„Dörfer sind immer im Kopf“

Simon Pearce im Gleis 1: Ode an die Toleranz

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Simon Pearce ist als frischgebackener Vater in seine eigene Kindheit abgetaucht. Mit lustigen Anekdoten, bedrückende Erinnerungen und etwas Schauspiel hat er die Syker verzückt.

Syke - Von Marc Lentvogt. Einige Minuten dauerte es, dann dürfte den Besuchern im Syker Gleis 1 klar gewesen sein, warum Simon Pearce vergangene Woche im Interview betont hatte, dass er seine Mama liebt. Sie steht im Mittelpunkt vieler Witze des bayrischen Comedians und Schauspielers – und diese Witze sind, so mag Pearce es, gern mal unter der Gürtellinie.

Den Humor der mehr als 60 anwesenden Syker hat er damit nicht verfehlt, am Ende waren es aber weder die Erinnerungen an die Mutter, die den größten Zuspruch des – nach Pearce Einschätzung eher ruhigen – Publikums erhielten. Auch sein großes Alleinstellungsmerkmal, als Sohn eines Klischee-Bayern (Nigerianer) und einer Voodoo-Priesterin (Bayrische Volksschauspielerin) in einer Münchener Vorstadt aufgewachsen zu sein, zog nicht die intensivsten Lacher auf sich.

Nein, am besten lachte es sich über Bayern und die große Politik und so war es gut, dass Pearce entgegen einer anfänglichen Behauptung, mit dem politischen Teil bereits durch zu sein, eben doch immer wieder Sticheleien in Richtung des bayrischen Staates entsandte. Markus, den Pearce in der zweiten Klasse als zukünftigen besten Freund ausgemacht hatte, zeichnete auf ihren gemeinsamen Schultisch direkt eine Grenze. Das wirkte klein kariert, geschadet hat es ihm aber nicht. „Heute ist er Ministerpräsident“, Grenzen ziehe er immer noch gern. Ganz im Sinne des Erfinders folgte grenzenloses Gekicher.

Pearce sollte nicht auf Witze reduziert werden

Simon Pearce Programm aber auf seine Witze zu reduzieren, würde der zweistündigen Darbietung nicht gerecht werden. Dem frischen Vater („Mein Kind wurde leider in Siegen geboren. Es gibt schönere Orte. Mordor zum Beispiel oder Halle an der Saale“) ist Toleranz ein wichtiges Anliegen. Problematisch ist nur: Selbst Toleranz kann in unterschiedlichen Situationen negative Folgen haben.

Als Beispiel zieht Pearce den Mikrokosmos Münchener Ragga-Parties heran. (Ragga ist eine Form des Reggae.) Einige Künstler dieser Szene haben jahrelang homophobe Texte produziert. In der bayrischen Hauptstadt habe man die Texte nicht verstanden, aber gedacht, es gehe wie bei allem, was grob nach Bob Marley klinge, nur um Liebe. Und so feierten die „tolerantesten der Toleranten mit Peace-Zeichen die Schwulenfeindlichkeit“. So schnell könne es trotz bester Intentionen gehen: Der Grat zwischen guter Tat und Reinfall sei gelegentlich schmal. München sehe sich gern als Großstadtdschungel, aber es zeige sich: „München ist auch nur ein Dorf. Denn das Dorf findet immer im Kopf statt.“ Die wichtigsten Worte eines Comedy-Abends, der eben weit mehr war als nur Klamauk.

Bewerbung für zweiten Auftritt gelungen

Bleibt noch zu klären: Hat Simon Pearce sich beim Syker Publikum für ein zweites Gastspiel beworben? Das darf bejaht werden. Sein Witz, insbesondere das Spiel mit dem Publikum, ist gut angekommen, wenn auch der zwanzigste Witz mit mütterlicher Beteiligung mal eine kurze Entrüstung hervorrief.

Für die zwischenmenschlichen Töne, die Analyse gesellschaftlicher Themen – mal ernst (Rassismus), mal spaßig (Hosentragen auf Kniehöhe) – und die gänzlich andere Kindheitserfahrung aufgrund einer einzigen körperlichen Eigenschaft, lohnt es sich Pearce beizuwohnen. Ergänzt um kleine schauspielerische Elemente und eine kurze Lesung aus seinem Buch, ist der Abend genau das geworden, was das Gleis 1 sich erhofft hat: ein würdiger Abschluss der Comedy-Saison.

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