feuerwehr sammeln sich zum Einsatz beim Großfeuer in Syke.

Auch im Bereich des Brandschutzes hat Corona Spuren hinterlassen. Das Fehlen von Übungsdiensten hat die Ortsfeuerwehren in Syke Routine und Mitglieder gekostet. Sykes Stadtbrandmeister und Ortsbrandmeister sind sich aber sicher, dass die Mitglieder das Feuerlöschen nicht verlernt haben.

Syke – Aufatmen bei den Syker Feuerwehren: Seit ein paar Tagen dürfen die Einsatzkräfte wieder trainieren. Zwar nur in kleinen Gruppen bis zu sechs Personen, aber immerhin. Monatelang durften sie überhaupt nicht üben, als die Inzidenzwerte über 100 lagen. Und es gab durchaus kritische Stimmen – auch aus den eigenen Reihen – die dadurch die Einsatzfähigkeit in Gefahr gesehen haben. Teils hinter vorgehaltener Hand, aber sehr wohl auch öffentlich.

Okels Ortsbrandmeister Holger Eitmann hatte beispielsweise im Ortsrat berichtet, dass sich die mangelnde Übung bereits im Ernstfall deutlich bemerkbar mache. Er hat das nicht überdramatisiert. Aber er hat deutlich gemacht: „Da fehlt die Routine! Man denkt dreimal nach. Wie war das jetzt gleich noch? Und wie ging dies gleich noch mal?“

Stadtbrandmeister Stefan Schütte räumt das ohne Wenn und Aber ein. „Die Automatismen sind nicht mehr so vorhanden. Da muss man ehrlich sein und davon kann sich keine Ortsfeuerwehr freimachen. Ich selbst musste neulich bei einem Einsatz eine Pumpe bedienen und erst mal kurz überlegen, wo welche Funktion sitzt.“

Schütte greift zu einem Vergleich: „Wenn eine Fußballmannschaft ein Jahr lang nicht zusammen trainiert, dann stimmen die Laufwege hinterher auch nicht mehr und kein Pass kommt an. Andererseits: Feuerwehr verlernt man nicht.“

Sykes Ortsbrandmeister Rainer Brandt spielt diesen Ball weiter, um im Bild zu bleiben: „Wie man Feuer ausmacht, wissen wir seit vielen Jahren. Das hat sich nicht verändert. Die Fahrzeuge haben sich auch nicht verändert. Das Strahlrohr liegt immer noch an genau der gleichen Stelle wie vor Corona. Es sind Kleinigkeiten. Fragen wie: Gehe ich bei diesem Szenario linksrum ums Auto oder rechtsrum?“

Zwei Großeinsätze mit mehr als 300 aktiven Einsatzkräften haben die Syker Feuerwehren während der Pandemie gehabt. Der erste war der Brand der Seniorenwohn-anlage an der Waldstraße im April 2020. Da war Corona noch neu und die Feuerwehr übungsmäßig noch voll im Saft. Der zweite war knapp ein Jahr später, im März 2021: der Großbrand auf dem ehemaligen Weser-Feinkost-Gelände. Gab es da Unterschiede? „Ich hab nichts gemerkt“, sagt Brandt, „abgesehen von den Kleinigkeiten.“

Viel bemerkenswerter finden er und Stefan Schütte zwei ganz andere Dinge: Dass sich keiner ihrer Leute nennenswert verletzt hat, und dass sich keiner dabei angesteckt hat. Denn das sei von Anfang an das eigentliche Horrorszenario gewesen: Dass die Feuerwehr nicht einsatzfähig ist, weil ihre Aktiven coronakrank darnieder liegen.

„Das ist ja auch der Grund, warum die Feuerwehren nicht mehr üben durften“, hakt Stadtfeuerwehr-Sprecher Torben Schmidt ein. „Um die Ansteckungsgefahr zu reduzieren und die Einsatzfähigkeit aufrecht halten zu können.“ Lediglich Online-Schulungen waren möglich. Für bestimmte Dinge geht das ganz gut. „Baukunde zum Beispiel“, sagt Rainer Brandt. „Wie verhält sich welches Material, wenn es brennt? Kann ich da noch Leute reinschicken? Oder fällt denen dann alles auf den Kopf? Das ersetzt aber keinen praktischen Dienst. Die Jungs wollen was in der Hand haben.“

Beim Großeinsatz im April 2020 waren Corona noch neu und die Einsatzkräfte voll im Training.

Seit wenigen Tagen haben sich die Bestimmungen dafür ein wenig gelockert. Übungsdienst ist aktuell mit bis zu sechs Personen möglich. Sinkt die Inzidenz stabil unter 50, wären bis zu neun Personen möglich. Das ist quasi Fahrzeugstärke. „Das erfordert viel Organisation“, sagt Torben Schmidt. „Wie kann ich welche Gruppen zusammenstellen, damit alle üben können?“

Wer bisher komplett vergessen worden ist, ist die Jugendfeuerwehr. „Die durften bis jetzt überhaupt nichts mehr machen“, sagt Rainer Brandt. „Und ich sehe da ein Riesenproblem auf uns zukommen.“ Denn: Wie viele Mitglieder nach dem Lockdown überhaupt zur Jugendfeuerwehr zurückkommen würden, darauf wagt niemand eine Vorhersage. „Aber wir generieren den Großteil unseres Nachwuchses aus den Jugendfeuerwehren“, sagt Brandt. „Wir werden da über Jahre hinweg eine Lücke haben. Das werden ganz schwere Zeiten“, glaubt er.

Schon jetzt wirkt sich Corona auf den Nachschub an Personal aus. Weil es auch keine Lehrgänge und Fortbildungen mehr gibt. „Bei uns sind drei Quereinsteiger, die seit anderthalb Jahren nichts machen können, weil ihnen die entscheidende Prüfung fehlt“, sagt Rainer Brandt. Und Stefan Schütte ergänzt: „Das ist bei fast allen Feuerwehren so. Deshalb wäre es wichtig, dass jetzt jemand ein Konzept macht, um diesen Ausbildungsstau wieder aufzufangen.“ Der Syker Stadtbrandmeister weiß auch, wer das machen müsste: „Das Land und der Landkreis sind dafür zuständig.“

Von Michael Walter

Ähnliche Größenordnung knapp ein Jahr später beim Brand auf dem ehemaligen Weser-Feinkost-Gelände.

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