Auf dem Rathausplatz

Gegen Rassismus: Stadt Syke veranstaltet „Tag der Jugend“ am 9. November

Stellten das Programm zum Tag der Jugend am 9. November vor. Von links: Stadtjugendpfleger Abdelhafid Catruat, Martin Rietsch, Bürgermeisterin Suse Laue, Vorwerk-Leiterin Nicole Giese-Kroner und Musikerin Ela Fischer.
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Stellten das Programm zum Tag der Jugend am 9. November vor. Von links: Stadtjugendpfleger Abdelhafid Catruat, Martin Rietsch, Bürgermeisterin Suse Laue, Vorwerk-Leiterin Nicole Giese-Kroner und Musikerin Ela Fischer.

Syke – Zum Tag der Jugend lädt die Stadt Syke für Dienstag, 9. November, von 16 bis 20 Uhr auf den Rathausplatz ein. Dort warten auf die Besucher Musik und Tanz, eine Podiumsdiskussion und eine Foto-Ausstellung. Parallel zeigt die Stadtbibliothek um 18 Uhr einen Kurzfilm. Soweit die bloßen Fakten. Die Hintergründe sind ein bisschen komplexer.

Der 9. November ist der Jahrestag der später verharmlosend so genannten Reichskristallnacht: Dieses reichsweite Pogrom in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 waren die ersten im großen Umfang vom Staat organisierten und gesteuerten Gewaltmaßnahmen gegen Juden in Deutschland und Österreich. Dabei wurden etwa 700 Juden ermordet, unzählige jüdische Geschäfte, Wohnungen und Friedhöfe zerstört und mehr als 1400 Synagogen in Brand gesteckt. In den Tagen danach wurden etwa 30 000 Juden in Konzentrationslagern inhaftiert, von denen ebenfalls mehrere hundert ums Leben kamen oder an den Folgen starben. Der 9. November 1938 markiert den Übergang von der staatlich geduldeten und geförderten Judendiskriminierung in Deutschland und Österreich zur offenen Verfolgung, die schließlich in den Holocaust mündete: Die organisierte Massenermordung der Juden im von den Deutschen besetzten Europa.

„Natürlich wollen wir auch daran erinnern“, betont Bürgermeisterin Suse Laue. Wie aber viele andere Gemeinden auch, will Syke an diesem Datum nicht bloß auf die Vergangenheit blicken, sondern auf die Gegenwart und Zukunft. Indem sie den Blick auf heutige Formen von Rassismus und Diskriminierung lenkt, wie sie viele Menschen auch in Syke und umzu jeden Tag erleben, und indem sie wirbt für demokratisches Bewusstsein, Toleranz und Mitmenschlichkeit.

Das Programm dafür steht seit über einem Jahr: Stadtjugendpfleger Abdelhafid Catruat hatte es für 2020 schon ausgefeilt – und musste es dann coronahalber absagen. „Das Konzept ist so gut, dass wir es um ein Jahr verschieben können, hatten wir damals gesagt“, erzählt Catruat. „Alle Partner von damals sind an Bord geblieben, Wir sind sogar mehr geworden.“

Martin Rietsch gehört zum Beispiel dazu. Er ist Vorstand im Verein „Aktion Liebe Deinen Nächsten“ und tritt auch als Sänger und Rapper unter dem Namen 2schneidig auf. Darüber hinaus ist er Initiator der Wanderausstellung „Sei eine Stimme“, die den Mittelpunkt des Programms auf dem Rathausplatz bildet. „Wir wollen darin Stimmen sichtbar machen“, erklärt er. Die Ausstellung zeigt großformatige Aufnahmen von Gesichtern aus Politik, Sport, Wissenschaft und Unterhaltung mit individuellen Statements für Respekt und Menschlichkeit. Kurzweilig und mit Botschaften, die Impulse für das gesellschaftliche Zeitgeschehen geben und zum Nachdenken anregen. „Wir wollen auch Mut machen, selber die Stimme zu erheben“, sagt Rietsch. „Jeder Besucher kann sich vor einer goldenen Wand mit seinem persönlichen Statement ablichten lassen.“

Worte haben Macht, findet Rietsch. „Worte können aufbauen, sie können einen aber auch unterbuttern. Ich finde es wichtig, gerade bei jungen Leuten anzusetzen und sie nicht irgendwelchen Gruppenzwängen zu überlassen.“

Rietsch wird am 9. November durch das Programm führen und auch die geplante Podiumsdiskussion moderieren, bei der ebenfalls Gesichter aus Sport, Politik und Unterhaltung teilnehmen.

Danach gibt es Livemusik. Unter anderem Reggae, R&B und HipHop mit Dadda Dice, bassige Beats mit Fe*Male Treasure, Pop mit Igor Barbosa und einen Mix aus vielen Welten mit Ela Fischer.

Ela hat ihre familiären Wurzeln im Senegal, ist in Straßburg aufgewachsen und lebt seit etwa 15 Jahren in Bremen. Ihr lupenreines Norddeutsch hat sie ihrem norddeutschen Opa zu verdanken.

„Ich bin in den 80ern und 90ern mit ARD und ZDF aufgewachsen“, erzählt sie. „Und es war kein Mensch schwarz im Fernsehen.“ Der Alltagsrassismus, den sie erlebt, äußert sich oft in der stillen Voraussetzung, dass sie als Schwarze keine Einheimische sein könne. „Leute sprechen mich automatisch auf Englisch an“, erzählt sie. „Sie sprechen erst meinen Mann an, bevor sie mit mir reden. Oder sie fragen meine Kinder: Spricht deine Mama Deutsch?“ Mit ihrer künstlerischen Arbeit will sie „einfach zeigen, dass wir da sind“. Für den 9. November hat sie sich allerdings extrem viel vorgenommen: „Mein Hauptziel ist, die Syker zum Mitsingen zu bringen.“

Diverse Infostände runden das Programmangebot auf dem Rathausplatz ab. „Wir freuen uns auf einen bunten Nachmittag und hoffen, dass viele kommen“, sagt Abdelhafid Catruat. „Das Wetter wird gut – das weiß ich.“

Parallel zum Geschehen auf dem Rathausplatz zeigt das Vorwerk in der Stadtbibliothek um 18 Uhr den Kurzfilm „Mazel Tov Cocktail“. Hauptperson ist der 16-jährige Dima, Sohn russischer Auswanderer und Jude. „Da werden viele Verhaltensweisen aufgezeigt, denen Juden immer noch begegnen“, sagt Vorwerk-Kuratorin Nicole Giese-Kroner. „Bis hin zu dem Umstand, dass sich viele nicht trauen, das Wort Jude auszusprechen.“ Regisseur Arkadij Khaet ist an diesem Abend in Syke, spricht im Anschluss an die Vorführung mit Moderator Axel Brüggemann und freut sich auf gute Fragen aus dem Publikum.

„Die Zahl der Zuschauer ist begrenzt“, sagt Giese-Kroner. „Wer ganz sicher dabei sein will, meldet sich vorher an.“

Anmelden für den Film

04242 / 164-655
sitzungsdienst@syke.de

Von Michael Walter

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