Rauchzeichen statt Internet

Unternehmen im Barrier Nordfeld droht Rückfall in die Steinzeit der Telekommunikation

Ein Kabelbündel aus Glasfaserkabeln vor einer sogenannten Speedpipe (Leerrohr) für ein Glasfasernetzwerk.
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Der Stoff, aus dem die Nordfeld-Träume sind: ein Kabelbündel aus Glasfaserkabeln vor einer sogenannten Speedpipe (Leerrohr) für ein Glasfasernetzwerk.

Im Herbst 2022 soll das Gewerbegebiet Nordfeld in Barrien ans ultraschnelle Glasfasernetz angeschlossen werden. Doch bis dahin droht einigen Betrieben der Rückfall in längst vergangene Zeiten der Telekommunikation. Einige Firmen stellt das vor massive Probleme.

  • Telekom-Versorger Ewetel hat einigen Unternehmen im Barrier Gewerbegebiet Nordfeld die Verträge gekündigt.
  • Die Umstellung auf Voice-over-IP stellt einige Betriebe wegen der schlechten Internetverbindung vor große Probleme.
  • Unternehmer fühlen sich von Stadt und Landkreis im Stich gelassen.

Barrien – Die Unternehmen im Gewerbegebiet Nordfeld sind Kummer gewohnt, was Internet und Telekommunikation betrifft: Dort liegen die dünnsten heute vorstellbaren Telefonleitungen. Als das Gebiet vor 20 Jahren erschlossen wurde, war ISDN mit 256 Kilobit pro Sekunde bei Kanalbündelung zeitgemäßer Standard, heute ist das hoffnungslos veraltet. Deshalb waren alle froh, als es hieß:

Das Gebiet wird bis Herbst 2022 mit Glasfaser erschlossen. Doch jetzt droht der Rückfall in die Steinzeit.

Der aktuelle Anbieter Ewetel hat den Unternehmen die Verträge gekündigt. Grund: die veraltete Vermittlungstechnik. Die Komponenten werden heute nicht mehr hergestellt. „Es gibt also keine Ersatzteile mehr. Daher sind wir gezwungen, diese Technik zurückzubauen“, erklärt Ewetel-Pressesprecher Mathias Radowski.

Unternehmer Markus Wolf bringt das in eine Zwickmühle: Wenn er nicht ab Herbst per Rauchzeichen mit seinen Kunden kommunizieren will, muss er jetzt einen DSL-Vertrag abschließen. Ob mit Ewetel oder einem anderen Anbieter. Er hat aber schon mit Nordischnet abgeschlossen: Ab Herbst 2022, wenn die Glasfaser verlegt und angeschlossen ist. Denn DSL ist für ihn wegen der viel zu dünnen, veralteten Leitungen auf Dauer keine Alternative zur um ein Vielfaches leistungsfähigeren Glasfaser.

Zwei Fragen stellen sich Wolf. Erstens: Riskiert er seine Vertragskonditionen für den Glasfaseranschluss, wenn er jetzt, nachdem er mit Nordischnet bereits abgeschlossen hat, einen anderen Vertrag mit einem anderen Anbieter abschließt? Und zweitens: Käme er dann aus dem neuen Vertrag wieder raus, sobald die Glasfaser kommt?

Bei Ewetel jedenfalls nicht. „Unsere Verträge haben eine Laufzeit von zwei Jahren“, sagt Mathias Radowski. „Selbstverständlich kann sich ein Kunde in dieser Zeit von einem anderen Anbieter eine neue Infrastruktur legen lassen und diese dann nutzen. Dadurch verkürzt sich allerdings nicht unsere Vertragslaufzeit.“

Heißt im Klartext: Der Barrier Unternehmer dürfte in diesem Fall ein Jahr lang an Ewetel für eine Lei(s)tung zahlen, die er gar nicht nutzt.

Wolf ist nicht der Einzige, dessen Firma vor diesem Dilemma steht. „Andere Betriebe in der Nachbarschaft sind auch betroffen“, sagt er. Und die Stimmung sei entsprechend schlecht. „Die kotzen hier alle ab!“

Wäre es technisch überhaupt machbar, in diesem räumlich eng begrenzten Gebiet einfach den Status quo bis Herbst ‘22 zu belassen? Und wenn nicht: Warum macht Ewetel dann nicht aus der Not eine Tugend und bietet den Unternehmen im Nordfeld eine praktischere Lösung an? Zum Beispiel einen kurzfristigen Vertrag oder wenigstens ein Sonderkündigungsrecht?

