Zum Singen in die Strafkolonie

Syker Otto Ritterhoff war 1917/1918 Teil des außergewöhnlichen Internierungslagers Île Longue

Konzertankündigung auf der Ile Longue aus dem Jahr 1917 mit Otto Ritterhoff als Gesangssolist.
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Konzertankündigung auf der Ile Longue aus dem Jahr 1917 mit Otto Ritterhoff als Gesangssolist.

Der Syker Kaufmann Otto Ritterhoff hat es während des Ersten Weltkriegs an ungewöhnlicher Stelle zu einer gewissen Prominenz gebracht: Er war Internierter des französischen Lagers Île Longue. Dort entwickelte sich ein erstaunliches kulturelles Leben - an dem auch Ritterhoff aktiv beteiligt war.

Syke – Es war am 27. Mai 1917, als der gebürtige Syker Otto Wilhelm Konrad Ritterhoff, damals 32 Jahre alt, vor einem außergewöhnlichen Publikum seinen Bariton ertönen ließ. Er sang vor anderen Internierten in einer zum „Konzertsaal“ ausstaffierten Baracke im Internierungslager Île Longue in der Bretagne. Der Rezensent der Lagerzeitung bestätigte in der Rezension mit den Worten „Ebenso sind wir Herrn Ritterhoff ehrlichen Dank schuld für seinen glänzenden Vortrag“, dass Otto Ritterhoff mit seiner beeindruckenden Stimme zum Gelingen des Liederabends beitrug.

Es gab mehrere Auftritte von Ritterhoff in dem Internierungslager, in dem Künstler für ein kulturelles Programm sorgten. Der 1885 als Sohn des Kaufmanns Adolf Ritterhoff und seiner Frau Frieda in Syke geborene Otto Ritterhoff trug an jenem Maitag Werke von Richard Wagner vor, zum Beispiel Siegmunds Liebeslied (aus Wagners „Walküre“) oder das Lied „Träume“ (aus den fünf Gedichten von Mathilde Wesendonk von Richard Wagner zu Musik umgesetzt).

Konzerte im Internierungslager

Das waren nur zwei Beiträge, die Ritterhoff bei Liederabenden oder Konzerten des deutschen Männergesangvereins beisteuerte, der im Internierungslager gegründet worden war und dem 107 Sänger angehörten.

Dass in dem Lager Kultur großgeschrieben wurde, ist unter anderem dem späteren Filmregisseur Georg Wilhelm Pabst (1885-1967) zu verdanken. Pabst wurde im September 1914 auf einem isländischen Schiff von Franzosen festgenommen und in das Internierungslager Île Longue gesteckt. Pabst war schnell die zentrale künstlerische Figur der kulturellen Entwicklung im Lagertheater. Er wurde 1918 aus der Internierung entlassen.

Der Syker Otto Ritterhoff verbrachte an der Hache seine jungen Jahre, ehe es ihn nach Marokko zog, wo er Ende 1912 als Handelsvertreter verantwortliche Positionen bezog. Wie wir dem Buch „Die Marokko-Deutschen 1873 bis 1918“ entnehmen können, war der Syker ab 1912 als Kaufmann und Handelsvertreter für das Unternehmen des Verdeners Friedrich Brandt im Einsatz. Er soll im marokkanischen Ort Mazagan gelebt und von dort die Interessen der ungarischen Reederei Adria in Marokko vertreten haben. Brandt hatte übrigens auch Kontakte nach Barrien: Im Jahr 1900 besuchte ihn seine Barrier Nichte Louise Brandt für ein Jahr in Casablanca.

Mit Beginn des Ersten Weltkriegs hatten die Deutschen in Marokko keinen leichten Stand mehr. Die Franzosen griffen zu. Die deutschen Firmengründer, Kaufleute und Deutsche aus anderen Berufen wurden festgenommen und in Internierungslager gesteckt.

Auch Ritterhoff wurde festgenommen – im August 1914 in Mazagan. Er landete in einer Reihe von Lagern, bevor er in das Internierungslager Ile Longue verlegt wurde. Laut den Unterlagen hatte er sich im Lager Sobdou mit der ebenfalls dort internierten Josephine Margarethe Fritze verlobt. Fritze durfte bald nach Deutschland ausreisen. Für ihren Verlobten mit Syker Wurzeln dauerte es bis fast zum Ende des Ersten Weltkriegs: Erst im August 1918 wurde Ritterhoff nach Viviers entlassen, zwei weitere Monate später kehrte er nach Deutschland zurück.

Ein Auszug aus der Heiratsurkunde von Otto Ritterhoff aus dem Jahr 1918.

Allerdings war nicht Syke sein Ziel, sondern die Heimat seiner Verlobten: Kurz nach Weihnachten 1918 heiratete Ritterhoff „seine“ Josephine in Halle an der Saale. Weniger als ein Jahr später kam Sohn Wolfram zur Welt.

Die Unterschriften von Otto Ritterhoff und seiner Braut

Die Ritterhoffs hielt es nicht lange in Halle. Während das Andressbuch der Stadt 1920 noch die Erdgeschosswohnung an der Händelstraße 37 als Wohnort für Ritterhoff auswies, fehlte der Eintrag ein Jahr später. Die Familie zog zunächst nach Hannover, wo 1921 der zweite Sohn Manfred geboren wurde.

Lebensmittelpunkt war schließlich Wunstorf nahe dem Steinhuder Meer. Dort eröffnete der Kaufmann eine Werksvertretung für landwirtschaftliche Geräte. Seinen älteren Sohn verlor Ritterhoff im Zweiten Weltkrieg: Wolfram fiel 1943. Ritterhoff wurde zweimal Großvater und starb 1956 im Alter von 71 Jahren in Wunstorf. Als Todesursachen wurden ein Oberschenkelbruch, Parkinson und eine Herz- und Kreislaufschwäche vermerkt. Nach Syke war er zeitlebens nicht mehr zurückgekehrt.

Von Dieter Niederheide und Frank Jaursch

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