Auch auf Rückfrage unserer Zeitung lässt Ewetel diese Fragen unbeantwortet. Und schafft vielmehr Fakten: Man könne den Kunden „keine alternative Leitungstechnik mit ordentlicher Bandbreite“ anbieten, heißt es in einem Anschreiben an das Barrier Unternehmen. Dieser Fall sei „sehr einmalig“, der Ewetel bleibe nichts anderes übrig, als das Vertragsverhältnis zu beenden.

Wir haben sechs Plätze, die pausenlos Daten ins Internet hochladen – mit 0,2 bis 0,6 Mbit. Und dann sollen wir da auch noch mit vier Leitungen gleichzeitig drauf telefonieren?

Markus Wolf

Stadtverwaltung und Landkreis haben versucht, zu vermitteln. Vergeblich. Laut Mareike Rein, Pressesprecherin beim Landkreis, bleibt betroffenen Unternehmen nichts weiter übrig, als für die Übergangszeit bei anderen Telekommunikationsanbietern Verträge abzuschließen. Es gebe da durchaus Angebote mit kürzeren Laufzeiten.

Das löse nicht das Problem, heißt es aus dem Nordfeld. Knackpunkt sei schließlich nicht der Abschluss eines Vertrags – mit welchem Anbieter auch immer –, sondern die bestehenden, hoffnungslos veralteten Leitungen. „Wir haben sechs Plätze, die pausenlos Daten ins Internet hochladen – mit 0,2 bis 0,6 Mbit. Und dann sollen wir da auch noch mit vier Leitungen gleichzeitig drauf telefonieren?“ Wolf fühlt sich im Stich gelassen. „Von der Stadt kriegt man noch nicht mal Antwort. Es fühlt sich niemand verantwortlich.“

Da trifft Wolf auch den Falschen, denn die Stadt hat damit gar nichts zu tun. Der Glasfaserausbau läuft über den Landkreis, Vermarktung und später der Betrieb über Nordischnet. Ändert aber nicht viel: Denn auch der Landkreis kann den Ausbau im Nordfeld nicht vorziehen.

Die Sache ist kompliziert, weil der Glasfaserausbau zum guten Teil mit Fördergeldern vom Bund finanziert wird. Laut Mareike Rein 180 Millionen Euro, ohne die der Landkreis den Ausbau gar nicht finanzieren könnte. Die Förderung ist aber mit Spielregeln verknüpft. So musste der Ausbau etwa auf mehrere Baulose verteilt werden, die separat ausgeschrieben wurden. Das ist zum Beispiel der Grund, warum das Nordfeld nicht gemeinsam mit dem benachbarten Neubaugebiet Moorheide erschlossen werden kann. Obwohl nur durch die alte Sudweyher Straße getrennt, sind das zwei verschiedene Baulose.

Die Arbeiten am Baulos, zu dem das Nordfeld gehört, haben bereits begonnen. Aber das Nordfeld selbst ist noch nicht dran. Und es vorzuziehen, ist laut Mareike Rein nicht möglich, weil dann der Generalplan neu geschrieben werden müsste – und dann wären die Fördergelder weg, weil die sich auf einen anderen – den aktuellen – Generalplan beziehen.

Selbst wenn die Unternehmen im Nordfeld nun selbst den Bagger bestellen sollten und Leerrohre verlegen, sodass Nordischnet lediglich die Glasfaserkabel einpusten müsste, würde das nichts bringen. „Weil die Knotenpunkte, die das Gebiet mit der Außenwelt verbinden, erst später gebaut werden“, so Mareike Rein.

Am Ende der Geschichte sind die Nordfeld-Unternehmen die, welche das Dilemma ausbaden müssen. Wolfs Firma prüft derzeit, ob es die Möglichkeit gibt, eine Mischtechnologie aus den bestehenden Leitungen und LTE zu nutzen. Auf den daraus entstehenden Mehrkosten bleibt das Barrier Unternehmen – das erst vor fünf Jahren im Nordfeld gebaut hatte – sitzen. „Und das, obwohl die Gewerbegebiete ja der Herzschlag einer jeden Gemeinde sind wegen der Gewerbesteuer“, sagt Markus Wolf.

Genau die will sein Unternehmen vorerst demonstrativ einbehalten.

Von Michael Walter und Frank Jaursch

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